Über die Erziehung von Pflegekindern: „Zu viele Regeln machen unfrei“

Über die Erziehung von Pflegekindern: „Zu viele Regeln machen unfrei“

Von Pamela Premm

Pflegekinder kommen aus einer völlig anderen Welt und müssen sich in einer fremden Familie mit fremden Tagesabläufen zurechtfinden. Da ist Verständnis gefragt. Buchautorin und Pflegemutter Monika Schilling hat vier Pflegekindern ein Zuhause geschenkt. Und weiß, dass in der Erziehung von Pflegekindern Gespräche wichtiger sind als Regeln.

Zu viele Regeln machen unfrei

Bevor Monika Schilling eine Regel aufstellt, überlegt sie sich genau, welche Konsequenzen diese für ihr eigenes Wohlbefinden und für das gesamte Familienleben hat. „Ich will mich nicht meiner eigenen Freiheit berauben, indem ich eine unnötige Regel aufstelle“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin und Kinderbuchautorin. In ihrer Pflegefamilie gibt es nur einige grundsätzliche Versorgungsregeln wie Zähne putzen, zur Schule gehen oder freundlich miteinander sein. „Pflegekinder müssen so unglaublich viel leisten. Da braucht es nicht noch zusätzliche Regeln“, sagt die Pflegemutter.

Gleiches gilt für Strafen: „Was nützt es mir, wenn ich den Kindern eine Woche Fernsehverbot erteile, ihnen dann aber eine interessante TV-Dokumentation zeigen möchte? Auf diese Weise mache ich mich und uns zum Sklaven meiner Strafe und am Ende ärgere ich mich über mich selbst.“

Monika Schilling

Was ist Grundmotiv von Fehlverhalten?

Erziehung von Pflegekindern

Anstatt die Kinder zu maßregeln, sollten Pflegeeltern das Grundmotiv hinterfragen, welches hinter einem Fehlverhalten steckt. Kein Kind will seinen Pflegeeltern vorsätzlich Schaden zufügen oder sie gar verletzen. Daher sollten sich Pflegeeltern auch nicht persönlich angegriffen fühlen. „Die Kinder sind nicht per se böse. Sie hatten in den Ursprungsfamilien einfach keine Chance, moralische Werte zu verinnerlichen. Sie handeln aus dem Impuls mangelnder Bedürfniskontrolle heraus. Es liegt an mir, ihnen einen besseren Weg aufzuzeigen.“ Monika Schilling geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ich versuche Situationen zu vermeiden, die zu einem bestimmten Verhalten führen. Das erfordert Disziplin trägt aber zum Familienfrieden bei. So habe ich die Erfahrung gemacht, dass so viel einfacher bdie Erziehung von Pflegekindern gelingt.“

Werte vorleben statt strafen

Doch wie wahrt man den Familienfrieden in einer Pflegefamilie mit vier Pflegekindern? Indem man Werte vorlebt und respektvoll miteinander umgeht. Das ist nach Monika Schilling das ganze Geheimnis. „In der Erziehung von Pflegekindern ist vor allem Geduld gefragt. Ich versuche meinen Pflegekindern ein gewisses Grundverständnis entgegen zu bringen und in Konfliktsituationen ruhig zu bleiben. Auch wenn eines meiner Pflegekinder mal völlig ausflippt, schaffen wir es immer wieder, dass es sich fängt und auf Normallevel herunterfährt. Letztendlich behandle ich meine Pflegekinder so, wie ich auch gerne behandelt werden möchte. Und wenn eines der Kinder mal tobt, dann darf es die Emotionen herauslassen. Das ist kein Grund für mich, mit Strafen zu drohen oder selbst laut zu werden. Ich mag schließlich auch nicht angeschrien werden.“

Verhalten neu verinnerlichen

Was sich so einfach und plausibel anhört, ist ein stetiger Prozess. Bis ein Pflegekind bestimmte Verhaltensmuster verinnerlicht hat, kann es lange dauern. Aber Geduld und Zuversicht lohnen sich, auch wenn immer nur kleine Erfolge sichtbar werden. „Man muss sich das so vorstellen: Pflegekinder sind hungrig nach allen Seiten, wie ein Fass ohne Boden“, erklärt Schilling. „Unsere Aufgabe besteht darin, dieses Fass zu füllen. Ein tägliches Abendritual hilft uns dabei.“

Erziehung von Pflegekindern – die Abendrunde als Ritual

Erziehung von Pflegekindern
Bei einer Pflegefamilie entdeckt

Für viele Familien erscheint ein Abendritual mühsam, dabei hilft es, Emotionen zu reflektieren und Geschehenes zu verarbeiten. Familie Schilling trifft sich nach dem Abendessen. „Während unserer Abendrunde besprechen wir den Tag. Jeder darf berichten, was ihn besonders gefreut oder genervt hat. In dieser Zeit hören wir uns aufmerksam zu, schmieden Pläne und begeben uns auf Phantasiereise.“ Für die Pflegekinder ist es wichtig, einen geschützten Ort zu haben, an dem sie über Gefühle und Erfahrungen sprechen können. Manchmal denkt sich die Familie Geschichten aus, die in Kinderbüchern verarbeitet werden. „Am Anfang habe ich das Erlebte in Wochenberichten zusammengefasst und den Kindern vorgelesen,“ so Schilling. „Schnell merkte ich, dass die Geschichten etwas bei den Kindern bewirken. Sie fühlen sich wahrgenommen.“

Gemeinsam Kinderbücher entwickeln

Mittlerweile entwickelt die Familie gemeinsam Kinderbücher mit fiktiven Charakteren, die spannende Abenteuer erleben. Die Pflegekinder beteiligen sich an der kreativen Gestaltung und erkennen sie sich in den Figuren wieder. „Über die Geschichten kommen wir als Pflegeeltern mit unseren Kindern ins Gespräch. Und ganz nebenbei überbrücken wir die große Altersspanne, die zwischen den 9- und 14-jährigen Kindern liegt.“ Im Gespräch zu bleiben, ist in der Erziehung von Pflegekindern besonders wichtig, da es im Alltag immer wieder Konflikte gibt.

Pflegeeltern als Anwalt der Kinder

Bis ein Kind in der Pflegefamilie ankommt, vergehen Monate, weiß Monika Schilling. Erst nach der Honeymoon-Zeit zeigen sich die gesamten Ausmaße der traumatischen Erlebnisse. Doch auch nach dem Übergang in die Pflegefamilien sind schmerzhafte Erfahrungen täglicher Begleiter. „Pflegekinder werden alltäglich mit ihrer Herkunft konfrontiert. Da reicht ein Baby-Bild aus, dass sie in die Schule mitbringen sollen, um Wunden wieder aufzureißen.“ Es gibt immer wieder diese Situationen, in denen Pflegekinder ausgegrenzt werden oder Verletzungen erfahren, die sie nur schwer aushalten können. Den meisten Außenstehenden fällt es schwer, sich in die Situation von Pflegekindern hineinzuversetzen. „Wir verstehen uns als Anwalt unserer Kinder und machen auf Begebenheiten aufmerksam. Es sind gerade die existenziellen Fragen, die für Pflegekinder unbeantwortet bleiben und starke Emotionen auslösen.“ Familie Schilling unterscheidet bei Konflikten ganz klar zwischen Öffentlichkeit und Zuhause: „Konfrontationen aus dem Umfeld dürfen nicht zum Konfliktthema zuhause werden. Wir sprechen über das, was passiert ist, aber wir versuchen immer, den Ärger vor der Tür zu lassen. Hier sollen unsere Pflegekinder einfach nur ein geborgenes Nest haben, ganz ohne Verhaltensdruck.“ Und wenn der Haussegen doch mal schiefhängt? „Dann haken wir den Tag einfach ab. Jeder Tag ist neu und genau so wollen wir ihn begehen.“

Wollen auch Sie in die Erziehung von Pflegekindern einsteigen, dann nehmen Sie Kontakt mit uns auf.

Besuchskontakte von Pflegekindern zu den leiblichen Eltern

Besuchskontakte von Pflegekindern zu den leiblichen Eltern

Aus der Interview-Reihe: Pflegeeltern werden

Teil 3: Zwischen den Familien – Besuchskontakte von Pflegekindern zu den leiblichen Eltern

Von Pamela Premm

Wer sich für ein Pflegekind entscheidet, nimmt unweigerlich eine Zwischenposition ein. Da sind die leiblichen Eltern auf der einen Seite, das Jugendamt und der Vormund auf der anderen. Und dazwischen die Pflegefamilie, die sich 24 Stunden am Tag um das Wohl des Pflegekindes kümmert und ihm ein geborgenes Umfeld schenkt. Um diesen Spagat zu meistern, bedarf es eine große Portion Vertrauen und starken Zusammenhalt. Was das bedeutet, wissen auch Caroline und Thomas Wagner mit ihren drei Pflegetöchtern.

Pflegestellen werden in Hessen und deutschlandweit dringend gesucht

Psychische Erkrankungen machen es den leiblichen Eltern oft unmöglich, sich um die eigenen Kinder zu kümmern. Diese haben zumeist viel Leid erfahren: Trennungsängste, Beziehungsabbrüche bis hin zur körperlichen Misshandlung. Die Vorgeschichte nehmen sie mit in die neue Familie. „Da braucht es zu Beginn eine Menge Zuspruch“, sagt Caroline. „Erstmal geht es darum, eine Bindung und Vertrauen aufzubauen.

Besuchskontakte von Pflegekindern zu den leiblichen Eltern

© Konstantin Yuganov-mozZz – Fotolia.com

Dazu gehört auch, eine sinnvolle Besuchsregelung mit den leiblichen Eltern zu vereinbaren.“ In dieser Hinsicht wünscht sich die dreifache Pflegemutter mehr Rechte für Pflegefamilien. Gerade am Anfang müssen die Besuchskontakte behutsam erfolgen. „Ich halte es für wichtig, dass unsere Pflegekinder regelmäßigen Kontakt zu den leiblichen Eltern halten. Sie sollen auch ihre Wurzeln kennen lernen und erfahren dürfen, dass sie ihren Eltern etwas bedeuten. Allerdings sollte immer auf das Wohl der Kinder geachtet werden.“

Es wird viel Unruhe von außen reingetragen

Dass da die angesetzten Besuchskontakte bei Pflegekindern auch zu früh erfolgen können, musste die Pflegemutter schmerzlich erfahren. „Unsere große Tochter hatte in der Anfangsphase starke Schwierigkeiten, die Besuche bei den leiblichen Eltern zu verarbeiten. Die Kontakte waren zu häufig, ich durfte als Rückhalt nicht dabei sein. Das hat uns jedes Mal wieder zurückgeworfen. Sie war damals noch ein Kleinkind. Unsere Pflegetochter und auch wir fühlten uns in der Situation allein gelassen.“ Ähnlich verlief der Kontakt bei Melina, die schon als Baby zu den Wagners kam. Es gab monatelang keinen oder nur sporadischen Kontakt zur Mutter. Jeder Kontakt überforderte das Kind, dennoch wurde trotz einer psychischen Erkrankung der Mutter irgendwann eine Rückführung angedacht. Die Sorge um das Kind und die monatelange Unsicherheit war für das Paar sehr belastend. „Es wird so viel Unruhe von außen reingetragen. Ich wünschte mir, dass wir mehr Rechte hätten, auf Entscheidungen zum Wohle des Kindes einzuwirken“, so der Pflegevater Thomas. Bei der 3-jährigen hat sich das Jugendamt mittlerweile für einen dauerhaften Verbleib in der Pflegefamilie ausgesprochen. Bei den großen Pflegetöchtern ist der Umgang mit den leiblichen Eltern inzwischen adäquat geregelt. Das Paar rät jedem, sich frühzeitig Hilfe und Rat zu holen, auch was eine mögliche Rückführung angeht.

Pflegeeltern sollten sich stärker emanzipieren

Gerichtstermine, Gutachten, schwierige Besuchskontakte von Pflegekindern zu den leiblichen Eltern – auch das gehört unter Umständen zu einem Leben als Pflegefamilie. Auch bei Familie Wagner versuchen die leiblichen Eltern immer wieder die Pflegekinder zurückzuholen. Teilweise unter inakzeptablen Bedingungen. „Eine Rückführung hätte in allen drei Fällen dem Kindeswohl geschadet. Es waren teilweise zermürbende Termine bis hin zum Oberlandesgericht, die viel Kraft gekostet haben.“ Der Pflegevater hat sich mittlerweile selbst schlau gemacht, Gesetze studiert und immer wieder Beistand gesucht. Besuchskontakte von Pflegekindern zu den leiblichen Eltern„Wichtig ist, dass man sich rechtzeitig informiert, immer wieder nachfragt und auf sein Recht besteht. Pflegeeltern sollten sich stärker emanzipieren. Der St. Elisabeth-Verein in Marburg hat uns dabei großartig unterstützt.“ Gespräche mit dem zuständigen Supervisor helfen beim Verarbeiten der schwierigen Momente und bei Sachfragen. „Wir mussten schon einige Krisen überstehen“, sagt auch Caroline. „Aber wir sind auch daran gewachsen, sodass uns so schnell nichts mehr aus der Bahn wirft.“ Und mit jeder positiven Rückmeldung wächst auch das Vertrauen in die eigene Kraft.

Die nötige Distanz und der Glaube haben dem Paar geholfen

Und welche Strategie verfolgt das Paar, um die Herausforderungen zu bewältigen? „Ich betrachte den Sachverhalt mit einer gewissen Distanz. Mir ist es wichtig, einen klaren Kopf zu bewahren und mich zu informieren“, sagt der Pflegevater. Die Mutter tickt da anders: „Mir hat mein Glaube sehr geholfen. Mein Schicksal in Gottes Hände zu legen, nimmt mir die Last auf meinen Schultern.“ Einen Groll gegen die Eltern hegt sie nicht.  „Man darf nicht vergessen, dass auch die leiblichen Eltern in einer schwierigen Lage sind. Sie haben diesen wunderbaren kleinen Menschenkindern das Leben geschenkt und können sie nun nicht begleiten. Das ist schon schwer.“ Allerdings wünscht sich das Paar auch klarere Strukturen für alle Beteiligten zum Wohle des Kindes. „Mit Pflegekindern sollte nicht experimentiert werden, insbesondere wenn sie schon als Säuglinge aus der Familie herausgenommen wurden. Sie kennen doch teilweise gar nichts anderes als ihre Bezugspersonen in den Pflegefamilien.“ Besuchskontakte von Pflegekindern zu den leiblichen ElternBei der Frage, ob sie es manchmal bereuen, sich auf das Abenteuer Pflegekind eingelassen zu haben, schütteln beide den Kopf: „Mögliche Rückführungen und schwierige Besuchskontakte von Pflegekindern zu den leiblichen Eltern, sind sicherlich belastend, aber am Ende überwiegt die Freude an den Kindern. Pflegefamilien werden händeringend gesucht, also warum nicht etwas Gutes tun? Unsere Kinder brauchten ein Zuhause und wir wollten unbedingt Kindern ein Zuhause schenken. Und wenn abends die Kleine im Bett liegt und sagt, dass sie uns liebhat, lösen sich alle Bedenken in Luft auf.“

Sie möchten Pflegekindern ein sicheres, geborgenes Umfeld schenken? Dann melden Sie sich gerne bei uns. 

Und hier der Link zu unserem Film „Basisstation gesucht“, der Sie motivieren soll das Abenteuer Pflegefamilie zu wagen. Herzlichen Dank an Christoph Schuchardt von kameramann 24.

(Namen wurden von der Redaktion geändert)

Partnerschaft in Pflegefamilien

Partnerschaft in Pflegefamilien

Gedanken zum Valentinstag: Von Partnerschaft und Romantik in Pflegefamilien

Von Gastautorin: Pamela Premm

Endlich ein Kind! Für viele zukünftigen Pflegefamilien ist der Moment wohl gleichbedeutend mit der Geburt des eigenen Kindes. Die Freude über den Neuankömmling ist groß. Plötzlich bereichert ein kleines Wunder mit all seinen Eigenschaften den Alltag. Es kann zuckersüß gucken. Wunderbar trotzen, wenn etwas nicht nach seinem Sinn läuft. Es gibt unserem Tag Struktur und wirft dabei alles aus der Bahn. Man sollte sich die Zeit nehmen, sich kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen und zu begreifen, dass das Leben von nun an komplett anders verläuft. Die Pflegekinder-Flitterwochen sind eine ganz besondere Zeit, intensiv und dennoch irgendwann vorbei. Doch was passiert, wenn sich der Alltag einschleicht? Dann sollten Pflegeeltern immer noch daran denken, was sie ursprünglich einmal waren: ein Paar!

Wie also geht Partnerschaft in Pflegefamilien? Pflegeeltern sollten nicht in die Fürsorgefalle tappen

Wie viel Platz ist eigentlich für Partnerschaft und Romantik in (Pflege-)familien? Ich erwisch mich selbst immer wieder dabei. Ich habe geputzt und gekocht, Tränen getrocknet und vorgelesen. Tische gedeckt und abgeräumt. Revierkämpfe ausgetragen und gekuschelt. Und nach einem anstrengenden Tag ruft die Couch. Laut und penetrant. Mein Akku ist erschöpft und es fällt schwer, sich auch noch auf den Partner einzulassen. Doch wenn man nicht achtsam mit seiner Partnerschaft umgeht, kommt diese irgendwann gänzlich zum Erliegen.

„Der Übergang von der Zweisamkeit zur Dreisamkeit gehört zu den größten Herausforderungen, denen ein Paar sich zu stellen hat“, beschreibt die anerkannte Psychotherapeutin Esther Perel in einem Fachartikel. Dabei werde oft vergessen, dass wir ein Liebespaar waren, bevor wir Eltern wurden. Die spielerische Energie und Vitalität, die wir verspürten als wir frisch verliebt waren, findet in vielen Familien nur noch in der Verbindung zu den Kindern statt. Mit ihnen begeben wir uns auf eine abenteuerliche Reise, voller Vorfreude und geheimnisvoller Begebenheiten und neuer Reize. Wichtig sei aber, so die Therapeutin, dass ein Teil dieser Energie, die grundlegend für die Erotik ist, wieder auf die Beziehung zum Partner umgelenkt wird, dass wir uns von unseren Kindern abgrenzen und so unser eigenes Territorium für uns als Liebespaar abstecken.

Eine stabile Partnerschaft ist wichtig, damit Pflegekinder Flügel entwickeln können

Partnerschaft in Pflegefamilien

Partnerschaft in Pflegefamilien

Kinder schenken uns Lebenssinn. Da unterscheiden sich leibliche Kinder kaum von Pflegekindern. Doch genau darin steckt die Krux. Früher waren Kinder einfach da und durften sich parallel zur Erwachsenenwelt entwickeln. Ich erinnere mich gut an meine eigene Kindheit: Wir haben diskussionslos mitgegessen, was die Erwachsenen serviert haben. Sind abends in unsere Zimmer und morgens wieder rausgekommen. Haben für unsere Eltern Wege erledigt und sind mit anderen Kindern durch die Straßen gestreunt. Geborgenheit und Freiheit, Wurzeln und Flügel – das ist noch heute das Grundrezept, damit sich Kinder gesund entwickeln können. Doch heute schlüpfen wir schnell in die Rolle der Helikoptereltern, haben einen romantisierten Blick auf unsere Kinder und nicht mehr auf den Partner. Kinder sind zu unseren Sinn- und Glücksbringern geworden. Das hat durchaus etwas Gutes. Aber wir müssen ihnen auch Luft zum Atmen lassen. Und das funktioniert nur, wenn wir ab und an mal Grenzen setzen und uns um uns selbst kümmern. Kinder brauchen Wurzeln und Flügel, Geborgenheit und Freiheit, um zu selbstbewussten, aufgeschlossenen Menschen heranzureifen. Diese Chance gibt man ihnen nur, wenn man nicht seinen ganzen Lebenssinn auf ihre Schultern projiziert, sondern auch in die eigene Partnerschaft.

Abgrenzung für eine gesunde Partnerschaft

Bei Pflegefamilien ist die Sorge um das Wohl der Kinder besonders groß: Haben sie alles, um zu bestehen? Fühlen sie sich den Anforderungen in der Schule gewachsen? Ist unser Familiensystem stabil genug? Fördern wir sie ausreichend, damit sie irgendwann ein selbstständiges Leben führen können? Es gibt unzählige Ratgeber, Infoabende, Foren und Blogs, die uns 24 Stunden lang im Elternstatus verharren lassen. Bei Pflegeeltern kommt noch hinzu, dass sie lange dafür gekämpft haben, ein Kind aufzunehmen. Gegen Vorurteile in der eigenen Familie, bei Gesprächen mit den Ämtern, während der langen Wartezeit. Vielleicht mit sich selbst, weil sie doch auch Zweifel oder Respekt vor der bevorstehenden Herausforderung hatten. Es besteht die latente Angst, dass Kind könnte irgendwann zu den „Bauch-Eltern“ zurückgeführt werden. Es ist vielleicht traumatisiert und benötigt viel Schutz und Sicherheit. Partnerschaft in PflegefamilienDa ist es nur zu verständlich, dass das Kind im Mittelpunkt steht. Dennoch ist es wichtig, einen Teil der Aufmerksamkeit und der Liebe wieder auf sich selbst und den Partner zu münzen, um sich nicht im Familienalltag zu verlieren. Achtsam auf seine inneren Bedürfnisse zu hören, sich abzugrenzen und eigene Ressourcen zu schützen und stärken, um hinterher wieder entschlossen und frohen Mutes in die Pflegesituation zurückzukehren.

Regelmäßige Rituale sind wichtig für die Liebe

„Jeden zweiten Samstag kommt die Oma für fünf Stunden und bringt die Pflegekinder ins Bett. Wir haben dann Zeit für uns. Auch wenn der Zeitrahmen überschaubar ist, freuen wir uns jedes Mal riesig, wenn es soweit ist.“ So unromantisch es auch klingt: Wenn man sich als Paar Zeit einräumen möchte, ist es wichtig, diese konkret einzuplanen. Spontane Auszeiten zu zweit sind in Familien schwer umsetzbar. Feste Rituale dagegen steigern die Vorfreude auf die Zweisamkeit und geben dem Kind Sicherheit und Orientierung. Gerade für Pflegeeltern sind regelmäßige Auszeiten wichtig, um sich als Liebespaar gegenseitig zu stärken und Kraft zu sammeln für das manchmal komplizierte Leben mit dem Pflegekind. Dann steht ein romantisches Dinner, ein Therme-Besuch oder gar ein Wochenende in der Lieblingsstadt und ganz viel Nähe und Zärtlichkeit auf dem Programm, ohne dass sich ein Kinderschopf mit all seinen vielschichtigen Bedürfnissen dazwischendrängt.

Darf man denn sein Pflegekind ab und zu abgeben…

…wo es doch so viel durchgemacht hat? Klares Ja! Das ist wichtig für die Entwicklung des Kindes und für die Stärkung der Eltern. Wie schnell der Kreis der Bezugspersonen erweitert werden kann, hängt davon ab, wie schnell das Pflegekind in der Familie angekommen und sich in das häusliche Umfeld eingelebt hat. „Manchmal ist es das ältere Geschwisterkind, das aufpasst, während die Eltern einen romantischen Abend für sich genießen. Pflegeeltern unterstützen sich aber auch gegenseitig“, sagt Bertram Kasper von St. Elisabeth-Verein in Marburg. „Es spricht nichts dagegen, dass sich Eltern regelmäßig eine Auszeit nehmen. Ganz im Gegenteil: Selbstfürsorge ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit mit den Eltern und wir bieten zu diesem Thema Fortbildungen an.“ Für ältere Pflegekinder organisiert der Verein Ferienfreizeiten, auf denen sie weitere positive Erfahrungen in der Gruppe sammeln können. So haben die Pflegeeltern Gelegenheit für ein paar Tage in den Urlaub zu fahren und sich als Paar wiederzuentdecken. Zudem kann man auch einen Antrag beim Jugendamt stellen, um sich Unterstützung ins Haus zu holen. Eine Win-win-Situation für beide Seiten. Denn auch Pflegekinder gehen gestärkt aus der Situation hervor, wenn sie ein stabiles Umfeld mit wechselnden Bezugspersonen haben. So versuchen alle Beteiligten, Lösungen für die Pflege der Partnerschaft in Pflegefamilien zu finden.

Was hat das jetzt mit dem Valentinstag zu tun?

Der ist doch nur eine Erfindung des Blumenhandels. Von wegen! Seine Wurzeln reichen bis in das 3. Jahrhundert nach Christi zurück und sind durchaus romantischer Natur. Im Römischen Reich traute Bischof Valentin von Terni heimlich Soldaten, die offiziell nicht heiraten durften und beschenkte die Paare anschließend mit Blumen. Noch heute beschenken sich viele Paare an diesem Tag mit kleinen Aufmerksamkeiten. Und noch heute ist es ein Anlass, um mal wieder innezuhalten und sich der eigenen Partnerschaft mit all ihren Facetten zu widmen.

Wir begleiten Sie als Träger bei Ihrer Aufgabe als Pflegefamilie. Dabei bieten wir Fachberatung, Supervision und Fortbildungen an. Das Thema Partnerschaft in Pflegefamilien spielt dabei auch eine Rolle.

Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme, wenn Sie sich für das Pflegefamilie sein interessieren. Hier der Link!