Pflegeeltern sind Optimisten…

Was ist eigentlich ein Optimist? Einer der „Ja“ sagt zum Leben. Jemand der immer an das Gute und das Positive glaubt. Jemand der in der Lage ist auch negative Ereignisse positiv umzudeuten. Jemand der auch schwierige Situationen als zeitlich begrenzt, als zu kontrollieren und als in sich geschlossenes Phänomen erlebt. Wahrlich ein Optimist.

Mir bekannte Pflegeeltern würde ich als unerschöpfliche Optimisten bezeichnen. Sie sind immer gut drauf, immer ein freundliches und zugewandtes Wort auf den Lippen, meistens ein Lachen in ihren Gesichter, auch wenn sie gerade nicht im Fokus stehen, diese die liebevolle Ansprache ihres Pflegesohnes, auch wenn es gerade hoch hergeht, selbst dem größten Sturm wissen sie noch etwas Gutes abzugewinnen und eine vermeindliche Niederlage begreifen sie noch als Chance für Veränderung. Diese Pflegeeltern sind Optimisten!

Wie machen sie das bloß und was unterscheidet sie von anderen Menschen? Sind sie glücklicher und zufriedener mit ihrem Leben? Haben sie mehr Selbstwert als andere Paare und spüren sie mehr Selbstwirksamkeit als Menschen in ihrer Umgebung? Und wie sind die Auswirkungen auf sie und ihre Umgebung? Was ist der Schlüssel zu diesem unerschöpflichen Optimismus? Und wozu ist Optimismus gut? Was ist der Sinn von Optimismus?

Was sagt die Wissenschaft zum Optimismus?

Ein Buch von Martin E.P. Seligman, einem der Begründer der Positiven Psychologie trägt den Untertitel „Warum Optimisten länger leben?“. Viele Studien zeigen inzwischen, dass Optimisten tatsächlich im Vergleich zu Pessimisten um ca. 19 % länger leben, dass ihre körperliche Abwehrkraft Pflegeeltern sind Optimistenund auch ihre Resilienz deutlich ausgeprägter sind, als bei eher pessimistischen Menschen. Die einschlägigen Wissenschaftsmagazine wie „GEO“, „GEO Wissen“ oder „Geist und Gehirn“ haben in den letzten Jahren viele Veröffentlichungen gerade auch bezogen auf das Zusammenspiel zwischen Geist, Gehirn und Körper dazu publiziert. Auch wenn längst noch nicht alles in diesem Kontext erforscht ist zeichnet sich eine eindeutige Tendenz ab. Die Kraft der guten Gefühle ist nachweisbar.

Dabei muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass der Optimismus aktuell nicht die einzige Einflugschneise in das Thema ist. Die Positive Psychologie ist schon genannt. Dazu kommt die Glück- und Zufriedenheitsforschung und nicht zuletzt die Neurobiologie, die dazu beiträgt auch die Vorgänge im Gehirn mit den dazugehörigen biochemischen  Vorgängen zu erforschen. Nicht zu vergessen die Medizin, die daran interessiert ist, wie Gesundung durch von Optimismus geprägten innerpsychische Vorgänge positiv beeinflusst werden kann.

Was sind die Wirkfaktoren von Optimismus?

Nach Durchsicht verschiedener Veröffentlichungen zum Thema kristallisieren sich folgende Faktoren als besonders wirksam heraus:

  • Eigeninitiative
  • Selbstwirksamkeitserwartung
  • Zufriedenheit
  • Ressourcenorientierung
  • Beziehungen
  • Sinn

Bei den einzelnen Faktoren wird deutlich werden, dass sie eng miteinander zusammenhängen und die Übergänge zum Teil fließend sind. Auch vor diesem Hintergrund kann der Schluss gezogen werden, dass gerade in der Verbindung der einzelnen Faktoren eine große Kraft liegt. Zufriedenheit, ein positives Gefühl und Begeisterung sorgen für die Ausschüttung neuroplastischer Botenstoffe im Gehirn. Sie sind wie Nahrung für die Nervenzellen und die neuronalen Vernetzungen. Heute wissen wir, wenn wir Erfahrungen in diesem Zustand machen, dass diese sich besonders gut einprägen.

Doch was verbirgt sich konkret hinter den oben genannten Aspekten, auch mit dem Fokus auf den Titel dieses Magzinbeitrags „Pflegeeltern sind Optimisten“:

Eigeninitiative:

Unter Eigeninitiative ist nach Prof. M. Frese gemeint, das ich aus mir selbst heraus aktiv werden, das ich zukunftsbezogen und antizipierend handele (proaktiv), das ich mit Widerstand rechne und damit umgehe und das ich die Einstellung habe mit meinem Handeln auch Veränderungen zu bewirken. Hier wird deutlich, dass sich in der Eigeninitiative auch Aspekte von Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeitserwartung wieder finden.

Gerade für Pflegeeltern scheint die Haltung der Eigeninitiative hilfreich zu sein, geht es doch im Alltag darum Lösungen zu finden und in der Interaktion mit dem Pflegekind wahrscheinlichen Widerstand nicht auf mich als Pflegemutter oder Pflegevater  zu beziehen. Viele pädagogische Handlungen sind auf die Zukunft gerichtet und wirken in der Summe, ohne dass ich deren Wirkung im jeweiligen Augenblick erkennen kann. Gerade dann kommt es stark darauf an, dass sich eine optimistische Haltung zu bewahren…eben doch Pflegeeltern sind Optimisten.

„There are three types of people in the world: those who make things happen, those who watch things happen, and those who wonder what happened.” (Ash, 1995, p. 151)

Selbstwirksamkeitserwartung:

Hier meinen Wissenschaftler wie R. Schwarzer und M. Jerusalem die innere Überzeugung selbst etwas bewirken zu können. Typische Sätze für Menschen mit dieser Überzeugung sind: „Ich erreiche meine Ziel“, „Ich schaffe das“ oder „Ich löse das jetzt aus meinen eigenen Fähigkeiten heraus“. Aus dieser Haltung heraus entsteht Energie und das Gefühl der Unabhängigkeit. Die bewusste Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten ist bei Menschen mit einer hohen Selbstwirksam-keitserwartung besonders ausgeprägt.

Entscheiden sich Familien Pflegefamilien zu werden, haben sie oft unausgesprochen ein ausgeprägtes Selbstwirksamkeitsempfinden. Sie sind geleitet von der Idee, dass sie neben den eigenen Kindern Kraft, Energie und Liebe für weitere Kinder haben. Der Wunsch etwas zu teilen bzw. weiterzugeben ist ausgeprägt. Sie möchten lebenswerte Lebensräume für Kinder schaffen, die eben eher weniger Selbstwirksamkeitserleben haben, denen eben nicht so leicht über die Lippen kommt „Ich bekomme das hin“. Pflegeeltern vertrauen darauf, dass sich Wege finden lassen und wir als Fachberatungsdienst begleiten Pflegefamilien dabei, den Blick auf Wirksamkeit zu erhalten.

Zufriedenheit:

Die Psychologin A. Schütz von der TU Chemnitz fand heraus, dass es zwischen dem Erleben von Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit einen unmittelbaren Zusammenhang gibt. Je selbstwirksamer ich mich erlebe, desto zufriedener bin ich mit mir und meinem Leben. Die Schere zwischen Selbst- und Idealbild ist gering. Wir sind dann zufrieden, Pflegeeltern sind Optimistenwenn wir unseren eigenen Weg gehen können, wenn wir zu den getroffenen Entscheidungen stehen können. Auch hier wird wieder der Bezug zur Selbstwirksamkeit deutlich. Zufriedenheit stellt sich auch dann ein, wenn ich mit meinen Werten im Einklang leben kann, wenn sie beruflich und privat kongruent sind, wie H. Jellouschek in einer Befragung von deutschen Managern herausfand.

Wir als Fachberatungdienst für Pflegefamilien erleben in der Zusammenarbeit mit unseren Familien genau die beschriebene Verbindung. Die Kraft für das Pflegefamiliesein, die Ausdauer auch schwierige Phasen mit den Pflegekinder zu überstehen, kommt genau aus der Quelle des Zusammenspiels, von Selbstwirksamkeit, Zufriedenheit und der gelebten Einklang mit den eigenen Werten als Familie. Diese Wirkkraft ist für viele Pflegekinder genau die Voraussetzung einen Ort von Konsitenz zu erleben, der die Tür für das eigene Selbstwirksamkeitserleben weit aufstoßen kann. Ein echtes Geschenk.

Ressourcenorientierung:

Wer die Fähigkeit besitzt, die eigenen Ressourcen in den Fokus seiner Aufmerksamkeit zu stellen verfügt über eine Quelle der Stärkenorientierung. Insoo Kim Berg und Steve de Shazer haben auf dem Hintergrund der Lösungs- und Ressourcenorientierung einen eigenständigen Therapieansatz entwickelt. Auch Seligman hat Ende der 90er Jahre in der Stärkenorientierung eine entscheidende Säule für die Positive Psychologie gesehen.

Vielen Pflegeeltern scheint dieser Aspekt in die „Wiege gelegt zu sein“. Der Fokus auf die eigenen Stärken und auch der Fokus auf die gelingenden Situationen in der Interaktion mit den Pflegeeltern sind von immenser Bedeutung. So lassen sich Entwicklungen initieeren, die zu Beginn von Pflegeverhältnissen vielleicht nicht zu erwarten gewesen wären.

Deshalb achten wir als Fachdienst auch im Bewerbungsprozess auf die Fähigkeit zur Stärkenorientierung. Ist das Glas halbvoll oder ist das Glas halbleer? Dazu gehört für uns auch der Aspekt der Offenheit sich als Pflegefamilie auf eigene Lern- und Entwicklungsprozesse einzulassen, um für sich selbst weitere Stärken und Fähigkeiten zu etablieren. Neben der Fachberatung stehen unseren Pflegefamilien noch weitere Unterstützungssysteme wie Supervision, Fortbildung und Regionalgruppe zur Verfügung.

Beziehungen:

Der Wissenschaftsjournalist W. Bartens schreibt: „Wer sich jeden Tag missmutig ein paar Löffel kalt gepresstes Olivenöl einflößt, der wird davon kein gesundheitlichen Nutzen haben“. Sinnvoller sei da ein Schweinebraten mit guten Freunden. Auch G. Hüther geht davon aus, dass ein gutes soziales Netzwerk erheblich zur Stabilisierung in schwierigen Zeiten beiträgt.

Pflegeltern sind Optimisten


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Dabei wirken vor allen die direkten Begegnungen und gemeinsame Erlebnisse. Sie sind dem Optimismus förderlich und tragen durch die Zugehörigkeitserfahrungen deutlich zu einem stabilen Selbstwert bei.

Wir erleben Pflegefamilien mit einem ausgeprägten Netzwerk, als stabile Systeme, denen es auch leichter gelingt schwierige Phasen zu überstehen. Dabei ist aus unserer Erfahrung für die Familien besonders wichtig, dass das direkte familiäre Beziehungsnetzwerk auch hinter der Idee steht,  Pflegefamilie zu werden. Eng mit dem Beziehungsthema ist der Aspekt des Zugehörigkeitsgefühls verknüpft. Sichere Beziehungen begünstigen das Erleben von Zugehörigkeit. Gerade auch für Pflegekinder trägt die Erfüllung diese zentralen Bedürfnisses zur Entwicklungsförderung bei.

Und zu welchem Schluss kommen Sie für sich?

Und? Zu welchem Schluss kommen Sie ganz für sich? Sind Sie ein optimistischer Mensch, überwiegt der Optimismus in Ihrer Familie? Finden Sie etwas der Wirkaspekte von Optimismus bei sich und ihren engsten Angehörigen wieder? Wie stark sind die einzelnen Faktoren ausgeprägt und welche gilt es vielleicht noch zu entwickeln? Wie dem auch sei…Pflegeeltern sind Optimisten.

Wir freuen uns über Rückmeldungen und Kommentare und wir freuen uns, wenn Sie mit uns Kontakt aufnehmen, um sich über ein Leben als Pflegefamilie zu informieren.

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