Lobbyarbeit für Pflegefamilien

Lobbyarbeit für Pflegefamilien

Die Vertrauensgruppe der Pflegefamilien des St. Elisabeth-Vereins* macht Lobbyarbeit für Pflegefamilien und trifft sich mit Landes- und Kommunalpolitikern

Der Einladung der Vertrauensgruppe des St. Elisabeth-Vereins sind am 11.06.2018 Angelika Löber (SPD), Marjana Schott und Jan Schalauske (beide Die Linke) gefolgt. Ziel des fachpolitischen Austauschs war es, die Politiker für die Themen Care Leaver, Pflegekinder mit Behinderung und zum Heranziehungsbeitrag für Jugendliche in Ausbildung zu sensibilisieren.

Die Beteiligten…

Für die Vertrauensgruppe waren Hans Schwarz, Detlef Wirth, Heinz Jürgen Schleich (Sprecher der Vertrauensgruppe), Ernst Prall und Uwe Wüst anwesend. Es fehlten: Wilma Jung, Petra Müller – Namockel und Melanie Kleine – Luttropp.

Alle Beteiligten haben sich besonders darüber gefreut, dass sich Nadine Mocco als betroffenes ehemaliges Pflegekind und Care Leaverin mit ihren ganz persönlichen Erfahrungen eingebracht hat.

Lobbyarbeit für PflegefamilienNach der Begrüßung von Heinz Jürgen Schleich und der Vorstellungsrunde wurde deutlich, dass bei den fünf Pflegevätern insgesamt 99 Jahre Erfahrung als Pflegefamilie versammelt sind und in ihren Familien insgesamt 27 Pflegekinder gelebt haben oder aktuell noch leben. Allen Mitgliedern der Vertrauensgruppe ist die Lobbyarbeit für Pflegefamilien eine echte Herzensangelegenheit.

Danach berichtete Nadine Mocco von ihrer ganz persönlichen Geschichte. Nach dem Fachabitur stand die Frage an, ob sie einen Antrag auf Verlängerung der Erziehungshilfemaßnahme nach ihrem 18. Lebensjahr stellen soll. Sie entschied sich, dies zu tun, damit sie mit Beginn einer Lehre oder eines Freiwilligen Sozialen Jahres nicht ohne Unterstützung, auch durch ihre Pflegeeltern, dastehen würde.

Ein ehemaliges Pflegekind erzählt…

Sie sagt dazu: „Das war schon echt komisch, für sich selbst diesen Antrag zu stellen. Und was ganz blöd war, dass ich mich schlechter darstellen musste, als es tatsächlich war, damit ich auch wirklich Hilfe bekomme.“

Die Hilfe wurde ihr für ein Jahr gewährt. Sie entschloss sich, dann doch erst ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Marburg zu machen. Sie konnte bei der Diakonie Hessen in eine Wohngemeinschaft ziehen. Sie selbst hätte ca. 430,00 € für ihren Lebensunterhalt vom FSJ – Träger bekommen. Das Jugendamt machte dann deutlich, dass sie davon 75 % als Heranziehungsbeitrag einbehalten würde. Dies hätte eine Summe von 322,50 € bedeutet. Damit fühlte sie sich erpresst, wären ihr doch nur noch 107,50 € geblieben. Davon hätte sie nicht ihren Lebensunterhalt in der WG bestreiten können.

Was sagt der Petitionsausschuß des Bundestages dazu?

Dabei stellt der Heranziehungsbeitrag eine sogenannte „Kann Bestimmung“ im SGB VIII dar und den Jugendämtern bleibt ein Ermessensspielraum. In einem Schreiben (16.12.2013) vom Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages wurde der Vertrauensgruppe wie folgt geantwortet:

„Nunmehr können Jugendämter seit dem 3. Dezember 2013 im Rahmen ihres Ermessens darüber entscheiden, ob sie bei jungen Menschen in stationären Einrichtungen oder in Pflegefamilien von der Kostenheranziehung aus dem Einkommen absehen oder einen geringeren Kostenbeitrag erheben. Voraussetzung ist, dass die jungen Menschen das Einkommen im Rahmen einer Tätigkeit erworben haben, die im besonderen Maße dem Zweck der Jugendhilfeleistung dient (zum Beispiel der Übernahme von Eigenverantwortung, dem Erwerb sozialer Kompetenzen oder der Verselbständigung). In Bezug genommen sind hier Fälle, in denen die Heranziehung des jungen Menschen zu den Kosten dem Ziel der Hilfe widersprechen und der Zweckbestimmung der pädagogischen Arbeit mit dem jungen Menschen entgegenlaufen würde.”

Bei einem Freiwilligen Sozialen Jahr werden doch gerade die verfolgten Ziele der Jugendhilfemaßnahme noch gefestigt und der junge Mensch erbringt dazu noch einen gesamtgesellschaftlichen Beitrag. Das ist dann für einen jungen Menschen nach Einschätzung von Nadine Mocco wirklich schwer nachzuvollbar.

Die Geschichte geht weiter…

Nadine Mocco erzählt weiter, dass mit ihrem zuständigen Jugendamt zu dieser Frage nicht zu verhandeln war und sie sich dann schweren Herzens entschloss, die Hilfe zu beenden.

Lobbyarbeit für PflegefamilienHeute sagt sie mit noch klarerer Überzeugung: “Wäre ich in der Hilfe geblieben, hätte ich finanziell das FSJ nicht machen können, und das ist jetzt, wo ich in Ausbildung bin, noch schlechter nachzuvollziehen, habe ich doch durch das FSJ auch zu arbeiten gelernt. Es war also wirklich eine gute Vorbereitung für die Sicherung meiner weiteren Zukunft.”

Damit war jedoch ihre Reise der Ungewissheiten nicht vorbei. Mit Beginn der Ausbildung musste sie sich eine eigene Wohnung suchen. Klar war, dass das Ausbildungsgeld nicht reichen würde, also beantragte sie Berufsausbildungsbeihilfe (BAB).

“Das war für mich ganz schlimm, dass ich eine Einkommensbescheinigung meiner getrennten Eltern vorlegen sollte, zu denen ich Jahre keinen Kontakt mehr hatte und auch keinen haben wollte. Das Ganze zog sich über ein halbes Jahr hin, in dem ich dann natürlich auch kein Geld bekam. Wären meine Pflegeeltern nicht so kulant gewesen und hätten mir Geld vorgestreckt, hätte ich die Lehre nicht beginnen können. Das verstehe ich alles nicht. Dann ist doch der ganze Einsatz von mir und meinen Pflegeeltern für die Katz, wenn einem solche Hürden in den Weg gelegt werden. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Politiker da leichtere Wege für uns Care Leaver schaffen.”

Politiker beeindruckt…

Alle drei Politiker gaben sich fassungslos zu diesem Umgang. Sie fragten interessiert nach, um die Gesamtzusammenhänge noch besser zu verstehen. So sprach Jan Schalauske z.B. davon, dass es möglich wäre, im Einzelfall ihn als Mandatsträger direkt anzusprechen, um für Unterstützung bzw. Aufklärung zu werben. Marjana Schott drückte aus, dass hier einfach auf die enge Bindung zu den Pflegeeltern gesetzt wird. Doch was ist mit den Jugendlichen, denen diese Verbindung nicht zur Verfügung steht? Und Angelika Löber gab den Anwesenden den Tipp, sie bei der nächsten Petition direkt einzubeziehen, damit sie auch gut und richtig bearbeitet wird.

Und Nadine Mocco stellt für sich fest:

“Ohne meine Pflegeeltern hätte ich diesen Übergang nicht geschafft.”

Bezogen auf die Pflegekinder mit Behinderung führt Marjana Schott aus, dass gerade der Gesetzentwurf der hessischen Landesregierung zur Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes zur Lesung im Landtag eingebracht ist. Sie will versuchen, Heinz Jürgen Schleich als Sprecher der Vertrauensgruppe noch einen Platz für die Anhörung zu reservieren.

Für  alle war es ein sehr wichtiger und inhaltlich fundierter Termin. Die Mitglieder der Vertrauensgruppe dankten Nadine Mocco und allen Politikern für ihr Interesse und für ihren Einsatz.

Nach den Sommerferien stehen noch weitere Gespräche mit Politikern aus dem Landkreis Marburg Biedenkopf und der Stadt Marburg aus.

Möchten Sie selbst Pflegefamilien werden oder sich an der Lobbyarbeit für Pflegefamilien unterstützend beteiligen freuen wir uns über Ihre

Kontaktaufnahme!!!

*Anmerkung: Die Vertrauensgruppe der Pflegefamilien des St. Elisabeth-Vereins wird alle 3 Jahre von den über 100 Pflegefamilien als ihre Interessensvertretung gewählt. Sie nimmt sich jedes Jahr Arbeitsschwerpunkte vor. Das Jahr 2018 steht unter dem Motto: „Lobbyarbeit für Pflegefamilien“. Es stehen insgesamt mehrere Treffen mit Politikern auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene an.

Urlaub mit Pflegekindern

Urlaub mit Pflegekindern

Urlaub mit Pflegekindern – wie es stressfrei gelingt

Mit dem Start der Sommerferien steigen auch die Erwartungen an die geplante Reise. Wie der Urlaub mit Pflegekindern entspannt verläuft, dazu haben wir uns bei Pflegefamilie Peters* aus Marburg umgehört.

Der Pool glitzert in der Abendsonne. Die Familie sitzt gemeinsam auf der Terrasse und lässt einen wunderschönen Urlaubstag beim Brettspiel ausklingen. Ferien wie aus dem Bilderbuch sehen in der Realität meist ganz anders aus: Schlafmangel, quengelnde Kinder und gestresste Eltern statt Friede, Freude, Urlaubsstimmung. Dabei können Familienreisen durchaus gelingen. Vorausgesetzt es darf auch mal chaotisch zugehen und man schraubt seine eigenen Erwartungen drastisch zurück. So wie Familie Peters aus Mittelhessen. Wenn die Pflegefamilie den Van vollpackt, ist es mit der Idylle schnell vorbei. Utensilien, Bekleidung und Proviant für sechs Personen müssen verstaut werden. Ob es an die niederländische Nordseeküste, nach Südfrankreich oder Istrien geht: Jedes Kofferpacken gleicht einem Umzug. Die Pflegefamilie aus Hessen reist gerne und viel. Und das im Großformat mit zwei leiblichen Söhnen und zwei neun und elf Jahre alten Pflegetöchtern. Wie der Urlaub mit Pflegekind stressfrei funktionieren kann, verrät Vater Jörg.

Urlaub mit Pflegekind ist wie eine Reise zum Mars

Urlaub mit PflegekindernDer Alltag von Familie Peters ist klar strukturiert. Außerhalb der Ferien gehen die Pflegetöchter pünktlich um 20.00 Uhr ins Bett. Die Mutter kümmert sich um den Haushalt und die Familie. Der immergleiche Alltag hilft den Mädchen dabei, sich zu orientieren. Beim Reisen werden genau diese festen Abläufe aufgebrochen. „In den Ferien sehen wir das gelassener, da dürfen die Kinder auch schon mal länger aufbleiben“, sagt Pflegevater Jörg. Was für jede andere Familie ganz normal klingt, kann für Familie Peters schon sehr herausfordernd sein. „Wenn unsere Pflegekinder den Alltag nicht mehr haben, bringt sie das ziemlich durcheinander“, so der Sozialpädagoge. „Wenn nur eine Kleinigkeit anders ist, ist es für sie wie auf dem Mars – eine andere Welt.“ Dann werden Regeln vergessen, getroffene Vereinbarungen umgangen und heftige Trotzanfälle ausgelebt. „Da hilft es nur, locker zu bleiben und mit dem umzugehen, was gerade passiert“, sagt der Pflegevater.

Pflegekinder verhalten sich im Urlaub oft auffällig

Gerade im Urlaub können sich bestimmte Verhaltensmuster intensivieren. Viele Pflegekinder zeigen in einer ungewohnten Umgebung ein auffälliges Verhalten. Distanzlosigkeit zu anderen Menschen ist eines davon. „Unsere Mädchen gehen direkt auf wildfremde Menschen zu, suchen körperlichen Kontakt, der in der Situation völlig unangebracht ist. Da müssen wir schon sehr aufpassen“, sagt der 45-jährige. Zugrunde liegen meistens Bindungsstörungen. Zuverlässige Beziehungen haben viele Pflegekinder nie kennengelernt. Ganz im Gegenteil: Sie haben die Erfahrung machen müssen, dass man sich auf andere Menschen nicht verlassen kann. Der Drang nach Aufmerksamkeit und körperliche Nähe zu Fremden ist nur ein Anzeichen dafür, dass in der frühen Kindheit etwas gefehlt hat. Doch nicht nur das, erklärt der Familienvater: „Als unsere Pflegekinder noch jünger waren, durfte man sie nicht aus den Augen lassen. Blitzschnell waren sie abgelenkt und verschwunden. Das kann auch gefährlich werden.“

Ruhe und Wasser sind das A und O

Stressfrei in den Urlaub mit Pflegekindern? Da ist Planung gefragt. Damit die Familie trotz fremder Umgebung viel Ruhe und Privatsphäre genießen kann, bucht sie meistens ein Ferienhaus oder einen Campingurlaub. „Wichtig ist, dass wir uns auch mal zurückziehen können. Unsere Pflegetöchter brauchen gerade nachts viel Ruhe, damit sie überhaupt in den Schlaf finden.“ Eine ländliche Umgebung und ein abgeschlossenes Grundstück sind perfekte Voraussetzungen für einen erholsamen Urlaub mit der Großfamilie. „Und Wasser! Ohne Wasser geht nichts.“ Ob sich dies in einem Pool oder See befindet, sei indes egal. „Während die Kinder im Wasser unbeschwert toben oder sich auf der Luftmatratze treiben lassen, können wir auch als Eltern entspannen.“ Neben den entschleunigten Tagen gibt es immer mal wieder Unternehmungen. „Dann fahren wir in das nächste Hafenstädtchen, erkunden die Gassen und gehen mit der ganzen Familie essen“, so der Familienvater. „Auch unsere Pflegetöchter merken schnell, dass solch ein Restaurantbesuch etwas ganz Besonderes ist und genießen die gemeinsame Zeit.“

Erwartungen zurückschrauben und Fünfe gerade sein lassen

Urlaub mit PflegekindernJedes Pflegekind ist einzigartig, hat seine eigene Biografie. Was man ihnen im Einzelfall zumuten kann, hängt von jedem Kind individuell ab und von den Nerven der Eltern. „Die Eltern sollten sich einig sein, wenn sie eine Reise planen. Und auch mal Fünfe gerade sein lassen, damit es keinen Stress gibt“, bestätigt Jörg. „Außerdem sollte man nicht zu hohe Erwartungen haben.“ Die können schon mal nach hinten losgehen, wie der Familienvater aus eigener Erfahrung weiß. Eine Reise nach Venedig entpuppte sich vor einigen Jahren als Nervenprobe. „Als Kind war ich selbst oft in Norditalien und Venedig. Also entwickelte ich den ambitionierten Plan, meiner Familie die Lieblingsorte meiner Kindheit zu zeigen. Unsere kleine Pflegetochter wollte zu dieser Zeit allerdings nie an der Hand gehen. Sie am Ufer der Wasserstraßen allein spazieren zu lassen, war viel zu gefährlich. Also lief ich mit einem schreienden Kind auf dem Arm durch Venedig. An Sightseeing war nicht mehr zu denken.“

Urlaub mit Pflegekindern

Trotz solcher Erfahrungen möchte die Familie die gemeinsamen Urlaube nicht missen. Ob es nun Skifahren in Südtirol oder Ferienhausurlaub in Kroatien ist: „Es ist anstrengend als Großfamilie in einer Konstellation mit Pflegekindern zu reisen, aber es schweißt auch zusammen. Und wenn wir in alten Alben blättern, schwelgen alle in den liebenswerten Erinnerungen.“ Und noch ein Effekt hat der Urlaub für die Kinder: „Wir staunen immer wieder, wie positiv sich eine gemeinsame Reise auf die Entwicklung der Pflegekinder auswirkt. Nach jedem Urlaub sind sie körperlich und seelisch gewachsen.“

Urlaub mit Pflegekindern ist übrigens in den meisten Fällen problemlos möglich. Alle Reisen werden mit den leiblichen Eltern oder dem Vormund abgesprochen. Zusätzlich können sich Pflegeeltern eine Vollmacht ausstellen lassen. Nur selten gibt es Fälle, in denen etwas dagegenspricht. Für Pflegekinder ist es in jedem Fall ein großes Abenteuer. Und für die Eltern? Die müssen vielleicht das ein oder andere Mal tiefer durchatmen und darauf bauen, dass auch der schönste Urlaubsstress irgendwann zu Ende geht.

Möchten Sie auch einen Urlaub mit Pflegekindern verbringen, dann freuen wir uns darauf Sie als Familie kennenzulernen. Nehmen Sie Kontakt mit uns auf!

*Namen der Redaktion geändert

Zu Fuss durchs Universum

Zu Fuss durchs Universum

Zu Fuss durchs Universum

Die folgende Rezensionsvorlage ist von socialnet.de, für die der Autor schon viele Rezensionen geschrieben hat.

AutorIn: Regina Groot Bramel, Zu Fuss durchs Universum, Patmos Verlag 2018

RezensentIn:Bertram Kasper, Dipl. Supervisor, www.pflegefamilien-hessen.de

Thema

In dem vorliegenden Buch findet der Lesende eine Sammlung von Briefen über die drei ersten Lebensjahre an ein Kind. Ein Logbuch für das Universum. Dabei lädt die Autorin Menschen dazu ein das Wunder des Lebens bewusster wahrzunehmen und die eigene Aufmerksamkeit auf die vielen kleinen Entwicklungs- und Wachstumsgeschichten zu lenken. Der Untertitel lautet: „Als Eltern unterwegs mit einem kleinen Menschenkind“.

AutorIn oder HerausgeberIn

Die Autorin ist nach den Angabe aus dem Buch, Mutter vieler Kinder und Pflegekinder, Sozialpädagogin, Religionslehrerin und Reittherapeutin. Sie lebt mit ihrer großen Familie und vielen Tieren in der ländlichen Idylle des hessischen Mittelgebirges. Dort verwirklicht sich ihr Kinderheitstraum von einem Haus, in dem ist Platz für Alt und Jung, Verwandte und Freunde.

Entstehungshintergrund

Die Autorin wollte ein Mutmach – Buch für Eltern und Pflegeeltern schreiben.

Aufbau

Das Buch gliedert sich insgesamt in 21 Kapitel und umfasst 193 Seiten. Die Kapitel orientieren sich an wichtigen und zentralen Ereignissen, aber auch täglichen Begebenheiten in den ersten Jahren.

Die Kapitel im Einzelnen:

Vorwort – Glück und Segen – Lächeln und Lachen – Essen und Trinken – Greifen und Erkunden – Sitzen – Worte sammeln – Laufen lernen – Spazierenstehen – Zeit empfingen – Danken und Bitten – Spielen und Lernen – Erzählen und Vorlesen – Geben und Nehmen – Reden und Handeln – Verlieren und Finden – Das Ich entdecken – Unterwegs und daheim – Fragen und Antworten – Visionen und Ziele – Kleine und große Geschenke – Auf ein Neues!

Inhalt

Zu Fuss durchs UniversumIch habe einmal nachgeschaut was Universum eigentlich bedeutet. Es ist abgeleitet aus dem lateinischen Wort universus, deutsch ‚gesamt‘, auch der Kosmos oder das Weltall genannt. Das Universum steht für die Gesamtheit von Raum, Zeit und aller Materie und Energie darin. Wenn ich das in Verbindung mit dem Titel des Buches bringe „Zu Fuss durchs Universum“, kann ich mir schon vorstellen, wie intensiv die Erzählungen von Regina Groot Bramel über die ersten drei Jahre im Leben eines Kinders sein werden.

Mundus ist noch ein anderes Wort für Universum und hat eher einen philosphischen Hintergrund. Mundus sensibilis steht für die sinnlich wahrnehmbare Welt. Universum im Zusammenhang mit Mundus sensibilis drückt das ganze Wunder von Babies und Kleinkindern mit all ihrer Energie und Sinnlichkeit in Raum und Zeit aus.

Und so ist es dann tatsächlich auch. Diese intensive Atmosphäre überträgt die Autorin mit einer trefflichen Sensibilität in die vielen kleinen wundersamen Erlebnisse, Geschichten und Erfahrungen.

Die Überschriften der einzelnen Kapitel verraten ganz praktisch worum es geht. Manchmal, so ging es mir beim Lesen, kommen einem die Erinnerungen an die eigenen Kinder oder an die eigenen Kindheit schon in den Sinn. Durch die lebendige und bildhafte Erzählweise, werden dadurch die eigenen Familienkindergeschichten wieder ganz präsent und gegenwärtig.

So lädt das Buch wahrscheinlich ganz unbeabsichtigt auch dazu ein, mit den heute vielleicht erwachsenen Kindern das eine oder andere Kapitel zu lesen und dadurch die eigenen Erlebnisse wieder ganz real zu aktivieren.

Die Autorin schreibt zwar ist es kein entwicklungspsychologische Buch, doch vielleicht ist es das Entwicklungspsychologiebuch überhaupt, da es sehr sinnlich die vielen kleinen Entwicklungsschritte des jungen Erdenbürgers beschreibt und für eine genaue Beobachtung sensibilisiert. Nebenbei und doch so feinfühlig wird die Magie der ersten drei Lebensjahre so präsent. Mit jedem weiteren Kapitel erschließt sich die tiefe Bedeutung für den Titel und die damit verbundene Unendlichkeit: Zu Fuss durchs Universum. So werden kontinuierlich die unterschiedlichen Blickwinkel auf die jeweiligen Entwicklungsschritte des jungen Weltenbummlers angereichert.

Zwischendurch streut Regina Groot Bramel zum jeweiligen Kapitel Redewendungen ein wie z.B. „Du sollst zwar fest im Sattel sitzen, jedoch nicht auf dem hohen Ross“. So gibt die Autorin z.B. dem Sitzen als Entwicklungsstufe nochmals eine andere Bedeutung, die auch Eltern wertvollen Hinweise sein können die Begleitung und Erziehung ihrer Kinder zu differenzieren.

Nicht nur in dem Kapitel „Greifen und Erkunden“ wird deutlich, wie wichtig diese Entwicklungsphase ist und wie sie in das Leben an sich wirkt. Die Autorin versucht die Auswirkungszusammenhänge zwischen den ersten Entwicklungsjahren und der zukünftigen Biographie an sich zu verdeutlichen.

Deshalb möchte ich dazu die Autorin sprechen lassen: “ Du greifst und begreifst die Welt jeden Tag ein Stückchen mehr. Das Greifen wird dein Leben lang nicht mehr aufhören. …Wir begreifen Sachverhalten und immer kompliziertere Zusammenhänge, bilden gedankliche Verknüpfungen. Wir greifen ein, wenn etwas Gefährliches sich ankündigt oder eine Ungerechtigkeit passiert. Wenn uns einer dumm kommt, fühlen wir uns angegriffen. Auch unsere Gesundheit bezeichnen wir als angegriffen, wenn miese kleine Erreger uns Husten und Schnupfen bescheren.“ (S.33 – 34)

Auch die so wichtige Interaktion zwischen Eltern und Kindern kommt ganz beiläufig in den Blick und gibt Hinweise für einen spielerischen und leichten Umgang.

Zu Fuss durchs Universum

© Konstantin Yuganov-mozZz – Fotolia.com

So könnte das Buch auch ein Vorlesebuch für Eltern sein, die es selbst nicht so leicht mit der Erziehung ihrer Kinder haben. Quasi als Impulsgeber, mal etwas anders zu probieren. Oder das ein oder andere Kapitel kann als Gesprächsaufhänger dienen, um mit Herkunftseltern der Pflegekinder in einen guten Austausch zu kommen.

Am Ende sind es die kleinen, oft ganz stillen Momente in den ersten Lebensjahren, die ganz beiläufig und unverhofft bedeutungsvoll werden. Nicht selten zaubern sie beim Lesen ein Lachen ins Gesicht. So ist es nicht verwunderlich, dass mein Lieblingskapitel „Lächeln und Lachen“ ist.

Und so ist es dieser Wunsch den ich zitieren möchte: „Ich wünsche mir, dass du an jedem Tag deines Lebens lächeln kannst und etwas zu lachen hast. Ich will nach meinen Möglichkeiten dazu beitragen und mich daran freuen. Und ich will es teilen, es ist ganz einfach und gehört zu den Dingen, die sich vermeher, wenn man sie verschenkt. Und – ein Lächeln ist der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen!“

Zu Fuss durchs Universum – Diskussion und Fazit

Ein leichtes, ein schönes Buch mit so köstlich sinnlichen Augenblicksbeschreibungen die mich als Leser verzückt haben. Ein echtes Wundersichtbarmachbuch für das Leben von Menschen. Ein Buch das Paaren wirklichen Mut macht, sich auf das Abenteuer Kinder einzulassen. Auch ein Buch, das Eltern geradezu einlädt selbst Tagebuch zu schreiben, um es später mit den eigenen Kindern zu lesen. 

Ein Buch für Erzieherinnen in Kindertageseinrichtungen und Krippen, die auf die Entwicklungspsychologie einen anderen Blick bekommen wollen. Und ein Buch, das die eigene Beobachtungsfähigkeit schärft, für Erzieherinnen und für Eltern.

„Wer noch nicht dem Zauber erlegen ist, den ein eigenes Kind verbreitet, kann es nicht verstehen. Es ist, als wäre da eine gläserne Wand zwischen dem Davor und Danach“, S. 57

Wollen auch Sie zu Fuss durchs Universum gehen…vielleicht mit einem Pflegekind, dann nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf!

 

Für Pflegemütter – Gedanken zum Muttersein

Für Pflegemütter – Gedanken zum Muttersein

Für Pflegemütter – Gedanken zum Muttersein

Anlässlich des diesjährigen Muttertages nehme ich mir Zeit und sinniere über das Muttersein. Was ist das besondere daran mit Kindern zu leben, was können wir von unseren Kindern als Mütter und Pflegemütter lernen, was ist der Zauber, aber auch die Anstrengung mit Kindern zusammenzuleben?

Dabei geht es um acht Dinge, die wir von unseren Kindern und Pflegekindern täglich lernen.

Sie dürfen gespannt sein!

Von Pamela Premm. Es ist ein sonniger Tag in Bremen. Ich flaniere mit meiner Tochter an der Weserpromenade entlang, die entspannt im Buggy sitzt. Plötzlich hat sie eine Idee. Sie möchte, dass ich ihr die Regenhülle um ihr Gefährt spanne. „Aber es regnet doch gar nicht“, versuche ich zu argumentieren. Fehlanzeige. Diskussionen mit meiner Dreijährigen sind meistens zwecklos. Also laufen wir bei strahlendem Sonnenschein mit Regenschutz-Buggy durch die Fußgängerzone. Fragende Blicke sind uns gewiss. Willkommen in meiner Mami-Welt.

Für Pflegemütter – Gedankem zum Muttersein und was das mit dem Muttertag auf sich hat…

Gerade zu Muttertag wird man an seine Rolle als Mama erinnert. Spätestens, wenn es klebrige Küsse und schief geschnittene Herzen aus Pappe regnet, weiß man, dass es wieder so weit ist. Der Muttertag wird seit etwa 100 Jahren gefeiert. Er hat seine Wurzeln in den USA und geht auf die Frauenrechtlerin Anna Jarvis zurück, die bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts einen Gedenktag zu Ehren ihrer Mutter und später auch aller Mütter initiierte. 1914 wurde der Muttertag in den USA zum nationalen Feiertag erklärt. Bis heute hat er sich als fester Ehrentag im Jahreskalender etabliert. Viele halten ihn für überholt, da er nicht mehr dem modernen Frauen- und Mutterbild entspreche. Doch was bedeutet es heutzutage überhaupt, Mutter zu sein?

Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu folgendem Schluss gekommen: Für mich ist Muttersein eine Reaktion auf das, was leibliche und Pflegekinder brauchen, um zu gesunden, verantwortungsvollen, selbstbewussten und herzlichen Menschen heranzuwachsen. Dabei beschleicht mich das Gefühl, dass ich von ihnen mindestens genauso viel lerne wie sie von mir. Sie haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Sie haben mir eine neue Welt eröffnet, die mir zuvor verschlossen war. Eine Welt gefüllt mit echtem Leben.

Für Pflegemütter – Gedanken zum Muttersein und acht Dinge, die ich durch meine Kinder gelernt habe:

Sie haben mich gelehrt, unvollkommen sein zu dürfen:

Mein Leben musste seit jeher perfekt sein. Die Wohnung perfekt sauber, die Aufgaben perfekt erledigt, die Frisur perfekt sitzend. Ungenaues, Fehlerhaftes, Missglücktes konnte mich ins Gefühlschaos stürzen. Für Pflegemütter - Gedanken zum MutterseinErst die Kinder stellten mich immer wieder derart auf die Probe, dass ich mich vom Perfektionismus verabschieden musste: Sie trotzen in aller Öffentlichkeit, sabbern mir aufs Abendkleid und nehmen kein Blatt vor den Mund. Irgendwann habe ich die Vorstellung vom perfekten Leben aufgegeben. Ein herrlich befreiendes Gefühl!

Sie haben mich gelehrt, geduldig zu sein

Mit einem Kleinkind können 300 Meter zum Bäcker eine ganze Welt sein. Jede Feuerwanze wird beäugt, jede Pfütze durchwatet und am Ende braucht man für Hin- und Rückweg eine halbe Stunde. Kinder verlangsamen die eigene Lebenszeit und sind fokussiert auf die Dinge, die gerade passieren. Wenn man geduldig das Kind auf der Schaukel anschiebt, ist kein Platz für andere Dinge. Wir verweilen gemeinsam im Moment. Es gibt nur das Hier und Jetzt. Wohltuend reizarm gestaltet sich das Leben mit Kindern. Wenn man sich darauf einlässt und die Zeit einfach so verstreichen darf, während das Kind unzählige Versuche benötigt, um seine Schuhe anzuziehen.

Sie haben mich gelehrt, authentisch zu sein

Es wäre falsch zu sagen, alles ist immer rosarot. Es gibt wohl keine Eltern, die nicht auch Mal genervt, erschöpft oder ungerecht zu ihren Kindern sind. Die aber im nächsten Moment wieder alles auffangen, Liebe und Geborgenheit schenken. Menschsein ist mit so vielen Widersprüchlichkeiten verknüpft. Kinder leben uns das täglich vor, indem sie einfach so sind, wie sie sind. Mal laut, mal leise, mal traurig, mal fröhlich. Und sie nehmen uns so an, wie wir sind – mit all unseren Schwächen und Stärken. Sie vertrauen und lieben uns und zeigen uns, wie es ist, Mensch zu sein. Noch nie zuvor war ich so sehr bei mir wie jetzt gerade.

Sie haben mich gelehrt, loszulassen

Kinder bedeuten Kontrollverlust und das im positiven Sinne. Klar muss man sich gut organisieren, wenn man Beruf, Kinder, Partner und Haushalt unter einen Hut bringen möchte. Doch ich habe es aufgegeben eine ganze Woche akribisch durchzuplanen, da es bei zwei Kindern zu viele Unwägbarkeiten gibt. Durch sie habe ich gelernt loszulassen und eben nicht stur an meinen Zielen festzuhalten. Ihre Bedürfnisse strukturieren meinen Tagesablauf. Auf diese Weise kann ich mich wunderbar treiben lassen ohne mir allzu viele Gedanken über das zu machen, was kommen müsste.

Sie haben mich gelehrt, alberne Dinge zu tun

Ende Februar ist es meist so weit, dass ich mich mit Teufelshörnern auf dem Kopf dem örtlichen Kinderfasching widme. Im Freizeitpark fahren wir auf Mini-Eisenbahnen durch das Peppa Pig Land. Im Winter sausen wir mit dicken Gummiringen den Schneeberg hinunter, auch wenn ich hinterher das Gefühl habe, ich müsste alle Knochen neu ordnen. Wir tanzen durch die Küche, machen lustige Grimassen im Restaurant und singen Lieder beim Spazierengehen. Kinder und Pflegekinder geben einem die Chance, das innere Kind aufleben zu lassen, welches all die Jahre irgendwo tief in uns geschlummert hat.

Sie haben mich gelehrt, dass ich mich um mich selbst kümmern muss

Für Pflegemütter - Gedanken zum MutterseinIch verbringe gerne Zeit mit meinen Kindern und meinem Partner, genauso arbeite ich engagiert an meinen Projekten. Aber da gibt es noch einen dritten Part meines Lebens: Qualitätszeit nur für mich. Etwa zwei Stunden pro Woche schaufle ich mir dafür frei. Dann gehe ich schwimmen, durch den Park spazieren oder radeln. Zwei Stunden Detox von äußeren Einflüssen – mit Ausnahme dem Wetter. Sich erden, in sich hineinhören, auf seine Bedürfnisse achten: Focusing und Selbstfürsorge sind wichtige Bausteine, speziell im Zusammenleben mit Pflegekindern, um dann wieder mit voller Kraft weiterzumachen – auch das habe ich durch meine Kinder gelernt.

Sie haben mich gelehrt, Grenzen zu setzen

Bis hierin und nicht weiter: Es gibt immer wieder Grenzen. Einmal in der Beziehung zwischen mir und meinen Kindern und zum anderen in den Dingen, die sie ausprobieren. Diese sind ganz unterschiedlich gesetzt. Mein Sohn braucht eher wenige Grenzen, da er per se darauf bedacht ist, Regeln einzuhalten und über ein großes Gerechtigkeitsgefühl verfügt. Er wägt genau ab, was er sich zutrauen kann und was nicht. Meine Tochter fordert mehr, probiert mehr aus und überprüft immer wieder, ob sich etwas an der Grenze geändert hat. Das frustriert sie, gibt ihr aber auch einen sicheren Rahmen, in dem sie sich ausprobieren und entfalten kann. Für mich sind diese Grenzen auch wichtig. Meine Kinder lernen auf diese Weise, dass ich ebenfalls Werte habe, für die ich einstehe. Durch eine wertschätzende, klare Abgrenzung können sie sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln.

Sie haben mir gezeigt, was echte Sorgen sind

Spätestens wenn man das Kind zum ersten Mal aus den Augen verliert, weil es sich im Möbelhaus hinter einer Kommode versteckt hat, weiß man, was Sorgen sind. Oder denken wir an den kurzen Moment der Unachtsamkeit zurück, der untrennbar mit dem Laufradunfall verbunden ist. Wenn Kinder krank sind, leidet man stärker mit, als man es je für möglich gehalten hätte. Während sich zuvor die Sorgen eher an der Oberfläche bewegten, gehen sie jetzt in die Seele und ins Mark. Das bringt aber auch Gutes mit sich. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass wir uns viel weniger über Unbedeutendes aufregen.

Kurzum: Kinder sind das Leben

Für Pflegemütter - Gedanken zum MutterseinMit emotionaler Wucht ändern sie das ganze Leben. Sie schütteln bestehende Strukturen kräftig durcheinander und stellen uns auf die Probe. Sie brauchen Grenzen und Liebe und wecken tiefe Emotionen in uns. Sie holen das längst vergessene Kind in einem zurück. Sie spiegeln uns in unseren Werten und Verhaltensweisen. Bisher dachte ich immer, dass Kinder aus unserem Wunsch heraus entstehen, ein Stück von uns selbst weitergeben zu können. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es ist die Chance, neue großartige Erfahrungen zu machen. Und ein bisschen stärker zu sich selbst zu finden. Dafür bin ich sehr dankbar. Und für selbstgebastelten Herzchen an Muttertag.

Für Pflegemütter – Gedanken zum Muttersein…

Auch wenn ich jetzt als Vater (Bertram Kasper) spreche und mir das vielleicht am Muttertag gar nicht zusteht, möchte ich sagen, das ich selten so einen treffenden Text über das Muttersein gelesen habe, der die ganze Tiefe des Glücks, doch auch der Sorgen ausdrückt, die das Muttersein tatsächlich ausmachen.

Für Pflegemütter – Gedanken zum Muttersein sind diese Zeilen für mich auch die Bestätigung für die Richtigkeit ihrer Entscheidung, auch eben gerade nicht eigenen Kindern ein Zuhause zu bieten. Dazu braucht es Mut, Liebe und die Offenheit jeden Tag auf die im Text beschriebenen Aspekte zu achten und sich von ihnen inspirieren zu lassen. Wir wünschen allen Pflegemütter, dass ihnen dies möglichst oft gelingt und wir danken allen Pflegemüttern für ihren Einsatz, für ihre Geduld und für ihr Engagement, jeden Stunde, jeden Tag, jeden Monat und jedes Jahr. Für Pflegemütter – Gedanken zum Muttersein.

Frau Pamela Premm danke ich für diesen tollen Text.

Sie haben noch Platz in Ihrem Herzen für ein Pflegekind? Dann melden Sie sich gerne bei uns.

 

 

Pflegekinder aufnehmen

Pflegekinder aufnehmen

Pflegekinder aufnehmen und der Weg dorthin…

„Die wichtigste Voraussetzung, die zukünftige Pflegeeltern mitbringen sollten, ist die Neugier auf das Kind.“

Pflegefamilien werden dringend gebraucht. Familien, Paare und Singles, die sich vorstellen können, einem Kind ein sicheres Zuhause zu geben, sind jederzeit willkommen. Pflegekinder aufnehmen – für viele Interessenten ist der Weg zum Pflegekind erst einmal mit Unsicherheiten und Fragen gespickt. Sind wir der Aufgabe gewachsen? Wie lange dauert es, bis ein Pflegekind einzieht? Erfüllen wir alle Voraussetzungen? Im Gespräch mit Pamela Premm von Premm PR berichtet Bertram Kasper, Geschäftsbereichsleiter beim St. Elisabeth-Verein, von seinen Erfahrungen und gibt Antworten auf die meist gestellten Fragen. Entstanden ist ein Mutmach-Interview für alle, die alle die Pflegekinder aufnehmen oder darüber nachdenken wollen.

Pamela Premm (PP): Vom Bewerberverfahren bis zum Einzug des Pflegekindes – es gibt viele Fragen auf dem Weg zur Pflegefamilie bis es dann zum „Pflegekinder aufnehmen“ kommt. Viele potenzielle Eltern sind sich unsicher, ob sie überhaupt die Voraussetzungen erfüllen, um Pflegeeltern zu werden. Worauf kommt es denn letztendlich an?

Bertram Kasper (BK): Schon allein, dass sich potenzielle Pflegeeltern mit der Thematik auseinandersetzen, macht sie zu guten Kandidaten. Wir sagen immer: Die wichtigste Voraussetzung, die zukünftige Pflegeeltern mitbringen sollten, ist die Neugier auf das Kind und die Lust, als Familie zusammenleben zu wollen. Um das herauszufinden, laden wir alle Kandidaten zu einem Kennenlern-Gespräch ein. In diesem ersten Infogespräch geht es darum, Vertrauen aufzubauen, und unsere fachlichen Unterstützung zur Begleitung von Pflegefamilien durch uns als Träger vorstellen. Erst dann gibt es eine ausführliche Infomappe und einen Fragebogen für die potenziellen Eltern, in dem z. B. auch Fakten zum Einkommen oder zur Wohnsituation abgefragt werden.

PP: Man liest immer wieder, dass interessierte Familien einen großen Respekt vor dem Jugendamt haben. Sind diese Unsicherheiten berechtigt?Pflegekinder aufnehmen

BK: Es kursieren die seltsamsten Vorstellungen von der Rolle der Jugendämter und über die Schärfe der Überprüfung. Auch dem Jugendamt ist es ein Anliegen, mit den zukünftigen Pflegefamilien ins Gespräch zu kommen. Insgesamt sind die Abläufe bürokratischer und stärker an offiziellen Formalien geknüpft als bei einem freien Träger. Das kann auf Interessenten respekteinflößend wirken. Vor dem Jugendamt braucht man allerdings keine Angst haben. Dort arbeiten ausgebildete Sozialpädagogen, die, genauso wie wir, auf Pflegestellen angewiesen sind. Auch bei einer direkten Zusammenarbeit mit den Jugendämtern bildet ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis die Basis. Wir arbeiten gut mit den Jugendämtern zusammen und unsere Pflegefamilien auch.

„Als Pflegefamilie wird man nicht geboren. Familien wachsen mit der Aufgabe…“

PP: Interessenten durchlaufen bei Ihnen ein mehrstufiges Bewerberverfahren. Viele interessierte Familien machen sich Sorgen, dass sie die Kriterien nicht erfüllen. Was sagen Sie diesen?

BK: Erst einmal geht es uns nicht darum, ein Urteil über die Menschen abzugeben. Im Bewerberverfahren wollen wir herausfinden, ob sich die zukünftigen Pflegefamilien zu 100 Prozent mit der Aufgabe identifizieren. Wir wissen aus Erfahrung, dass man als Pflegefamilie nicht geboren wird. Es ist ein sich Einfinden in die veränderte Situation. Man wächst in die neue Aufgabe hinein. Die interessierten Familien machen sich zu viele Sorgen. Wir versuchen daher, gleich zu Beginn, eine offene, vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Wir möchten den zukünftigen Eltern Ängste und Unsicherheiten nehmen, daher stehen Gespräche an erster Stelle. Der Bewerbungsprozess darf außerdem nicht als Einbahnstraße betrachtet werden. Es ist ein wechselseitiger Prozess. Wir möchten schließlich die Familien auch von uns überzeugen.

 „Wir wollen herausfinden, wie Familien mit Übergängen umgehen.“

PP: Ein perfektes Bild von sich, seiner Familie und dem Umfeld zu zeichnen, ist also gar nicht notwendig?

BK: Nein, ganz im Gegenteil. Je offener auch über schwierige Themen gesprochen wird, desto besser. Jede Familie hat doch ihr ganz eigenes Päckchen zu tragen. Wir wollen vor allem wissen, wie emotional belastende Momente verarbeitet wurden, wie die Familie mit Übergängen umgeht. Das können beispielsweise schwierige Lebensphasen oder einschneidende Erlebnisse wie der Verlust eines geliebten Menschen sein. Holt sich die Familie Hilfe, wenn die Belastung zu groß wird? Verfügt sie über eigene Strategien, um eine schmerzvolle Erfahrung zu verarbeiten und mit ihr abzuschließen?

Auch hier gibt es kein Schwarz oder Weiß. Paare, die große Schwierigkeiten haben, mit Übergängen zurechtzukommen, können ganz fürsorgliche Eltern sein. Uns geht es hierbei nicht, um das ob, sondern um das wie. Wie können wir Familien bestmöglich helfen? Pflegekinder aufnehmen bedeutet auch, dass die  bestehenden Familienkonstellationen durcheinander gewirbelt werden können. Familien müssen sich ganz neu sortieren. Wenn wir von den Familien schon vorab wissen, wie sie solchen Veränderungen begegnen, können wir sie als Träger besser auf dem Weg zur Pflegefamilie unterstützen.

PP: Für Geschwisterkinder und die Verwandtschaft kann ein Pflegekind auf Unverständnis stoßen. Wie kann man gerade Geschwisterkinder vorbereiten?

BK: Auch hier gilt: reden, reden, reden. Wenn ein Pflegekind in die Familie kommt, ist das für die Geschwisterkinder ein herber Einschnitt. Es beginnt eine Phase, in der das Pflegekind viel Zeit beanspruchen wird. Die Eltern werden einige Termine wahrnehmen müssen. Das Pflegekind braucht intensive Aufmerksamkeit, die von den eigenen Kindern abgeht. Daher ist es wichtig, mit den Geschwisterkindern im Vorfeld offene Gespräche zu führen und die Gefühle zu erkunden.

Pflegekinder aufnehmenKinder sind in ihren Aussagen sehr direkt. „Bei uns in der Familie ist es gut, und wir haben noch Platz für ein Kind“, sind hoffnungsvolle Vorzeichen. Stehen die eigenen Kinder einem Pflegekind eher skeptisch oder ablehnend gegenüber, ist das eine denkbar ungünstige Situation. Natürlich können die Geschwisterkinder das Ausmaß der Veränderung im Vorhinein nicht abschätzen. Daher ist es wichtig, immer wieder mit den Kindern in Kontakt zu treten. In Seminaren geben wir ihnen den Raum, um Gefühle auszudrücken. Indem wir spezielle Freizeiten für Pflegekinder anbieten, haben die Kernfamilien die Chance, immer wieder Zeit miteinander zu verbringen und die gegenseitige Bindung zu stärken.

„Der Bewerbungsprozess und bis es zum Pflegekinder aufnehmen kommt, kann ungefähr so lange dauern wie eine Schwangerschaft.“

PP: Die Pflegeeltern können es häufig kaum erwarten, bis das Kind einzieht. Wie lange dauert es vom Erstgespräch bis zur Anerkennung als Pflegeeltern und dann bis heißt: Pflegekinder aufnehmen?

BK: Das kommt immer darauf an. Wir sagen als Faustformel, dass der Bewerbungsprozess einer Schwangerschaft gleichkommt, inklusive Nestbau und Vorfreude. Einerseits nehmen wir uns ausreichend Zeit, um die Eltern kennen zu lernen. Allerdings versuchen wir auch, die Bedürfnisse der Eltern zu berücksichtigen, die von Beginn an hoch motiviert sind und der Anerkennung entgegenfiebern. Meistens dauert der Bewerbungsprozess etwa ein halbes bis drei Viertel Jahr. Manchmal forcieren wir das Verfahren auch. Dann wenn wir uns für die zukünftige Pflegefamilie ein bestimmtes Kind vorstellen können.

PP: Müssen Pflegeeltern denn alle Vorbereitungsseminare absolviert haben, bevor das Pflegekind einziehen darf?

BK: Nein, es ist sogar sehr sinnvoll, wenn sie noch einige davon wahrnehmen, wenn das Kind bereits eingezogen ist. Für die Grundqualifikation durchlaufen Pflegeeltern zwölf Module. Wenn das Pflegekind bereits in der Familie lebt, findet eine vertiefende Auseinandersetzung mit den Themen statt. Das befürworten wir. Ansonsten bilden wir die Pflegefamilien regelmäßig fort. Pflegekinder aufnehmen bedeutet auch sich ständig zu qualifizieren und auch Supervision in Anspruch zu nehmen.

PP: Auch aufseiten der leiblichen Eltern stehen viele Unsicherheiten und Sorgen. Die Frage, ob es dem eigenen Kind gut gehen wird, spielt dort mit ein. Welchen Einfluss haben die leiblichen Eltern auf die Auswahl der Pflegeeltern?

BK: Sowohl die leiblichen Eltern als auch die Pflegeeltern haben ein Wunsch- und Wahlrecht, was wir versuchen, positiv zum Wohl des Kindes zu beeinflussen. Wenn wir glauben, dass ein Kind in einer Pflegefamilie gut aufgehoben ist, leisten wir durchaus Überzeugungsarbeit bei den leiblichen Eltern oder beim Vormund. Auch die Pflegeeltern dürfen Wünsche äußern. Ist ein Pflegekind gefunden, wird ganz behutsam der Kontakt zwischen Pflegeeltern und Pflegekind angebahnt. Hier wird sehr genau geschaut, ob es zusammenpasst und ob sich beide Seiten „gut riechen“ können.

PP: Viele zukünftigen Pflegeeltern haben die Befürchtung zu alt für ein kleines Kind zu sein. Gibt es eine Altersgrenze für Pflegeeltern?

BK: Diese Angst ist unbegründet. Auch ältere Pflegeeltern haben die Chance, ein jüngeres Kind zu bekommen. Eine Grundregel besagt, dass die Pflegekinder die Volljährigkeit erreicht haben sollten, bevor die Pflegeltern im Rentenalter sind.

PP: Gibt es auch Fälle, dass Eltern als Pflegeeltern abgelehnt wurden?

BK: Wir schauen schon ganz genau, ob die Familie, Geschwisterkinder und die Verwandtschaft hinter dem Modell „Pflegefamilien“ stehen. Manchmal wiegt ein Ereignis aus der Vergangenheit auch so schwer, dass wir erst einmal davon absehen, ein Pflegekind zu vermitteln. Es kommt vor, dass erst eine Baustelle geschlossen werden muss, bevor die Zeit für etwas Neues gekommen ist. Beim Verlust des eigenen Kindes kann es sinnvoll sein, noch etwas Zeit verstreichen zu lassen.

Wichtig ist, dass die Eltern und das Umfeld emotional gefestigt sind, dem Pflegekind einen sicheren Halt geben können, sich Hilfe bei Konflikten holen und über eine hohe Empathie-Fähigkeit verfügen. Wir möchten die zukünftigen Pflegeeltern nicht überfordern, sodass wir schon sehr genau hinschauen. Wir versuchen, aber eher unterstützend einzuwirken, wenn wir das Potenzial erkennen, anstatt Kandidaten abzulehnen. Da wir einen guten Betreuungsschlüssel haben, können unsere Fachberater Familien auch durch schwierige Situationen intensiv begleiten.

Sie spielen mit dem Gedanken ein Pflegekind aufzunehmen? Dann melden Sie sich gerne bei uns!

Mehr Informationen zu unserem Bewerberverfahren erhalten Sie in folgendem Magazinbeitrag: Wie werden wir Pflegefamilie?

Lesen Sie im Interview – Teil 2: Das Pflegekind zieht ein…Er erscheint am 23.05.2018 um 9.00 Uhr auf dieser Homepage.

 

Pflegeväter auf dem Weg…

Pflegeväter auf dem Weg…

Mit Pflegevätern auf dem Weg sein

Es ist seit vielen Jahren Tradition, dass wir unsere Pflegevätern zu einem Wochenende unter Männern einladen. Dabei geht es sowohl um ein Dankeschön für die geleistete Arbeit, als auch um den Austausch unter Männern, die als Pflegeväter mit ihren Partnerinnen einmal „JA“ zu einer besonderen Form des Familienlebens gesagt haben. (Ein Mütterwochenende für unsere Pflegemütter gibt es übrigens auch)

Und dieses Jahr treffen wir uns in der Nähe des Edersees unter dem Motto: „Pflegeväter auf dem Weg“. Allen gemein ist es, dass sie sich irgendwann mit ihrer Familie auf den Weg zur Pflegefamilie gemacht haben.

Sie haben gespürt, dass es noch emotionalen und räumlichen „Platz“ bei ihnen gibt. Ihnen war bewusst, dass mit Kindern zu leben und sich mit Kindern auf den Weg in das Leben zu begeben ein Geschenk ist. Ein Wunder des Wachstums und der Entwicklung, gespeist von dem tieferen Sinn eines Beitrags für Generationen. Sie haben jedoch auch gewusst, dass es eine echte Herausforderung, eine anspruchsvolle und anstrengede Aufgabe ist. Höhen und Tiefen inbegriffen.

Pflegeväter auf den Weg – der Anfang

Wir haben die Pflegeväter gefragt, wie der Anfang war, wie die Idee entstanden ist, Pflegefamilie zu werden. Die Anworten zu den unterschiedlichen Geschichten waren so vielfältig wie die Modelle von Lebensentwürfen, ebenso bunt wie das Leben. Lassen wir sie zu Wort kommen...

Klaus in den 60zigern schon, immer noch mit Leib und Seele dabei. Sonorige Stimme, Schnauzer, die Haare inzwischen grau, spitzbübig sein Mund und ganz lebendig seine Blicke, wenn er anfängt Geschichten aus seinem Leben und von den Pflegekinder zu erzählen.

„Es fing an, das ist bald vierzig Jahre her, da waren wir Notpflegestelle für das Jugendamt und wir hatten im ersten Jahr nacheinander 4 Kinder bei uns. Alle mit ihrer ganz persönlichen Leidensgeschichte. Und eines Abends saßen meine Frau und ich zusammen. Und wie als ob wir uns verabredet hätten, sprachen wir darüber ob wir richtige Dauerpflegestelle werden wollen. Ich kann mit erinnern wie heute, das „Ja“ war noch nicht ausgesprochen, da verrieten unsere Blicke, das die Entscheidung dafür schon gefallen war. Inzwischen waren über 50 Kinder- und Jugendliche bei uns.“

Pflegeväter auf dem Weg – nach Mexiko

Heinz Jürgen, kurzhosig, Trekkingsandalen, denen man schon etliche Touren ansieht an nackten Füßen, immer vorne dabei, die Haare leicht zurückgekämmt, merkt mit fester, verspielter Stimme und schnellen staccatoähnlichen Sätze an:

„Bei mir fing es schon mit 20 Jahren an. Mein bester Freund, knapp 10 Jahre älter als ich, hatte damals schon 2 Pflegesöhne. Überhaupt bewunderte ich sein soziales Engagement. Heute lebt er in Mexiko und setzt sich immer noch für die Schwächsten. Das hat mir richtig imponiert und mir war klar so etwas wollte ich auch unbedingt machen. Als unser Kinder dann aus der Pubertät waren, setzten sich unsere Familie zusammen. Pflegeväter auf dem WegDie Kinder, meine Frau, sogar meine Eltern- und Schwiegereltern, alle waren von unserer Idee begeistert, Kinder den Weg in ihr Leben zu ebenen. Und bei jedem Pflegekind haben wir sinnbildlich nach und nach den Rucksack ausgepackt. Mit den schönen und mit den schwierigen Momenten aus ihrer Biographie.  So ist er leichter geworden über all die Jahre und neue Geschichten und Erfahrungen aus unserer Familie sind dazugekommen. Einfach schön…“

 

Pflegeväter auf dem Weg – Kinderwunschgeschichten

Und dann melden sich immer mehr Pflegeväter zu Wort, die Geschichte bahnen sich den Weg durch die eigenen Erinnerungen, auch wenn es schon viele Jahre her ist und scheinbar verblast. Kai ist neu in der Runde, er wählt jedes Wort mit bedacht, unaufgeregt spricht er ruhig über den Wunsch von ihm und seiner Frau viele Kinder zu haben. Dabei zeigt sich bei ihm ein weinendes und ein lachendes Auge. Das Weinende steht für die schwierige Geburt ihres eigenen Kindes. Seine Frau wäre damals beinahe gestorben und dann wollten sie für weitere eigene Kinder auf keinen Fall ein Risiko eingehen.

„Mit etwas Abstand wurde uns klar, wir wollten noch weitere Kinder. Wir dachten an ein Adoptivkind, doch das Jugendamt riet uns ab und erzählte uns von der Möglichkeit Pflegefamilie zu werden. Durch die Vorbereitungsseminar haben wir uns intensiv damit auseinandergesetzt, ob wir wirklich uns wirklich der Aufgabe Pflegekinder mit „Anhang“ sozusagen stellen wollen“

Und da ist das lachende Auge…

Wir haben alles richtig gemacht und uns den Wunsch nach einer großen Familie mit Kindern erfüllt. Auch wenn es mit dem „Anhang“ manchmal richtig schwer ist, würden wir alles genauso wieder machen.

Pflegeväter auf dem Weg – von der Patenschaft zur Pflegefamilie

Bei Manfred – Ende Fünfzig immer akkurat gekleidet, heute mit hellem Hemd und weißer Hose, die Haare fast noch so lang wie Anfang der 70er Jahre, den Kamm passend lässig in der Gesäßtasche platziert – war es wieder ganz anders. Bei ihm gab es in der Nachbarschaft Pflegefamilien. Zu einer hatten er und seiner Frau mehr Kontakt und so ergab es sich, dass sie eine Patenschaft für ein Pflegekind dieser Familie übernahmen. Pflegeväter auf dem WegErst nur Nachmittags, dann auch mal am Wochenende und schließlich auch in den Ferien. Seine Frau fand gefallen an dieser Arbeit und dachte sie könnten sich doch auch bewerben. So lag es nahe sich auch an den St. Elisabeth-Verein zu wenden. Heute ist ihre Pflegetocher schon über 6 Jahre bei ihnen.

Pflegeväter auf dem Weg – der Wunsch nach einen Kinderlachen

Juzo, ein Lebenskünstler, groß gewachsen, Motorrad vernarrt, wie seine Pflegesöhne rundet dann diesen Teil des Austausches mit seinem trockenen Humor ab und sagt:

„Bei ihm uns seiner Frau war es ganz einfach der Wunsch nach einem Kinderlachen“

Viel zustimmendes Nicken in der Runde!

Pflegeväter auf dem Weg – steinig und schön…

Und wir haben gefragt,welche schönen oder eher steinigere Wege denn in der Zwischenzeit  als Pflegefamilie zurückgelegt wurden…

Auch dabei fällt Klaus sofort seine jetzt älteste Pflegetochter ein und er beginnt fast ein wenig zu schwärmen. Seine Frau hat sich nicht abbringen lassen nach Stuttgart in ein Spezialzentrum zu fahren, um endlich Sicherheit zu haben. Sie wollte abklären, ob ihre Pflegetochter pränatal Alkoholismus geschädigt wurde. Und tatsächlich über 70% Schädigung. Viele Jahre wollte das niemand glauben und auch angesprochene Ärzte wollten davon nichts wissen. Heute hätte sie endlich Gewissheit und könnten einordnen, wieso sie all die Jahre solche Schwierigkeiten gehabt hatten. Und Klaus variiert einen Satz in vielfältigen Facetten:

„Die Aufgabe als Pflegefamilie ist wirklich lohnenswert, auch wenn die Schwierigkeiten auf der Straße liegen“.

Heute würde ihre Pflegetochter ein Ausbildung als Hauswirtschafterin machen und hätte schon einen Freund.

Und besonders freut sich Klaus darüber, dass ihm seine leiblichen Kinder und seine Enkel sagen, wie gut diese Zeit war, wieviel sie selbst in dieser Zeit gelernt haben. Und dann fällt ihm sein jüngstes Enkelkind ein, dass sich neulich für eine dunkelhäutige Klassenkameradin eingesetzt hat, als sie wegen ihrer Hautfarbe angemacht wurde. Und dann lacht er wieder so ganz zufrieden in sich hinein.

Pflegeväter auf dem Weg – die eigene Geschichte prägt

Detlef hat oft eine Überraschung für die Gruppe der Pflegeväter parat, manchmal sogar ein kleines Geschenk. Das kommt gut an in der Runde. Einer der so etwas für die Zusammengehörigkeit tut. Und dann erinnert er sich daran als er 18 Jahre alt war. Er und seine Clique Gleichaltriger haben einmal einen Grillnachmittag für Heimkinder ausgerichtet. Und sie waren erstaunt wie offen die Kinder- und Jugendlichen auf sie zugegangen sind, wie offen sie von ihren Schicksalen erzählt haben. Und Detlef hat sich entschieden, dieses Heim regelmäßig zu besuchen und das über 12 Jahre lang.

„Ich habe mir Zeit genommen und manchmal war ich tief betroffen, da die Kinder vergeblich auf ihre Eltern gewartet haben, obwohl sie doch ganz bestimmt kommen wollten. Diese Zeit hat mich bis heute geprägt.

Als ich dann meine jetztige Frau kennengelernt habe, musste ich nicht lange überlegen, obwohl sie alleinerziehend mit 6 Kinder lebte. 2 Eigene und 4 Pflegekinder. Ich habe sozusagen in eine Großfamilie geheiratet und ich wusste sofort ‚hier bin ich richtig, hier bin ich zuhause‘. Da war die Erinnerung von damals plötzlich wieder ganz nah.“

Pflegeväter auf dem Weg oder der Kreisverkehr ohne Abbiegespur

Und dann meldet sich nochmal Manfred und spricht von seiner Pflegetochter und wie hin- und hergerissen er ist. Er weiß nicht so genau was zu tun ist. Er spürt nur, dass es für sie jetzt gerade in der Pubertät zu viel ist. Er hat ausgerechnet, dass sie im Jahr 80 Termine hat. Hilfeplangespräche, Therapie, die Besuchkontakte Vater und Mutter getrennt, der Vormund kommt alle 4 Wochen vorbei, dann die Extraförderung in der Schule. Und sie sagt:

„Bei all dem wird immer über ich gesprochen, ich werde ausgefragt, was läuft gut, was läuft schlecht, immer soll ich sagen wie es mir geht, immer wollen die was von mir. Keiner fragt mich, ob ich das alles will. Ich will einfach nur meine Ruhe.“

Andere Pflegeväterstimmen mischen sich ein, sie kennen ähnliche Situationen. Einer spricht von Kindern und Jugendlichen im Kreisverkehr ohne Abbiegespur, keine Wege hinaus aus der Spriale. Dabei ist für viele die Pflegefamilie der zentrale und stabile Ort. Und dennoch mischen so viele andere Stellen mit.

Pflegeväter auf dem Weg – ganz praktisch und real…

Und wir haben an diesem Wochenende ausprobiert, wie es denn ganz praktisch ist in der Gemeinschaft auf dem Weg zu sein. Dazu haben wir eine 2, 5 stündigen Geocachingtour unternommen. Wir wurden eingeführt in eine Märchen-, Rätsel- und GPS Erkundungswelt, Spass und schönen Ausblicke inklusive. Dazwischen Zeit für viel Gespräch und Austausch, über allerlei Pflegefamilien- und Lebensthemen und die Frage, was es heißt auf dem Weg zu sein.

Uwe, ein Schlacks knapp über 1,90 mit karierter Gangsterkappe, gegen die Sonne heute, Dreitagebart, kurzärmeliges Holzfällerhemd, spricht freudig über sein Vergnügen die Rätsel heute auf dem Weg lösen zu wollen. Gelassen spricht er aus: „Und das Wege gehen, auch oft wie Rätsel lösen ist. In einem Moment glaubst du, jetzt hast du es, um dann doch festzustellen, dass alles nochmal auf Anfang muss. Den Weg wieder zurück und den Umweg genommen, um dann doch zum Ziel zu kommen.“

Pflegeväter auf dem Weg und die Gebrüder Grimm

Heinz Jürgen kommt dazu und merkt mit fester, doch verspielter Stimme und schnellen staccatoähnlichen Sätze an: „Ihm haben vor allem die Märchenrätsel gefallen.“ Und sofort muss er an seinen Pflegesohn denken, der sich neulich als Prinz aus dem Märchen „Der Froschkönig“ verkleidet hat und immer wieder davon spricht, wie er der Frosch von der Prinzessin an die Wand geworfen wurde. Er ist mit seinen sechs Jahre auf dem Weg, immer mehr hinein in das Leben. Märchen waren für ihn unbekannt. Er kannte nur Dauerberieselung durch das Fernsehen. Und schnell zeigt sich in den leuchtenden Augen von Heinz Jürgen, dass er richtig ein wenig stolz ist, dass seine Kinder gefallen an Märchen finden. Für einen Marburger und einen Freund der Gebrüder Grimm eine besondere Freude.

Manfred erzählt: „Auf dem Weg sein bedeutet für ihn, etwas neues zu wagen, etwas zu erforschen, neugierig zu sein für das was kommt und dann seine Ziele daraus entsprechend zu entwickeln. Auch ist ihm wichtig, beim auf dem Weg sein, die eigene Balance zu behalten und auch entscheiden zu können, wann ich vielleicht Hilfe und Unterstützung brauche, um sich eben nicht zu überfordern.

Klaus meldet sich auch zu Wort, „dass hier in Oberorke mit allen diesen tollen Pflegevätern auf dem Weg sein für ihn bedeutet, Abstand von zu Hause zu bekommen, einfach mal frei von den eigenen 5 weiblichen „Mitbewohnern“ zu haben und die Zeit zu genießen. Und das auch und gerade wenn die eigene Frau vielleicht mahnend beim Abschied noch gesagt hat „Denk dran esse und trinke nicht soviel“. Und er würde auch unheimlich von den Geschichten der anderen Pflegeväter profitieren und immer eine Menge neuer Ideen mit nach Hause nehmen.

Pflegeväter auf dem Weg – mit Umwegen die Ortskenntnisse erhöhen

Ernst gehört zu den älteren Semestern hier. Er ist Pflegevater mit Laib und Seele. Er spricht ruhig und überlegt, schwankt manchmal in der Wahl zwischen zwei Worten. Auf dem Weg sein bedeutet für ihn, an das Innehalten zu denken. Einfach auf seinem Weg einmal stehen bleiben und wahrnehmen was gerade ist. Bei mir selbst. Wie geht es mir gerade mit meinem im Leben stehen? Was nehme ich um mich herum wahr? In welcher Resonanz stehe ich mit all dem um mich herum? Mit den Kindern? Mit meiner Frau? Und ein paar Minuten weiter spricht er von Umwegen, die zum auf dem Weg sein gehören. Und im fällt der Satz ein „Umwege erhöhen die Ortskenntnisse. Und genau, bei den Pflegekindern erhöhen die gemeinsamen Umwege auch das gemeinsame Verständnis für die Lebensgeschichte.

Ein Wochenende voller unterschiedlicher Weggeschichten rund um das Pflegefamilie sein. Berührende, stolze, humorvolle, schöne und schwierige, doch am Ende immer verbunden mit dem tiefen Wissen, dass es richtig, lohnend und wertvoll ist, sein Leben genauso als Pflegefamilie zu gestalten.

Wir freuen uns auf das Gespräch mit interessierten Familien. Nehmen Sie Kontakt mit uns auf!