Covid-19 und die Beratung von Pflegefamilien

Covid-19 und die Beratung von Pflegefamilien

von Autorin Corina Rink.

Covid -19 heißt die Bedrohung, die von außen auf uns zu kommt, niemand kann genau sagen, wie und was da passieren wird, aber es klingt sehr bedrohlich und verunsichernd.

Waren wir noch vor ein paar Tagen recht unbeschwert mit Freund*innen im Restaurant, oder haben mit anderen gemeinsam im Fitnessstudio trainiert, im Chor gesungen oder mit den Nachbarn und deren Kindern den Spielplatz besucht, so sollen wir nun ganz plötzlich alle zu Hause bleiben und uns vor unseren Mitmenschen schützen.

Privat bedeutet das, dass wir zunächst mal keine Freund*innen mehr treffen, dass wir gut überlegen, welche Einkäufe wirklich unbedingt notwendig sind und möglicherweise auch, wer sie für uns besorgen kann. Vieles können wir heutzutage online erledigen oder möglicherweise haben wir ohnehin schon vorher auf alternative Angebote zugegriffen und bekommen unser Gemüse sogar vom Bio-Bauernhof vor die Tür geliefert.

Wer Kinder hat weiß, was es bedeutet von nun an rund um die Uhr zu Hause zu sein, die Schulaufgaben gemeinsam mit den Kindern zu Hause zu erledigen, die kleineren ganztags zu betreuen, keine Oma im Hintergrund, die entlasten kann, …weil auch die sich schützen muss. Keine Shoppingtour, kein Kino, kein entspannter Grillabend mit Freund*innen. Nein, alles scheint still zu stehen -oder zumindest langsamer zu drehen.

Ohne Virus wäre es an manchen Stellen beinahe auch ein wenig erholsam, dass endlich die Menschen alle etwas langsamer und achtsamer werden, aber mit einer derartigen Bedrohung im Nacken, ist es wahrlich keine Freude.

Für alle eine enorme Herausforderung, denn niemand hat je zuvor mit sowas zu tun gehabt.

Und die Bedrohung ist unsichtbar und die Situation befremdlich und für uns nicht einordbar. Haben wir doch einen Auftrag zu erledigen, bei dem es nicht so ganz einfach erscheint, Kontakte zu vermeiden. Und beruflich wissen wir deswegen nun zunächst auch nicht, wie wir das alles leisten sollen.Wir sollen beraten und helfen, nicht selten, nein meistens haben wir auch den Auftrag zu überprüfen und zu kontrollieren, dass kein Kind zu Schaden kommt.

Das heißt für alle „Ambulanten Erziehungshilfen“, dass sie regelmäßig auch in die Haushalte der entsprechenden Familien gehen müssen, um sich von der Situation vor Ort ein Bild zu machen und um den Unterstützungsbedarf frühzeitig erkennen zu können.

Covid-19 und die Beratung von Pflegefamilien

Die Beratung von Pflegeeltern und Kindern für die ich zuständig bin, konnte ich in den letzten Wochen recht gut erledigen. Ich habe regelmäßig und in kurzen Abständen, wegen des Lockdown, telefonische Beratungen durchgeführt und immer wieder waren auch Video-Konferenzen möglich. Wenn es unbedingt erforderlich war konnte man mit Mindestabstand und Maske einen Spaziergang im Freien machen oder im Garten sein und wichtige Gespräche führen.

Die für viele Pflegekinder üblichen „Begleiteten Umgänge“ wurden vorübergehend ausgesetzt und die meisten Eltern und Kinder haben das ganz gut akzeptieren können und konnten sich mit den Pflegeeltern auch auf andere Kontaktmöglichkeiten (Zoom, Skype, Telefon) einigen.Es war in meiner Arbeit in den letzten Wochen eher selten krisenhaft, (was nicht heißt, dass es nichts zu tun gab), die überwiegende Zeit ausgesprochen erfreulich, wie die Familien mit der herausfordernden Situation umgegangen sind und mit wieviel Engagement und Kreativität sie diese die Aufgabe angenommen haben.

Covid 19 und die Beratung von Pflegefamilien
Covid-19 und die Beratung von Pflegefamilien

Es sind meine persönlichen Erfahrungen, die ganz sicher nicht allen und allem gerecht werden, es gab bestimmt auch ganz andere Ereignisse.

Ich persönlich war oft richtig gehend gerührt, was mir sowohl die Kinder als auch die Pflegeeltern in der ganzen letzten Zeit berichtet haben. Da wurden Salatbeete angelegt und Hühnerställe gebaut, Masken genäht, Fahrräder repariert, Osterfeuer(-chen) im Garten angezündet und Zelte in der Wohnung aufgebaut. Ich war und bin wirklich sehr beeindruckt, auch von den Entwicklungsschritten, die manches Kind aufgrund der Ruhe und der Nähe zur Familie gemacht hat, weil die Angebote von außen weniger waren und man sich intensiver miteinander beschäftigen konnte.

Die Familien mit denen ich zu tun hatte waren sehr dankbar für den häufigen Austausch mit mir als Fachberatung und die Nähe, trotz der Distanz. Es tat ihnen gut, zu wissen, dass da jemand am anderen Ende der Leitung ist und sich interessiert für die aktuelle Verfassung der Familie. Viele Gespräche waren lange und intensiv, weil es viele Fragen und tiefe Themen zu besprechen gab, hin und wieder reichte auch ein nur kurzes Telefonat aus, aber das Wissen darum, dass der Anruf erfolgen wird, war oft schon eine große Erleichterung. So wurde deutlich das Covid-19 und die Beratung von Pflegefamilien gelingen kann.

Ja und natürlich war nicht nur alles dauernd und ständig ganz toll, es gab selbstverständlich Höhen und Tiefen. Und sicher braucht es für alle einen langen Atem und mehr als reichlich an Geduld. Und auch zeitlich sollte dieser Ausnahme-Zustand wirklich unbedingt begrenzt sein, denn nach und nach geht dem ein oder anderen dann doch allmählich die Puste aus.

Natürlich muss man auch differenzieren, die Arbeit in den Pflegefamilien gestaltet sich in der Regel ganz anders als die Arbeit z.B. der „Sozialpädagogischen Familienhilfe“ oder anderer ambulanten Hilfen.

Die Pflegeeltern beispielsweise wohnen häufig im eigenen Haus oder Wohnung mit Garten und haben insgesamt -nicht nur materiell- ganz anderen Voraussetzungen, als sozial schwache (benachteiligte)  Familien, die mit geringem Einkommen oder gar Hartz IV, mit mehreren Personen, in einer kleinen Wohnung, ohne Balkon und Garten leben. Da gibt es natürlich noch ganz andere Probleme zu bewältigen.

Für alle die diese Arbeit tun, eine wirklich schwierige Angelegenheit während der Pandemie und abgesehen, von der realen Gefahr sich zu infizieren und selbst krank zu werden, ist auch die psychische Belastung der Mitarbeitenden , sprich die Angst und die Sorge um das eigene Wohl und das der ihnen und uns anvertrauten Kinder nicht zu unterschätzen.

Was die Unterstützung der Behörden, in dem Fall der zuständigen Jugendämtern angeht, habe ich sehr unterschiedliche Beobachtungen gemacht.

Angefangen bei einigen Mitarbeitern*innen, die sich „gefühlt“ ab Mitte März scheinbar in Luft aufgelöst haben, was man natürlich als hoch kritisch ansehen muss, weil viele wichtige Dinge weder geregelt, noch abgesprochen werden konnten und sich kein wirklich zuständiger Ansprechpartner finden lassen wollte, bis hin zu absolut engagierten Sozialarbeiter*innen, die sehr regelmäßig, auch aus dem Homeoffice anrufen haben, um sich zu erkundigen, was die Kinder und Eltern so machen und ob es Unterstützungsbedarf gibt, war alles dabei.

Insgesamt eine breite Palette an Erlebnissen und Erfahrungen, die ich gemacht habe – so könnte jeder/jede von uns sicher zahlreich berichten, was er/ sie so erlebt hat und immer noch erlebt. Meine Zeilen sind da sicher maximal ein kleiner, sehr unvollständiger Ausschnitt. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass durch unser aller Einsatz manchem, manches erspart blieb und die Hoffnung, dass die Situation sich mehr und mehr stabilisieren und wieder etwas „normaler“ werden wird.

Für alle Kolleginnen und Kollegen mit denen ich zu tun hatte und habe, darf ich sagen, dass sie meinem Empfinden nach, die schwierigen Anforderungen und Aufträge (wie immer und hier besonders) verantwortungsbewusst, verbindlich und kreativ …mit hohem Sachverstand, mit guten Ideen und mit viel Liebe umgesetzt und gemeistert haben.

Das war und ist immer noch sehr besonders und nicht immer selbstverständlich.

Ich sage auch im Namen der MAV (Mitarbeitervertretung im St. Elisabeth-Verein) allen Danke, auch dem Vorstand, besonders Herrn Kling Böhm, für die motivierenden Worte und die netten E-Mails überhaupt, … ihr Dankeschön an alle Mitarbeitenden, war und ist sehr verdient!

Und am Ende sage ich auch ganz persönlich nochmal Danke an meine Fachbereichs-Leitung, die schnell wie immer und sehr wertschätzend für die notwendigen Schutzmaßnahmen gesorgt hat und alle Berater*innen u.a. mit nötigen Hygiene-/Desinfektionsartikeln versorgt hat

Ich habe mich dabei wahrgenommen, gut versorgt und sicher gefühlt.

Autorin: Corina Rink

Wollen Sie auch Pflegefamilien werden, dann folgen Sie folgendem Link: Kontakt aufnehmen

Und wir haben zu Covid 19 auch mit 2 Pflegemüttern gesprochen. Wie meistern Pflegefamilien die Zeit der Kontaktbeschränkungen und des Homeschooling. Hier ein Podcast dazu. Sehr hörenswert!

Podcast Pflegefamilien Deutschland

Podcast Pflegefamilien Deutschland

Im folgenden Beitrag können Sie etwas darüber erfahren, wie der Fachbereich Pflegefamilien Hessen vom St. Elisabeth-Verein e.V. in Marburg zur der Idee gekommen ist, einen Podcast Pflegefamilien Deutschland zu veröffentlichen.

Bertram Kasper (Geschäftsbereichsleiter Pflegefamilien Hessen) – als der Initiator des Podcastes – würde wohl folgendes dazu erzählen:

Podcast interessieren mich schon seit zehn Jahren. So lange höre ich ein paar ausgewählte, manchmal auch von den Inhalten wechselnde Podcasts. Und vor dem Hintergrund, dass viele Radiosender diese Format by the way anbieten und ich mir so mein eigenes Radioprogramm sozusagen selbst zusammenstellen kann, sind Podcast sehr attraktiv. Einer meiner Lieblingspodcasts ist z.B. „Das philosophische Radio“ auf WDR 5. Und dann gibt es seit ein paar Jahren den Trend, dass es immer mehr Menschen gibt, die Freude daran haben hochwertigen Inhalte zu Verfügung zu stellen. So ist eine richtige Podcasterszene entstanden mit allen Folgewirkungen, die damit verbunden sind: Vielfältige Podcasts, Buchveröffentlichungen zum Podcasten, unzählige Blogs etc.

Eigener Podcast „Zeitmanagement“

Meine ersten eigenen Produktionserfahrungen mit einem Podcast habe ich ebenfalls vor 10 Jahren bei einem Skiurlaub mit meiner Familien in Damüls gemacht. Damals konnte ich aufgrund einer Verletzung kein Skifahren und hatte dann tagsüber viel Zeit mich mit dem Thema zu beschäftigen. Einzige Aufgabe war es um die Mittagszeit meinen Lieben eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu zaubern.

Ich hatte zwei Bücher über Podcasten dabei, ein einfaches Aufnahmegerät, meinen Laptop mit audacity (ein opensource Schneideprogramm) und einige Ideen für Themen. Zeitmanagement ist es dann geworden, war ich doch zu dieser Zeit Geschäftsführer der GISA, einer gemeinnützigen Weiterbildungs-GmbH und Tochterunternehmen vom St. Elisabeth-Verein. Von dieser Zeit an wollte ich immer einen eigenen echten Podcast produzieren.

Podcast „Lernen macht Spass“ Thema „Zeitmanagement„

Woher kam dieser innere Antrieb?

Würde mich jemand dazu fragen, was denn mein Antrieb dafür ist, hätte ich eine ganz einfache Erklärung. Schon immer wollte ich irgendwie Spuren hinterlassen. Als Pubertierender fing es mit Gedichte schreiben an, später war es dann das Schreiben überhaupt, als Krönung ein Schreibseminar bei Bodo Kirchhoff (Träger des Deutschen Buchpreises) verbunden mit dem Wunsch selbst einen Roman zu schreiben. Heute schreibe ich an 3 Blogs regelmäßig und zwischendurch je nach Inspiration Gedichte oder immer noch an meinem Roman.

Durch Beziehung wirksam sein

Und als Dipl. Supervisor bin ich auch Entwicklungsbegleiter oder neudeutsch change agent von Menschen, die sich in ihrer Persönlichkeit weiterentwickeln wollen. Und auch für Pflegefamilien ist es mir eine Herzensangelegenheit Kontextbedingungen zu schaffen, die es ermöglichen Entwicklungen auszulösen, die wirklich eine Verbesserung, eine Veränderung begünstigen. Und aus meiner Erfahrung stellt dabei die erlebte Beziehung zwischen den Menschen einen entscheidenen Faktor für das Gelingen dar. Dies ist auch wissenschaftlich durch verschiedene Studien im Bereich der Psychotherapie belegt.

Und das lässt sich nachvollziehbar auf das „Pflegefamilien sein“ übertragen. Setze ich mich als Pflegemutter oder Pflegevater in einen echte Beziehung zu dem Pflegekind, werde ich Spuren hinterlassen, manchmal gleich und manchmal erst Jahre später sichtbar. Doch ich bin ein wenig abgekommen. Es ging doch eigentlich um Podcasten und richtig um Spuren hinterlassen, also Spuren hinterlassen durch Beziehung. Und so schwenke ich jetzt ein wenig um auf die berufliche Ebene.

Mix aus Stärkung für Pflegefamilien und Pflegekindern

Der Podcast Pflegefamilien Deutschland gehört zu einer Gesamtstrategie für die Unterstützung von Pflegekindern und Pflegefamilien.

Wir wollen also echte Lobbyarbeit für diese wertvolle Lebensperspektive für jungen Menschen in Familien auf den Weg bringen. Dazu haben wir zusammen mit Pflegeeltern im März 2019 den „Förderverein zur Unterstützung von Pflegekindern Deutschland e.V.“ gegründet, der Spenden für Pflegekinder und deren nicht durch die öffentliche Hand finanzierten Bedarfe akquiriert.

Podcast Pflegefamilien Deutschland
Logo „Förderverein zur Unterstützung von Pflegekindern Deutschland e.V.

Und wir haben eine Akademie für Pflegefamilien und deren Pflegekinder auf den Weg gebracht, die ab Januar 2020 bundesweit Fortbildungen und Qualifizierungen anbietet.

Podcast – das richtige Format

Und wir wollten ein leicht zu realisierendes und gerade gefragtes Format realisieren, um über das Leben in Pflegefamilien zu berichten. Also sozusagen einen „Radiosender“ von Pflegefamilien für Pflegefamilien. Fachliches, berührendes und spannendes soll dort einen Hörraum haben. Also ein echter Podcast Pflegefamilien Deutschland.

Natürlich verbinden wir damit auch den Wunsch Familien neugierig auf diese ganz besondere und sinnstiftende Lebensform machen. Ist es doch gerade für kleine Kinder besonders wichtig einen familiären Lebensort mit echten Beziehungen anzubieten. Wollen Sie einmal in einen unserer aktuelle Podcasts reinhören, in ein Interview mit zwei Pflegemüttern, die über ihr Leben in der jetzigen Coronakrisenzeit erzählen, dann klicken Sie auf diesen Link.

Unseren Podcast Pflegefamilien Deutschland

wird sich auch durch Ihre Anregungen weiterentwickeln. Wir freuen uns über Rückmeldungen, Themenvorschläge und wenn Sie uns helfen unseren Podcast weiter populär zu machen, sind wir Ihnen sehr dankbar.

Die ersten Rückmeldungen stimmen uns positiv und ermutigen uns. In der ersten Woche nach dem Start unseres Podcast Pflegefamilien Deutschland wurde er über 300 Mal angehört. Dieses tolle Ergebnis hätten wir nicht erwartet. Also…

Wollen Sie auch Pflegefamilie werden, dann nehmen Sie mit uns Kontakt auf.

Und jetzt hätten wir fast das Wichtigste vergessen: Unseren Podcast Pflegefamilien Deutschland finden Sie unter folgendem Link: Pflegefamilien Akademie Podcast

Die Big Five für Pflegeeltern

Die Big Five für Pflegeeltern

Wie Menschen aktuell mit der Corona Krise umgehen, hat auch etwas mit Ihrer Persönlichkeit zu tun. Die Reaktionen werden stark von dem Erlernten und den „vererbten“ Anlagen geprägt. Bin ich vielleicht besonders gewissenhaft, werde ich mir sehr strinkt an die Vorschriften im Umgang mit dem Virus halten bzw. vielleicht sogar nach weiterführende Maßnahmen ergreifen. Doch was ist Persönlichkeit eigentlich genau?

Definition Persönlichkeit

Als Persönlichkeit werden nach der allgemein verbindlichen Definition alle prägenden Eigenschaften eines Menschen bezeichnet.

Quelle: Fernstudium Psychologie

Oder anders ausgedrückt sind mein Erleben, Fühlen und Verhalten maßgeblich von der Gesamtheit aller Merkmale meiner Persönlichkeit geprägt. Dazu gehören meine Charaktereigenschaften, meine Motive und meine Kompetenzen.

LINC Personality Profiler

Das LINC Institute in Lüneburg hat auch als Reaktion auf die Corona Krise für ihr Zertifizierungsseminar ein Onlineformat entwickelt, um weiter Personlity Profiler qualifizieren zu können. Bertram Kasper konnte vom am 15. + 16.04. 2020 daran teilnehmen. Schon ein wenig vorweggenommen: Für uns war es ein fachlich fundiertes Seminar, in dem wir viel über das Big Five Modell in Verbindung mit der Anwendung des Personality Profilers gelernt haben, auch für die Persönlichkeitsentwicklung von Pflegefamilien.

Was ist das Big Five Modell genau?

Ab ca. der 1930 er Jahre wurde das Big Five Modell kontinuierlich weiterentwickelt. Inzwischen gibt es seit ca. 20 Jahre eine wissenschaftliche Anerkennung und weit über 3000 Forschungen weltweit, auch über Länder- und Kulturgrenzen hinweg. Wir sprechen also von einem Persönlichkeitsmodell, das international als Grundlage der Persönlichkeitsforschung dient. Im Ursprungsmodell wurden für Faktoren der Persönlichkeit aus weit über 17000 Persönlichkeitsbeschreibungen abgeleitet. Die Grundbezeichnungen des Big Five für Pflegeeltern waren wie folgt:

  • Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit)
  • Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus)
  • Extraversion (Geselligkeit)
  • Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Empathie)
  • Neurotizismus (emotionale Labilität und Verletzlichkeit)

Das LINC Institut hat mit der Leuphana Universität Lüneburg das Verfahren zur Persönlichkeitsanalyse „Personality Profiler“ auf Grundlage der Big Five ausdifferenziert, erweitert und praktikabler für die Anwender gestaltet. So ist es auch gut für Pflegeeltern nachvollziehbar und mit dem ca. 30- seitigen Report fast selbsterklärend.

Die Dimensionen bidimensional weiterentwickelt

Zertifizierung Personality Profiler
(C) LINC Institute

Die Grafik zeigt die Dimensionen der Persönlichkeit in ihrer Bidimensionalität. Dabei wurde vor allem wert darauf gelegt das Wortwahl positiv zu gestalten. In der Zertifzierung Personality Profiler werden die Pole der Dimensionen mit jeweils 6 Facetten intensiv analysiert bzw. beschrieben. Für einen Überblick beschreibe ich die einzelnen Dimensionen nur kurz.

1. Dimension: Extraversion versus Introversion

Bin ich als Person eher nach außen orientiert, dann habe ich ein starkes Kontaktbedürfnis verbunden mit einem intensiven Aktivitätsniveau. Gerne gestalte ich soziale Situationen und wünsche mir eine positive Wahrnehmung durch meine Umgebung.

Als eher introvertierter Mensch strebe ich nach innerer Ruhe und Zufrieden. Ich sinniere über mein Leben, reflektiere meine Gefühle und schätze intensiven Austausch mit Einzelnen oder in kleinen Gruppen. Mich zeichnen Unabhängigkeit von der Bewertung anderer aus.

2. Dimension: Gewissenhaftigkeit versus Flexibilität

Ich gehe als gewissenhafter Person eher diszipliniert, geplant und strukturiert vor. Entscheidungen trefe ich wohlüberlegt. Ich strebe nach Leistung und Kompetenz. Mein Umfeld richte ich geordnet aus.

Bin ich eher flexibel und treffe spontane gefühlsbetonte Entscheidungen. Improvisationstalent ist mein zweiter Vorname und mein Leben versuche ich eher entspannt ohne viel Ambitionen anzugehen. Gerne arbeite ich an vielen Projekten gleichzeitig.

3. Dimension: Offenheit versus Beständigkeit

Kreativität und Phantasie bestimmen mein Handeln, wenn ich zum Pol der Offenheit tendiere. Gerne probiere ich Neues und jongliere mit großem Interesse unterschiedliche Themen im meinem Leben. Es gehört zu mir den Status quo zu hinterfragen.

Ist mein Charakter auf Beständigkeit ausgerichtet, orientiere ich mich gerne an Daten, Fakten und der Realität. Ich verfüge über ausgeprägte Werte, die verinnerlicht habe. Bewährtes behalte ich bei. Strukturen und Autoritäten geben mir Orientierung.

4. Dimension: Kooperationorientierung versus Wettbewerbsorientierung

Ich verhalte mich eher zurückhaltend, wenn es um Selbstdarstellung geht. Suche den Kompromiss und bin hilfsbereit. Meine Kommunikation ist offen und vertrauensvoll. Ich sehe eher das Gute in den Menschen.

Bin ich mehr wettbewerbsorientiert, stelle ich mich gerne positiv dar. Konflikte trage ich offen aus und habe eine skeptische Grundeinstellung gegenüber Menschen. Ich bin geübt meine Kommunikation der Situation anzupassen. Gerne halte ich mich aus den Problemen anderer raus.

5. Dimension: Sensibilität versus Emotionale Stabilität

Als sensibler Mensch verfüge ich über einen guten Zugang zu meinen Gefühlen. Durch meine Empfindsamkeit kann ich mich gegen äußere Einflüsse schwieriger abgrenzen. Dies macht mich auch anfälliger gegenüber Stress.

Ich fühle mich grundsätzlich eher entspannt und gelassen. Stress kann mir i.d.R. nicht viel anhaben. Sicherheit in sozialen Situationen zeichnet mich aus. Nach außen kann ich kontrolliert wirken und auf andere Menschen eher unsensibel erscheinen.

Von diesen 5 Dimensionen ist der Name Big Five abgeleitet. Ins Spiel brachte diese Bezeichnung erstmals 1949 Donald Fiske. Also die Big Five für Pflegeeltern.

Die Big Five für Pflegeeltern berücksichtigen auch die Motive und Kompetenzen in der Auswertung

Motive oder was treibt mich an?

Das Ergebnis des Personality Profilers leitet aus dem Ergebnis der Big Five auch die Motive des Anwenders ab. Das LINC Institute orientiert sich dabei am Motiv-Modell von David McClelland. Zwischen dem Ergebnis aus den Big Five und den Motiven gibt es eine signifikante Wechselwirkung. In einem weiteren Magazinbeitrag werde ich näher auf die Motive mit ihren jeweiligen Ausprägungen eingehen.

Kompetenzen oder was liegt mir gut?

Das Profil des Personality Profilers leitet Kompetenzen aus den Charaktereigenschaften der Big Five ab. Insgesamt werden 26 Kompetenzen dargestellt. Dabei wird einmal die Perspektive der Selbsteinschätzung eingenommen und dann gezeigt, wie die Kompetenzen einer Person mit identischer Persönlichkeitsstruktur überwiegend stark oder schwach ausgeprägt sind.

Im Report werden folgende Motive gemessen: Einfluss, Unabhängigkeit, Sicherheit (Kontrollmotive), Beziehung, Werte und Sinn, Lebensstil (Beziehungs- und Lebensführungsmotive), Leistung, Wachstum und Kreativität (Leistungs- und Erfolgsmotive).

Die Big Five für Pflegeeltern und jetzt?

Jetzt freuen wir uns auf die Arbeit mit dem erweiterten Big Five Modell. Wir werden es unter anderem in der Anerkennung und Beratung von Pflegefamilien einsetzen und für Paarkonstellationen.

LINC Institute bietet einen professionellen Rahmen

Das LINC Institute als Entwicklungsschmiede des Tools bieten im Rahmen der Zertifizierung Personality Profiler verschiedene Unterstützungsformate an. Dazu gehören nicht nur Literatur und gut aufbereitete Materialien (wie z.B. Kartenspiele), sondern auch ein Netzwerk über XING und Übungsgruppen mit zertifizierte Partner und Begleitung durch LINC.

Möchten Sie selbst Pflegefamilie werden oder haben Sie Interesse an einem Profiling mit den Big Five, dann nutzten Sie einfach unter Kontaktformular!

Literatur: Der Blogartikel orientiert sich an den Workshopunterlagen vom LINC Institute

Pflegekinder werden zur Kasse gebeten

Pflegekinder werden zur Kasse gebeten

von Jana Bamberger, Master Studierende im Bereich „Soziologie und Sozialforschung“ an der Universität Marburg

Jeden Tag zur Arbeit gehen und trotzdem nichts in der Tasche haben – für zahlreiche Pflege- und Heimkinder ist dies bittere Realität. Während andere Jugendliche jobben gehen, um sich Geld für den Führerschein, Kinobesuche oder ein neues Handy zusammenzusparen, müssen sie 75% ihres Einkommens an das Jugendamt abgeben. Oftmals bleibt dann nur ein umgerechneter Stundenlohn von 2,75 € übrig.

„Ich sehe auf dem Konto die ganze Zeit null, null, null“

Grund für die Abgaben ist, dass Pflegeeltern, welche Pflegekinder in ihre Familie aufnehmen, finanzielle Unterstützung in Form von Pflegegeld durch das Jugendamt erhalten. Je nach Alter des Pflegekindes liegt dieser Betrag zwischen 508,00 € und 676,00 € monatlich. Hinzu kommt ein Erziehungsbeitrag von weiteren 237,00 € pro Monat. Bei Pflegekindern, die Geld verdienen, möchte sich der Staat dieses Geld zurückholen und langt ordentlich zu. So müssen nahezu alle Kinder, die in Deutschland in einer Pflegeeinrichtung oder Pflegefamilie leben, 75% ihres Einkommens abgeben – unabhängig davon, ob sie arbeiten, einen Nebenjob haben, eine Ausbildung machen oder einen Bundesfreiwilligendienst oder ein FSJ absolvieren.

Gesetzliche Grundlage ist gegeben

Im achten Sozialgesetzbuch in Paragraf 94 wird hierzu geregelt, „dass junge Menschen und Leistungsberechtigte bei ‚vollstationären Leistungen‘ insgesamt ‚75% ihres Einkommens als Kostenbeitrag einzusetzen‘ haben.“ (Ustorf 2018) Von dieser Regelung sind in Deutschland derzeit etwa 142.000 Heimkinder und 90.000 Pflegekinder betroffen.

Wenn diese jugendlichen Pflegekinder also in einem Café jobben, Zeitungen austragen oder im Supermarkt Konserven in Regale räumen, um ihr Taschengeld aufzubessern oder für den Führerschein zu sparen, gehen drei Viertel ihres Einkommens direkt an das Jugendamt. Auch bei einer Ausbildung müssen sie 75% ihres Gehaltes abgeben, wenn sie noch bei ihren Pflegeeltern wohnen. Pflegekinder werden zur Kasse gebeten.

„Ja, was haben wir denn getan, dass wir 75 Prozent abgeben müssen? Ich verstehe es nicht. Ich sehe einfach auf dem Konto die ganze Zeit null, null, null. Klar, bisschen kommt ja, ich will nicht sagen, dass da nichts kommt, aber dann geht die Motivation weg.“

(Serkan in Grüter 2019)

„Was kann ich denn dafür, dass ich ein Pflegekind bin?“

Die 75%-Klausel wird von den Kindern und Jugendlichen als ungerecht empfunden und kann darüber hinaus das Gefühl „nicht-richtig-zur-Familie- dazuzugehören“ enorm verstärken. Zudem bremst die Regelung Jugendliche in ihrem Weg in die Selbstständigkeit aus und erschwert die Vermittlung, dass sich harte Arbeit lohnt. Pflegekinder werden zur Kasse gebeten, wer soll ihnen diese Praxis erklären?

Die folgenden Zitate drücken das ganze Unverständnis der Betroffenen aus

„Alle meine Freunde jobben, um sich was dazuzuverdienen. Keiner von ihnen muss seinen Eltern etwas abgeben. Aber ich soll jetzt beim Amt für meine eigenen Kosten aufkommen. Was kann ich denn dafür, dass ich ein Pflegekind bin?“

(Felix Warnke in Ustorf 2018)

„Es ist doch ein Zeichen von Reife und Verantwortungsbewusstsein, wenn sich ein Kind einen Job sucht, um eigene Bedürfnisse selbst erfüllen zu können. Stattdessen muss Felix nun dafür haften, dass seine leiblichen Eltern nicht in der Lage sind, sich um ihn zu kümmern. Damit ist er doppelt benachteiligt, auch gegenüber seinen Geschwisterkindern.“

(Andrea Wagner (Felix Pflegemutter) in Ustorf 2018)

Viele Pflegekinder können auf diese Weise kaum Motivation aufbringen eine Arbeit zu suchen oder brechen ihren Job wieder ab, wenn sie erfahren: Pflegekinder werden zur Kasse gebeten und das gleich mit 75%.

„Man gibt den jungen Menschen das Gefühl, dass es sich nicht lohnt zu arbeiten. So erzieht man weitere Sozialhilfeempfänger.“

(Kirsten Willruth in Seitler 2018)

Einige Kinder gehen sogar in ihre Herkunftsfamilien zurück, nur um ihr Gehalt vollständig behalten zu können.

„Neulich ist ein junger Mann zurück zu seiner alkoholkranken Mutter gezogen, damit er sein Ausbildungsgehalt vollständig behalten darf.“

(Carmen Regglin in Ustorf 2018)

Eine große Problematik der 75%-Klausel ist zudem, dass Careleaver für ihre ersten eigenen vier Wände nur selten finanzielle Rücklagen bilden können, wodurch ihnen der Übergang in das Erwachsenenalter stark erschwert wird. Damit wird auch das Engagement der Pflegefamilien indirekt in Frage gestellt. Pflegekinder werden zu Kasse gebeten, es macht einfach keinen wirklichen Sinn.

Antrag auf Befreiung der Kostenheranziehung

Eine Möglichkeit, um sich von der Kostenheranziehung teilweise oder sogar ganz befreien zu lassen, besteht darin einen Antrag beim Jugendamt einzureichen, in welchem ein ausführlich begründeter Widerspruch eingelegt wird. Ein derartiger Antrag kann erfolgreich sein, wenn die Tätigkeit dem Ziel der persönlichen Weiterentwicklung und somit dem „Zweck der Jugendhilfe“ (Ustorf 2018) dient.

Hierunter fällt beispielsweise das Sparen für einen Führerschein. Darüber hinaus kann eine Befreiung erfolgen, wenn bei der ausgeübten Tätigkeit  das soziale oder kulturelle Engagement im Vordergrund steht, wie beispielsweise bei einem FSJ oder dem Bundesfreiwilligendienst.

Beratung suchen

Grundsätzlich ist es jedoch die Entscheidung der zuständigen Jugendamtsfachkraft, ob und inwieweit auf die Anrechnung des Einkommens verzichtet wird. Es empfiehlt sich daher die Pflegefamilienberatung zur Hilfe heranzuziehen, da sich diese mit Einzelheiten der gesetzlichen Bestimmung auskennt und bei der inhaltlichen Begründung des Antrags helfen kann. Ebenfalls gibt es in einigen Bundesländern Ombudsstellen.

Obwohl ein derartiger Antrag das gute Recht jedes Pflegekindes ist, müssen viele Pflegekinder dazu ermutigt werden, einen Antrag zu stellen, da ihr Selbstwertgefühl oftmals angeschlagen und die Angst vor einer Zurückweisung groß ist. Zudem ist die Möglichkeit eine Befreiung/Reduzierung der Kostenheranziehung zu beantragen, vielen Jugendlichen und auch einigen pädagogischen Fachkräften oftmals gar nicht bekannt.

Visionen

Seit Jahren wird im deutschen Bundestag über eine Verbesserung der Gesetzeslage debattiert. Während sich einige Parteien für eine komplette Abschaffung der Kostenbeteiligung einsetzen, halten andere an der Kostenheranziehung fest.

Im Jahr 2017 erließ der Bundestag im Kinder- und Jugendstärkungsgesetz eine Regelung, laut welcher Pflegekinder nur noch maximal die Hälfte ihres Einkommens abgeben müssen. Diese Regelung erfuhr vom Bundesrat bisher jedoch keine Zustimmung und wird vermutlich auch in naher Zukunft nicht durchgesetzt werden.

Für die Zukunft besteht demnach noch ein großer Handlungsbedarf im Bereich der Rechtslage. Es müssen Maßnahmen erschaffen werden, die der enormen Einkommensabgabe von Pflegekindern entgegenwirken, da diese ein Zugehörigkeitsgefühl  nahezu unmöglich macht. Durch Abgaben von 75% des Verdienstes wird die Motivation von Pflegekindern in höchstem Maße gehemmt und eine positive Entwicklung der Kinder und Jugendlichen eher beeinträchtigt statt gefördert.

Quellen

Grüter, Susanne (2019): Heim- und Pflegekinder. Ein Euro für mich, drei fürs Jugendamt. URL: https://www.deutschlandfunk.de/heim-und-pflegekinder-ein-euro-fuer-mich-drei-fuers.724.de.html?dram:article_id=455499, Abruf am 19.09.2019.

Land Hessen (2019): Pflegekinder und Pflegeeltern. URL: http://www.familienatlas.de/eltern-erziehung/pflegschaft-adoption/pflegekinder-und-pflegeeltern, Abruf am 19.09.2019.

Schnieder, Milan (2018): Pflegekinder müssen zahlen. Eigenes Einkommen wird angerechnet. URL: https://www.zdf.de/politik/frontal-21/pflegekinder-muessen-zahlen-100.html, Abruf am 11.09.2019.

Seitler, Pia (2018): Der Staat langt zu. Einkommen von Pflegekindern. URL: https://www.spiegel.de/panorama/pflegekinder-muessen-75-prozent-ihres-einkommens-dem-jugendamt-zurueckgeben-a-1232584.html, Abruf am 11.09.2019.

Ustorf, Anne-Ev (2018): 2,75€ Stundenlohn – und der Rest fürs Jugendamt. URL: https://www.sueddeutsche.de/karriere/pflegekinder-gehalt-steuern-1.4241789, Abruf am 11.09.2019.

Werner, Christine (2014): Pflege- und Heimkinder müssen zahlen. URL: https://www.swr.de/swraktuell/jugendamt-pflege-und-heimkinder-muessen-zahlen/-/id=396/did=13661362/nid=396/1xbqfbw/index.html, Abruf am 19.09.2019.

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Die Big Five für Pflegeeltern

Pflegekinder in Regenbogenfamilien

von Jana Bamberger, Master Studierende im Bereich „Soziologie und Sozialforschung“ an der Universität Marburg

Pflegekinder in Regenbogenfamilien ist nach wie vor noch ein kontroverses Thema. Der folgende Beitrag von Jana Bamberger will dazu beitragen Vorurteile zu relativieren und beschreibt vor dem Hintergrund der aktuellen Forschung die Chancen für Regenbogenfamilien und Pflegekinder in anschaulicher und differenzierter Weise. Herzlichen Dank dafür.

„Lesben und Schwule müssen bei der Vermittlung von Pflegekindern gleich behandelt werden, denn sie können genau so gute Eltern sein wie heterosexuelle Menschen. Leider zeigt die Erfahrung vieler Homosexueller, dass ‚klassische‘ Familienverhältnisse oft für stabiler gehalten werden als die lesbischer oder schwuler Paare. Das ist haltlos und diskriminierend.“ (Mielchen 2016)

„‚Ehe für alle‘ heißt nicht ‚Elternschaft für alle‘“

Trotz zahlreicher Reformen und Maßnahmen zur Gleichberechtigung von homosexuellen Personen haben gleichgeschlechtliche Paare noch immer mit zahlreichen Hindernissen im Bereich der Familienplanung und dem Familienalltag zu kämpfen. Denn obwohl die allgemeine Toleranz gegenüber schwulen Männern und lesbischen Frauen in den letzten Jahrzehnten spürbar gestiegen ist, wird der gleichgeschlechtlichen Elternschaft weiterhin eher kritisch und ablehnend gegenübergestanden.

Das Konzept der gleichgeschlechtlichen Elternschaft scheint für viele heterosexuelle Personen nur schwer mit bestehenden traditionellen Vorstellungen von Familie vereinbar zu sein. Darüber hinaus sehen sich homosexuelle Paare oftmals mit zahlreichen Vorurteilen und Klischees gegenüber ihrer Familienform konfrontiert, welche ihnen u.a. eine angemessene Erziehungsfähigkeit absprechen. So war bei einer Umfrage im Jahr 2017 beispielsweise jede/r fünfte Befragte der Überzeugung, dass homosexuelle Paare Kinder schlechter erziehen als heterosexuelle Paare.

Doch nicht nur seitens der Gesellschaft lassen sich Stigmatisierungen und Diskriminierungen homosexueller Personen feststellen, auch im Rahmen der deutschen Rechtsgrundlage bestehen trotz zahlreicher Reformen noch immer Ungleichbehandlungen homosexueller gegenüber heterosexuellen Paaren.

Was ist überhaupt eine Regenbogenfamilie?

In der heutigen Gesellschaft wird das traditionelle Familienbild „Mutter, Vater, Kind“ von immer mehr unkonventionellen Modellen abgelöst. Neben mittlerweile weit verbreiteten Modellen wie Stieffamilien, Patchworkfamilien, und Alleinerziehenden existieren sogenannte „Regenbogenfamilien“, welche ebenfalls eine eigene Familienform darstellen.

Hierbei gibt es jedoch verschiedene Möglichkeiten in einer derartigen Familienform zusammenzuleben, wodurch auch unterschiedliche Definitionen des Begriffes existieren. Grundsätzlich wird unter einer Regenbogenfamilie eine Familie verstanden, welche sich aus zwei gleichgeschlechtlichen Elternteilen zusammensetzt, die mit mindestens einem Kind zusammenleben und dieses gemeinsam großziehen.

Regenbogenfamilien können hierbei die Form einer Adoptiv- oder Pflegefamilie annehmen oder eine Familie sein, bei welcher Kinder aus einer vorangegangen heterosexuellen Partnerschaft oder einer Leihmutterschaft stammen oder mittels einer künstlichen Befruchtung in eine aktuelle lesbische Beziehung hineingeboren wurden.

In Debatten um gleichgeschlechtliche Elternschaft wird sich hierbei, sowohl politisch als auch medial, sehr oft ausschließlich auf Adoptionen fokussiert, während Pflegekinderverhältnisse außer Acht gelassen werden. An dieser Lücke gilt es dringend anzuknüpfen.

Pflegekinder in Regenbogenfamilien

Adoptivkind oder Pflegekind?

Sowohl bei lesbischen, als auch bei schwulen Paaren, die über Kinder verfügen, stammen die meisten dieser Kinder aus vorhergehenden heterosexuellen Beziehungen oder wurden direkt in die gleichgeschlechtliche Familie hineingeboren. Nur etwa 6% der Kinder aus Regenbogenfamilien wurden als Pflegekind übernommen und lediglich knapp 2% kamen durch eine Adoption – zumeist eine Auslandsadoption – in ihre Familie. Daran wird deutlich, dass die Übernahme von Pflege- und Adoptivkindern für homosexuelle Paare noch immer mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist.

Der wesentliche Unterschied zwischen Pflegekindern und Adoptivkindern besteht darin, dass ein Adoptivkind formal und gesetzlich alleiniges Kind der neuen Eltern wird, während ein Pflegekind formal und gesetzlich das alleinige Kind der leiblichen Eltern bleibt. Zudem haben Pflegekinder in ihren Herkunftsfamilien oftmals belastende und teilweise sogar traumatisierende Erfahrungen gemacht, bei deren Bewältigung die Pflegeeltern Unterstützung bieten müssen.

Die Herkunft des Kindes hat meist einen festen Platz in dessen Leben, wodurch der Kontakt zu leiblichen Eltern oder anderen Mitgliedern der Herkunftsfamilie aufrechterhalten wird und das Kind lernt mit zwei Familien aufzuwachsen – seiner Ursprungs- und seiner Pflegefamilie. Das Pflegeverhältnis kann hierbei zeitlich begrenzt sein, wenn eine Rückkehr des Kindes in seine Ursprungsfamilie sinnvoll erscheint. Insgesamt stellen Dauerpflegen, d.h. Pflegschaften bis zur Verselbstständigung mit 18 Jahren und meist darüber hinaus, jedoch eine weit verbreitet Praxis dar, wodurch viele Pflegekinder letztendlich bei ihren Pflegeeltern groß werden können.

Diese nehmen das Kind gemeinsam auf, wodurch keine biologischen und rechtlichen Ungleichgewichtungen auftreten und die Pflegschaft zum emotionalen Projekt beider wird. Des Weiteren werden Pflegeeltern durch den Pflegekinderdienst betreut und unterstützt und erhalten darüber hinaus auch finanzielle Unterstützungsleistungen in Form von Pflegegeld.

Vorurteile und Diskriminierungen

Gegner von Regenbogenfamilien argumentieren jedoch oft, dass homosexuelle Paare keine Kinder großziehen sollten, da diesen das gegengeschlechtliche Elternteil fehle. Dies wirke sich negativ auf verschiedene Entwicklungsprozesse, wie die allgemeine Identitätsbildung oder die zu entwickelnde Geschlechtsidentität aus. So wird u.a. behauptet, dass Kindern, welche bei zwei Vätern aufwachsen, die Fürsorge, Sicherheit und Pflege fehle, welche nur eine Mutter bereitstellen könne. Zudem wird angenommen, dass Töchter, die in Regenbogenfamilien aufwachsen, aufgrund ‚falscher‘ oder fehlender Rollenmodelle zu männlich und Söhne zu weiblich werden. Es wird argumentiert, dass Jungen einen Vater bräuchten, um eine angemessene männliche Identität zu entwickeln und ein Vater auch für Mädchen unabdingbar sei, damit diese eine „heterosexuelle Feminität entwickeln und heteronormative Erwartungen an zukünftige Paarbeziehungen zu Männern bilden könnten.“ (Scholz 2017: 22)

Ein weiteres Vorurteil gegenüber Regenbogenfamilien besteht darin, dass die Kinder von schwulen und lesbischen Paaren selbst homosexuell werden würden. Zudem wird angenommen, dass Kinder aus Regenbogenfamilien verstärkt diskriminiert werden, da die Gesellschaft noch nicht reif für derartige Familienformen sei. Aus diesem Grund würden sich Kinder von homosexuellen Eltern häufig von Gleichaltrigen zurückziehen und sich sozial isolieren. Verstärkte Diskriminierungserfahrungen und Hänseleien zögen wiederum eine Beeinträchtigung in der Entwicklung der Kinder mit sich.

Sind homosexuelle Paare Eltern zweiter Klasse?

Stimmen diese Vorurteile tatsächlich und lassen sich homosexuelle Paare als Eltern zweiter Klasse abstempeln und sind Pflegekinder in Regenbogenfamilien ausgeschlossen?

Nein. Zahlreiche Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Lesben und Schwule Kinder ebenso „gut“ erziehen können wie heterosexuelle Mütter und Väter. Ein Großteil der Untersuchungen ergab, dass schwule Väter und lesbische Mütter über eine angemessene Erziehungsfähigkeit verfügen und ihre Kinder eine gelungene emotionale, soziale und sexuelle Entwicklung vollziehen. Zwar unterscheiden sich homosexuelle Eltern in einigen Aspekten des Erziehungsverhaltens durchaus von heterosexuellen, die Unterschiede scheinen dem Wohlbefinden der Kinder jedoch in keiner Weise zu schaden. Es konnte ermittelt werden, dass die Prozesse innerhalb einer Familie, wie beispielsweise die Qualität der Beziehungen, einen deutlich größeren Einfluss auf die kindliche Entwicklung haben als die Struktur der Familie.

Ein wesentlicher Unterschied im Familienalltag zeigt sich lediglich darin, dass anfallende Erziehungs- und Versorgungsaufgaben in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oftmals egalitärer und flexibler geteilt werden als in heterosexuellen Beziehungen. Durch eine egalitäre Verteilung von Aufgaben steigt zumeist auch die Partnerschaftszufriedenheit, was sich wiederum positiv auf die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Kinder auswirkt.

Zudem konnte festgestellt werden, dass sowohl lesbische, als auch schwule Paare grundsätzlich einen großen Wert darauf legen, dass ihre Kinder regelmäßigen Kontakt zu Personen des anderen Geschlechts haben. Dies erscheint insofern wichtig, da Kinder zum Aufbau eines adäquaten geschlechtstypischen Rollenverhaltes Modelle beider Geschlechter in ihrem Lebensumfeld benötigen – dies müssen aber nicht zwingend Mutter und Vater sein.

Bezüglich der sozialen und emotionalen Entwicklung der Kinder existieren unterschiedliche Ergebnisse. Manche Studien konnten keinerlei Unterschiede zwischen Kindern homosexueller Paare und Kindern heterosexueller Paare feststellen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder aus homosexuellen Familienkonstellationen genauso gut sozial integriert sind wie Kinder heterosexueller Eltern und einen ebenso hohen Selbstwert aufweisen. Hierbei konnte festgestellt werden, dass Kinder umso weniger diskriminiert werden, je offener sie, ihre Eltern, Freund/innen und andere Familienmitglieder mit der Lebensform ihrer Familie umgehen.

Obwohl zahlreiche Studien zu dem Ergebnis kommen, dass sich Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern ebenso „gut“ entwickeln wie Kinder aus Familien mit gegengeschlechtlichen Eltern, existieren noch immer einige Bedenken und Einwände bezüglich homosexueller Elternschaft, welche es dringend zu überwinden gilt. Wir wollen als Fachbereich Pflegefamilien weiterhin mit dazubeitragen, dass Pflegekinder in Regenbogenfamilien auch einen Lebensort finden können.

Warum Pflegekinder in Regenbogenfamilien besonders gut aufgehoben sind?

Insgesamt gibt es einige Argumente, die für die Aufnahme von Pflegekindern in Regenbogenfamilien sprechen. So weisen gleichgeschlechtliche Elternpaare grundsätzlich eine besonders hohe Motivation und große Entschiedenheit für ein Leben mit Kindern auf. Denn viel wichtiger als die Frage der Leiblichkeit, ist ihnen Elternschaft und Familie gemeinsam leben zu können. Sie entscheiden sich ganz bewusst für Pflegekinder, wodurch diese keine Kinder „zweiter Wahl“ sind.

Darüber hinaus verfügen homosexuelle Personen über eine große Erfahrung in der Bewältigung ungewöhnlicher Lebenssituationen und sind dadurch in besonderem Maße dazu fähig, sich in ein Kind einzufühlen, das anders leben muss als andere Kinder. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen können sie mit Abweichungen besonders sensibel umgehen.

Pflegefamilien in Regenbogenfamilien

In der Abweichung von „normalen“ Familienmodellen können Pflegekinder in Regenbogenfamilien zudem ein Vorbild sehen, ihr eigenes Leben selbstbestimmt und zufrieden zu gestalten – trotz ungewöhnlicher Familienbiographie.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass besondere Familien besondere Chancen und Ressourcen bieten. Indem unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Familienmodellen angeworben werden, können die Chancen auf mögliche Passungen für Pflegekinder erhöht werden, wodurch die Pflegekinderhilfe von der Hinzunahme unkonventioneller Familienmodelle profitieren kann. Wir denken es ist deutlich geworden, dass Pflegekinder in Regenbogenfamilien einen wertvollen Ort für ihre Entwicklung finden können.

Möchten Sie als Regenbogenfamilie mit Pflegekindern leben?

Dann nehmen Sie bitte mit uns Kontakt auf. Wir freuen uns auf Sie? Hier der Link!

Quellen

Berger, Walter/ Reisbeck, Günter/ Schwer, Petra (2000): Lesben – Schwule – Kinder. Eine Analyse zum Forschungsstand. Düsseldorf: Allbro.

Carapacchio, Ina (2008): Kinder in Regenbogenfamilien. Eine Studie zur Diskriminierung von Kindern Homosexueller und zum Vergleich von Regenbogenfamilien mit heterosexuellen Familien. Diss. München 2009. München: o.V.

Copur, Eylem (2008): Gleichgeschlechtliche Partnerschaft und Kindeswohl. Bern: Stämpfli.

Fthenakis, Wassilios E. (2000): Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und kindliche Entwicklung. In: Jürgen Basedow/ Klaus J. Hopt/ Hein Kötz/ Peter Dopffel (Hg.): Die Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Tübingen: Mohr Siebeck, S. 351-390.

Jansen, Elke/ Steffens, Melanie Caroline (2006): Lesbische Mütter, schwule Väter und ihre Kinder im Spiegel psychosozialer Forschung. In: Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis 38, H. 3, S. 642-653.

LSVD (Hg.) (2014): Regenbogenfamilien – alltäglich und doch anders. Beratungsführer für lesbische Mütter, schwule Väter und familienbezogene Fachkräfte. 2. Auflage. Köln.

Scholz, Katrin (2017): Vorurteil und soziale Identität. Einstellungen zu homosexueller Partner-  und Elternschaft. Diss. Köln 2018. Köln: o.V.

Internetquellen

Greib, Angela (2019): Die Vermittlung von Pflegekindern an gleichgeschlechtliche Paare. URL: https://www.lsvd.de/en/lebensformen/lsvd-familienseiten/vortraege-und-veranstaltungen/5-lsvd-familienseminar-2007/9-ein-leben-mit-kindern-der-weg-zum-pflegekind-c1.html, Abruf am 16.09.2019.

Inhoffen, Lisa (2017): Homo-Ehe. Mehrheit der Deutschen für gleichgeschlechtliche Heirat. URL: https://yougov.de/news/2017/06/23/homo-ehe-mehrheit-der-deutschen-fur-gleichgeschlec/, Abruf am 16.09.2019.

MDR (2018): „Ehe für alle“ heißt nicht „Elternschaft für alle“. URL: https://www.mdr.de/nachrichten/ratgeber/bgh-urteil-adoption-verheiratete-homosexuelle-100.html, Abruf am 16.09.2019.

Mielchen, Stefan (2016): Aufruf zum CSD. Hamburg sucht gezielt schwule und lesbische Pflegeeltern. URL: https://www.queer.de/detail.php?article_id=26749, Abruf am 16.09.2019.

Über die Erziehung von Pflegekindern: „Zu viele Regeln machen unfrei“

Über die Erziehung von Pflegekindern: „Zu viele Regeln machen unfrei“

Von Pamela Premm

Pflegekinder kommen aus einer völlig anderen Welt und müssen sich in einer fremden Familie mit fremden Tagesabläufen zurechtfinden. Da ist Verständnis gefragt. Buchautorin und Pflegemutter Monika Schilling hat vier Pflegekindern ein Zuhause geschenkt. Und weiß, dass in der Erziehung von Pflegekindern Gespräche wichtiger sind als Regeln.

Zu viele Regeln machen unfrei

Bevor Monika Schilling eine Regel aufstellt, überlegt sie sich genau, welche Konsequenzen diese für ihr eigenes Wohlbefinden und für das gesamte Familienleben hat. „Ich will mich nicht meiner eigenen Freiheit berauben, indem ich eine unnötige Regel aufstelle“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin und Kinderbuchautorin. In ihrer Pflegefamilie gibt es nur einige grundsätzliche Versorgungsregeln wie Zähne putzen, zur Schule gehen oder freundlich miteinander sein. „Pflegekinder müssen so unglaublich viel leisten. Da braucht es nicht noch zusätzliche Regeln“, sagt die Pflegemutter.

Gleiches gilt für Strafen: „Was nützt es mir, wenn ich den Kindern eine Woche Fernsehverbot erteile, ihnen dann aber eine interessante TV-Dokumentation zeigen möchte? Auf diese Weise mache ich mich und uns zum Sklaven meiner Strafe und am Ende ärgere ich mich über mich selbst.“

Monika Schilling

Was ist Grundmotiv von Fehlverhalten?

Erziehung von Pflegekindern

Anstatt die Kinder zu maßregeln, sollten Pflegeeltern das Grundmotiv hinterfragen, welches hinter einem Fehlverhalten steckt. Kein Kind will seinen Pflegeeltern vorsätzlich Schaden zufügen oder sie gar verletzen. Daher sollten sich Pflegeeltern auch nicht persönlich angegriffen fühlen. „Die Kinder sind nicht per se böse. Sie hatten in den Ursprungsfamilien einfach keine Chance, moralische Werte zu verinnerlichen. Sie handeln aus dem Impuls mangelnder Bedürfniskontrolle heraus. Es liegt an mir, ihnen einen besseren Weg aufzuzeigen.“ Monika Schilling geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ich versuche Situationen zu vermeiden, die zu einem bestimmten Verhalten führen. Das erfordert Disziplin trägt aber zum Familienfrieden bei. So habe ich die Erfahrung gemacht, dass so viel einfacher bdie Erziehung von Pflegekindern gelingt.“

Werte vorleben statt strafen

Doch wie wahrt man den Familienfrieden in einer Pflegefamilie mit vier Pflegekindern? Indem man Werte vorlebt und respektvoll miteinander umgeht. Das ist nach Monika Schilling das ganze Geheimnis. „In der Erziehung von Pflegekindern ist vor allem Geduld gefragt. Ich versuche meinen Pflegekindern ein gewisses Grundverständnis entgegen zu bringen und in Konfliktsituationen ruhig zu bleiben. Auch wenn eines meiner Pflegekinder mal völlig ausflippt, schaffen wir es immer wieder, dass es sich fängt und auf Normallevel herunterfährt. Letztendlich behandle ich meine Pflegekinder so, wie ich auch gerne behandelt werden möchte. Und wenn eines der Kinder mal tobt, dann darf es die Emotionen herauslassen. Das ist kein Grund für mich, mit Strafen zu drohen oder selbst laut zu werden. Ich mag schließlich auch nicht angeschrien werden.“

Verhalten neu verinnerlichen

Was sich so einfach und plausibel anhört, ist ein stetiger Prozess. Bis ein Pflegekind bestimmte Verhaltensmuster verinnerlicht hat, kann es lange dauern. Aber Geduld und Zuversicht lohnen sich, auch wenn immer nur kleine Erfolge sichtbar werden. „Man muss sich das so vorstellen: Pflegekinder sind hungrig nach allen Seiten, wie ein Fass ohne Boden“, erklärt Schilling. „Unsere Aufgabe besteht darin, dieses Fass zu füllen. Ein tägliches Abendritual hilft uns dabei.“

Erziehung von Pflegekindern – die Abendrunde als Ritual

Erziehung von Pflegekindern
Bei einer Pflegefamilie entdeckt

Für viele Familien erscheint ein Abendritual mühsam, dabei hilft es, Emotionen zu reflektieren und Geschehenes zu verarbeiten. Familie Schilling trifft sich nach dem Abendessen. „Während unserer Abendrunde besprechen wir den Tag. Jeder darf berichten, was ihn besonders gefreut oder genervt hat. In dieser Zeit hören wir uns aufmerksam zu, schmieden Pläne und begeben uns auf Phantasiereise.“ Für die Pflegekinder ist es wichtig, einen geschützten Ort zu haben, an dem sie über Gefühle und Erfahrungen sprechen können. Manchmal denkt sich die Familie Geschichten aus, die in Kinderbüchern verarbeitet werden. „Am Anfang habe ich das Erlebte in Wochenberichten zusammengefasst und den Kindern vorgelesen,“ so Schilling. „Schnell merkte ich, dass die Geschichten etwas bei den Kindern bewirken. Sie fühlen sich wahrgenommen.“

Gemeinsam Kinderbücher entwickeln

Mittlerweile entwickelt die Familie gemeinsam Kinderbücher mit fiktiven Charakteren, die spannende Abenteuer erleben. Die Pflegekinder beteiligen sich an der kreativen Gestaltung und erkennen sie sich in den Figuren wieder. „Über die Geschichten kommen wir als Pflegeeltern mit unseren Kindern ins Gespräch. Und ganz nebenbei überbrücken wir die große Altersspanne, die zwischen den 9- und 14-jährigen Kindern liegt.“ Im Gespräch zu bleiben, ist in der Erziehung von Pflegekindern besonders wichtig, da es im Alltag immer wieder Konflikte gibt.

Pflegeeltern als Anwalt der Kinder

Bis ein Kind in der Pflegefamilie ankommt, vergehen Monate, weiß Monika Schilling. Erst nach der Honeymoon-Zeit zeigen sich die gesamten Ausmaße der traumatischen Erlebnisse. Doch auch nach dem Übergang in die Pflegefamilien sind schmerzhafte Erfahrungen täglicher Begleiter. „Pflegekinder werden alltäglich mit ihrer Herkunft konfrontiert. Da reicht ein Baby-Bild aus, dass sie in die Schule mitbringen sollen, um Wunden wieder aufzureißen.“ Es gibt immer wieder diese Situationen, in denen Pflegekinder ausgegrenzt werden oder Verletzungen erfahren, die sie nur schwer aushalten können. Den meisten Außenstehenden fällt es schwer, sich in die Situation von Pflegekindern hineinzuversetzen. „Wir verstehen uns als Anwalt unserer Kinder und machen auf Begebenheiten aufmerksam. Es sind gerade die existenziellen Fragen, die für Pflegekinder unbeantwortet bleiben und starke Emotionen auslösen.“ Familie Schilling unterscheidet bei Konflikten ganz klar zwischen Öffentlichkeit und Zuhause: „Konfrontationen aus dem Umfeld dürfen nicht zum Konfliktthema zuhause werden. Wir sprechen über das, was passiert ist, aber wir versuchen immer, den Ärger vor der Tür zu lassen. Hier sollen unsere Pflegekinder einfach nur ein geborgenes Nest haben, ganz ohne Verhaltensdruck.“ Und wenn der Haussegen doch mal schiefhängt? „Dann haken wir den Tag einfach ab. Jeder Tag ist neu und genau so wollen wir ihn begehen.“

Wollen auch Sie in die Erziehung von Pflegekindern einsteigen, dann nehmen Sie Kontakt mit uns auf.

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