Ein vollkommenes Pflegemütter-Wochenende 2022

Ein vollkommenes Pflegemütter-Wochenende 2022

von Corina Rink

Gemeinsam sprechen, lachen, entspannen und Akkus aufladen – so geht ein vollkommenes Pflegemütter-Wochenende

Nach einer längeren Corona-Pause von immerhin jetzt 2,5 Jahren konnte endlich das beliebte Mütterwochenende des Fachbereichs Pflegefamilien beim St. Elisabeth Verein vom 17. bis 19. Juni wieder in Präsenz stattfinden. Im Hotel Quellenhof in Bad Wildungen trafen sich live und bei bester Laune, diesmal in etwas kleinerer Gruppe als üblich, und diesmal im Sommer und nicht wie gewohnt im Januar, die Pflegemütter in geselliger Runde und zum gemeinsamen Austausch, der allen besonders wichtig ist, denn: „Zusammen ist man weniger alleine“ (Anna Gavalda 2006)

In diesem Jahr wurde das Wochenende unter dem Motto „vollkommen unvollkommen“ gestaltet.

Alles begann mit einer Begrüßungsrunde durch das Vorbereitungsteam am Freitagabend, bei dem heitere, aber auch ernste und tiefer gehende Aspekte zu den Themen Perfektionismus, Selbstoptimierung bzw. Optimierungswahn oder ähnliches benannt und gedacht wurden.

„Höher, weiter, besser“, ist im Trend und scheint weitverbreitet, ist aber auch anstrengend und macht uns Stress. Wie wäre es an der ein oder anderen Stelle mal mit „gut ist gut genug“? Der Gesundheit wegen und auch der guten Laune, sprich dem Gefühl der Zufriedenheit.

Lebensfreude im Vordergrund und nicht ausschließlich Leistung.

Die Idee anstatt einer „To do“- Liste eher mal eine „Juchhu“- Liste zu erstellen und diese genauso pflichtbewusst abzuarbeiten, fand bei den Frauen allgemein Anklang, ebenso die Einladung, sich am „reichhaltigen Buffet des Lebens zu bedienen“ wurde allseits gut aufgenommen.

Das Pareto Prinzip

Vom „Pareto Prinzip“ wurde in der Eingangsrunde berichtet: Dieses befasst sich mit der Beziehung zwischen Aufwand und Ergebnis: Es wurde nämlich wissenschaftlich festgestellt, dass mit 20 % Aufwand, bereits 80 % des Ergebnisses geschafft werden.

Das bedeutet, wenn man z.B. einen Vortrag 5 Stunden lang vorbereitet, hat man nach 1 Stunde bereits 80 % erreicht, um später begeisterte Zuhörer zu haben, die applaudieren und zufrieden heimgehen. Für die restlichen 20 % (die später kaum einer bemerken wird) arbeiten wir 4 weitere Stunden, aber eigentlich nur noch im Sinne von Maniküre.

Der Gedanke bei 80 % einmal mit sich zufrieden zu sein, um die restlichen 4 Stunden etwas Schönes zu unternehmen, wurde wohlwollend aufgenommen.

Um mal einen Lehrer meiner Tochter zu zitieren: „Ein gutes Pferd hüpft nur so hoch, wie es muss“. Mit diesem Satz wird er sicher nicht auf allen Ebenen recht behalten, aber im Kontext zum Thema liebevollem Umgang mit sich selbst, sprich Selbstfürsorge ist er dann doch hilfreich und wahr.

Kreative Umsetzung

Nach dem kleinen Impulsvortrag durften sich alle Teilnehmenden künstlerisch betätigen.

So entstanden nach gemeinsamer, teils abstrakter, teils naiver Malerei, vollkommene und unvollkommene Werke, die später in einer würdevollen und auch heiteren Vernissage geschätzt wurden.

vollkommenes Pflegemütter-Wochenende
Vernissage mit viel Spaß

Die Bildbesprechungen mit dazugehörigen Assoziationen waren kreativ, lehrreich, für „Nicht-Kunstkenner“, also quasi Kulturbanausen -erhellend, sowie herrlich amüsant.

Sie dienten dem näheren Kennenlernen untereinander und der allgemeinen Erheiterung, die an solch einem Wochenende auf keinen Fall zu kurz kommen darf.

Zu späterer Stunde konnte Frau den schönen, lauen Sommerabend nutzen, draußen sitzen und in gemütlicher Runde Geschichten hören und/ oder erzählen.

Am Samstag gab’s nach einem leckeren Frühstück, diesmal unter freiem Himmel, was im Januar natürlich so nie möglich war, wie immer ein Kreativangebot.

Kreativität ohne Grenzen

Es wurde Schmuck aus besonders edlen Materialien hergestellt. Dieser kleine Workshop wurde von einer Pflegemutter angeleitet. (Danke an Frau Wirth dafür)

So entstanden sehr hübsche Halsketten und selbst Frauen, die mit Bastelei nicht viel am Hut haben, hatten sich getraut und teilgenommen und gestaunt, was sie doch alles zustande bringen.

Am Nachmittag haben wir dann richtig Theater gemacht; -).

Ausdrucksstark und unterhaltsam konnten die teilnehmenden Frauen in andere Rollen schlüpfen und sich vollkommen unvollkommen, unter Anleitung von Antje Kessler vom Improtheater in Marburg, also eines Profis, im Darstellen und Theatern ausprobieren und hingeben.

Einige zunächst recht skeptische Teilnehmerinnen konnten am Ende des ganzen Theaters nicht mehr recht verstehen, warum sie zögerlich waren, da sich dies im Nachklang als unnötig herausstellte.

Vergnügliche Abendrunde

Nach dem Abendessen saßen fast alle Pflegemütter gemeinsam an einem langen Tisch noch lange draußen und genossen den sehr heißen, ja tropischen Sommerabend bei guten Gesprächen, gemeinsamen Lachen und bei Cocktail oder Saft.

Diese Nähe und das Miteinander hatten fast etwas Magisches nach einer so langen Pause wegen des Virus. Allen hungerte es offenbar nach Kontakt und echten Menschen. Wie schön, dass man so unbeschwert und sicher im Freien sein konnte.

Bei allem, was aktuell auf der Welt belastend und nahezu unerträglich ist, sei es das Virus-Thema, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der Klimawandel oder Wassernot, und noch so manches mehr, all diese Dinge konnten an diesen Tagen, wenigstens für einen Moment, ein wenig blasser werden. So kam das Wochenende gerade recht und gab Leichtigkeit und Kraft für den Alltag der Mütter, der sich ja meist sehr anspruchsvoll und nicht selten auch anstrengend und manchmal auch schwer gestaltet.

Es wurde so deutlich, wie wichtig es ist, sich persönlich zu begegnen, um die Gemeinschaft mit anderen zu spüren.

Mir fiel ein Gedanke von Luise Reddemann ein: In ihrem neuen Buch: „Die Welt als unsicherer Ort“ beschreibt sie u.a., wie sehr die Menschen voneinander abhängig und aufeinander angewiesen sind.

Am Sonntagmorgen nach der Abschlussrunde konnten die Mütter dann noch Kontakt mit der stellvertretenden Geschäftsbereichsleitung Monika Watermann aufnehmen und ihre Fragen stellen.

Noch ein letzter kleiner Mittagsimbiss diente der Verabschiedung und so endete das Mütterwochenende 2022 mit fröhlichen und gut gelaunten Frauen, die hoffentlich wieder einmal zusätzliche Kraft getankt haben, um ihre Aufgaben zu Hause wieder voller Elan aufzunehmen, vielleicht und hoffentlich mit dem Gedanken und den Gefühlen, dass Frau so wie sie ist, gut ist.

Andere kochen nämlich auch nur mit Wasser.

Die zu hohen und unrealistischen Ziele sowie andere Nerv tötende, kraftraubende Optimierungswahn-Ideen und negativen Glaubenssätze und somit Stresstreiber schrieben die Frauen (falls noch oder überhaupt vorhanden) am Ende des Mütterwochenendes auf Luftballons und ließen diese dann in einem Ritual, gemeinsam mit einem großen Knall platzen

…und somit in Bad Wildungen zurück.

Das Vorbereitungsteam hat der Veranstaltung wie immer mit Freude einen Rahmen gegeben.
Pflegefamilien Hessen feiert

Pflegefamilien Hessen feiert

Steffi Fuchs und Jens Rohe feiern ihr 25 – jähriges Dienstjubiläum im Kreise der Mitarbeitenden vom Fachbereich Pflegefamilien Hessen.

Wir gratulieren Steffi Fuchs und Jens Rohe. Beide sind inzwischen über 25 Jahre in diakonischen Berufskontexten aktiv. Als Fachberaterin gehört Steffi Fuchs 12 Jahre zum Fachbereich Pflegefamilien Hessen und Jens Rohe übernahm die gleiche Aufgabe 2007. 2011 wurde er dann vom Vorstand des St. Elisabeth-Vereins zusammen mit Bertram Kasper Fachbereichsleiter bei Pflegefamilien Hessen.

Gute Entwicklungen

Steffi Fuchs wechselte 2010 von ihrer Arbeit im Jugendapartmenthaus zum Fachbereich Pflegefamilien. Als Grundlage brachte sie weitreichende Erfahrungen aus der Kinder- und Jugendhilfe mit. Zudem hatte sie eine Ausbildung als Verfahrensbeiständin. Zur weiteren Professionalisierung ihrer Arbeit begann sie eine Ausbildung zur systemischen Familienberaterin. Sie übernahm dazu noch zusätzlich Verantwortung für die Organisation und Durchführung von Ferienfreizeiten für Pflegekindern in Verbindung mit der Akquise und Anleitung der Teamer:innen. Seit vielen Jahren ist sie eine etablierte Fachberaterin, die ihre Familien mit viel Einfühlungsvermögen begleitet und die übergreifende Arbeit immer noch mit viel Freude und Kreativität vollzieht. Wir sind froh, dass sie bei uns eine geschätzte Mitarbeiterin ist.

Steffi Fuchs bekomme von Jens Rohe ihre Jubiläumsurkunde überreicht

Von Kindesbeinen an

Jens Rohe ist sozusagen mit Pflegekindern aufgewachsen. Sein Vater und seine Mutter waren also selbst Pflegefamilie in Hessen und haben dazu den Fachbereich Pflegefamilien Hessen beim St. Elisabeth-Verein e.V. gegründet. Jens Rohe hat als Zivildienstleistender beim St. Elisabeth-Verein angefangen. Nach einer kaufmännischen Ausbildung wurde er dann gemäß der Familientradition doch noch Erzieher und arbeitete in unterschiedlichen Bereich in der Kinder- und Jugendhilfe beim St. Elisabeth-Verein, bis er als Fachberater zu den Pflegefamilien wechselte. Seit 2011 verantwortet er mit Bertram Kasper als Fachbereichsleiter den Fachbereich Pflegefamilien. Auch ihm sagen wir herzlichen Dank für viele Jahre soziale Arbeit.

Uli Kling-Böhm, Jens Rohe, Matthias Bohn (v.l.n.r.)
Pflegeväterwochenende 2022

Pflegeväterwochenende 2022

Von alten Köppen, vom Lachen bis der Bauch weh tut und von der Intensität des Pflegefamilienseins.

Pflegeväter live und in Farbe.

Corona bedingt war es nach drei Jahren endlich wieder so weit. Über 20 Pflegeväter trafen sich zum Pflegeväterwochenende 2022. Es begegneten sich viele alte Hasen mit ein paar Jungspunden. Manche waren schon zehnmal oder mehr dabei, andere das erste Mal. Also eine bunte Mischung, die zum Gelingen der drei Tage günstig war.

Die „Neuen“ waren schnell integriert, wie sollte es auch bei Pflegevätern anders sein, sind sie doch echte Integrationsspezialisten. An die Kennenlernrunde schlossen sich beim Abendessen und anschließend im lockeren Beisammensein spannende Gespräche an. Erstaunlich ist es immer wieder, dass alle sagen, wie sehr die Begegnungen ein Gefühl „des nach Hause Kommens“ sind. Dabei ist es fast egal, ob über die Erfahrungen als Pflegevater und die herausfordernden Erlebnisse mit den Pflegekindern gesprochen wird oder schlicht über die besten Tipps für Urlaubsorte mit Kindern oder über die neuesten Sportergebnisse. Alle fühlen sich wohl und erfreuen sich einfach an dem offenen und herzlichen Austausch.

Pflegeväter beim Geocaching

Am Samstag war dann im wahrsten Sinne des Wortes Pfadfindergeist, Kreativität und logisches Denken gefragt. Wir bildeten uns beim gemeinsamen Geocaching weiter und lösten insgesamt 25 Aufgaben, bis wir den Schatz bergen konnten. Geocaching eignet sich hervorragend, um Kindern den Bezug zur Natur, die Fähigkeit zur Orientierung und logisches Denken zu vermitteln. Einige Pflegeväter waren in Sachen „Moderne Schatzsuche“ schon mit ihren Pflegekindern unterwegs. Heutzutage eignet sich schon ein Smartphone mit der passenden App, um sich mit Pflegekindern auf ein echtes Abenteuer zu begeben. Die Pflegeväter auf jeden Fall entwickelten auch jede Menge Ehrgeiz, um als erste Gruppe den Schatz zu bergen.

Pflegeväter beim Geocaching

Pflegeväter sprechen im Podcast über ihr Leben als Pflegeväter

Am Nachmittag gab es dann drei Pflegeväter, Jörg, Kemal und Heinz-Jürgen, die für einen Podcastaufnahme im Podcast „Pflegefamilien Deutschland“ zur Verfügung standen. Allen dreien sei an dieser Stelle noch einmal herzlich für die Bereitschaft gedankt. Wir sprachen live und in Farbe gemeinsam über das „Pflegefamilie sein“ aus Sicht vom Pflegeväter. Es entspann sich unter der Moderation von Bertram schnell ein offenes und tiefsinniges Gespräch, das sehr intensive Eindrücke in das Leben als Pflegefamilie gibt. Auch die ganz persönlichen Wünsche an Pflegeeltern oder Familien, die Pflegeeltern werden wollen, sind sehr eindrücklich. Dies war der erste Podcast nur mit Pflegeväter. 

Pflegeväter beim Podcasten

Fachberatungen im Podcast

Das mitgebrachte Equipment wurde gleich noch für eine zweite Aufnahme eingesetzt. Diesmal waren am Mikrofon Rahma, Dirk und Markus. Durch das Gespräch führte ebenfalls Bertram. Sie alle arbeiten als Fachberatungen im Fachbereich Pflegefamilien. Sie nehmen ihre Zuhörer*innen mit in die Arbeit als Fachberatung im Pflegekinderwesen. Sie berichten über die Herausforderungen, über die berührenden Momente und die Vielfalt ihrer Profession. Ebenfalls hörenswert.

Die entstandenen Episoden „Pflegeväter erzählen vom Pflegefamilien sein“ und „Fachberatungen von Pflegefamilien berichten von ihrer Arbeit“, werden im August und im September zu hören sein.

Am Samstagabend gab es wieder intensiven und herzlichen Austausch in unterschiedlichen Konstellationen.

Pflegeväter im intensiven Austausch

Gemeinsamer Abschluss am Sonntag

Am Sonntag trafen wir uns dann zu einem 2-stündigen Abschluss. Es konnten Fragen gestellt werden, es gab die neusten Informationen aus dem Fachbereich Pflegefamilien und vom St. Elisabeth-Verein e.V., der Pflegevater Dirk unterhielt uns mit einer spannenden und nachdenklichen Geschichte, und die Mitglieder der Vertrauensgruppen (Interessensvertretung aller Pflegefamilien im Fachbereich) berichteten über ihre Arbeit.

Am Ende waren sich alle einig, wir kommen nächstes Jahr wieder. Der Termin wurde gleich vereinbart. Für alle, die sich es schon in den Kalender schreiben wollen. Wir treffen uns vom 02. bis 04.06.2023. Wir freuen uns schon.

Fotos von Markus Brück

Mit Pflegekindern über Krieg sprechen

Mit Pflegekindern über Krieg sprechen

Der folgende Beitrag ist eine Transkription des Podcastes mit Udo Baer mit dem gleichnamigen Titel wie dieser Magazinbeitrag.

Mit Pflegekindern über Krieg sprechen

Bertram Kasper:

Herzlich willkommen zu einer neuen Episode in unserem Podcast Pflegefamilien Deutschland. Heute sprechen wir aus aktuellem Anlass über das Thema „Mit Pflegekindern über Krieg sprechen“. Und dazu begrüße ich heute Udo Baer.

Herzlich willkommen, Herr Baer!

Udo Baer:

Ich grüße Sie auch.

Bertram Kasper:

Sie sind Diplompädagoge und Sie sind Gründer des Pädagogischen Instituts in Berlin. Was ich besonders spannend fand und in dem Zusammenhang haben Sie auch einen Podcast: Sie beschäftigen sich mit dem Thema „Würde“ und sind Vorsitzender der Stiftung „Würde“. In diesem Zusammenhang haben Sie mit Ihrer Frau ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wie Kinder fühlen“.

Zusätzlich sind Sie ein Experte für Trauma und im Besonderen auch für Kriegstrauma.

Udo Baer:

Ja, das reicht mit der Aufzählung.

Bertram Kasper:

Ich habe mir im Vorfeld überlegt, wie geht es mir mit der Situation gerade als Erwachsener?

Wir wollen ja heute über die Situation von Kindern sprechen und im Besonderen eben auch von Pflegekindern, die ja oft ein Trauma mitbringen.

Wir hören so Begriffe wie Zeitenwende im Moment.

Wir können erleben, wie Politiker, wie Robert Habeck so emotional angespannt sind und ambivalent zu den Entscheidungen sind, die im Raum stehen. Für uns alle ist es quasi eine ganz belastende und auch recht unübersehbare Situation. Eine komplexe Situation, die kaum zu beurteilen ist.

Was würden Sie sagen, wie erleben das Kinder aktuell?

Udo Baer:

Mir geht es genauso wie Ihnen und vielen, vielen anderen. Kinder bekommen das alles mit. Die Kinder bekommen mehr mit als wir Erwachsene denken. Kinder spüren insbesondere auch die Spannungen und die Aufregung und die Ängste der Eltern und Pflegeeltern, auch der Erzieherinnen und Lehrerinnen und Lehrer. Sie bekommen Atmosphären mit und wenn sie sich diese nicht erklären können, dann versuchen Kinder oft, ihre Eltern zu retten und ihnen den Kummer und die Sorgen, die sie haben, wegzunehmen. Das schaffen sie natürlich nicht. Und gerade wenn man nicht genau weiß, warum jetzt die Eltern oder die Erwachsenen Kummer, Sorgen haben oder angespannt sind, desto weniger gelingt das den Kindern. Und dann haben sie noch Schuldgefühle und anderes mehr.

Ängste sind sehr häufig Unruhe, Schlafstörungen, manchmal auch Aggressivität oder Rückzug, anderes Essverhalten – all das haben wir beobachtet.

Bertram Kasper:

Das heißt wirklich eine unmittelbare Auswirkung, die sich oft auch dann ja in Gefühlen und auch körperlich bei den Kindern niederschlägt.

Udo Baer:

Ja. Das ist eine ganz leibliche, ganzheitliche Wirkung. Bei den Einen steht das Körperliche im Vordergrund, bei den Anderen das Denken oder Fühlen. Das ist einfach unterschiedlich für jedes Kind. Und das gilt auch für verschiedenste Altersgruppen.

Wir können die Kinder nicht von den Bildern fernhalten.

Ich habe ein Kind begleitet, das hat eine Zeitung gelesen, bzw. gesehen, die auf dem Couchtisch lag. Und da war ein Bild von einer weinenden, verstörten Frau, die vor einem zerbombten Haus stand. Dann kommt die Frage (das Kind war vier Jahre alt) „Warum weint die Frau?“ oder „Papa, was ist Krieg?“ oder „Mama, was ist das?“

Die Kinder hören oft auf dem Schulhof oder in der Kita etwas von anderen Kindern. Und die Älteren, die gucken das natürlich im Internet. Manche werden richtig süchtig danach. Es ist auch ein Ausdruck von Angst, alles mitzukriegen. Wiederum andere tun dann einen auf cool und sagen „klasse Panzer“, aber es ist auch nur ein Ausdruck von Verunsicherung.

Bertram Kasper:

Gerade heute Morgen hatte ich wieder ein Meeting mit Pflegeeltern und die fragen sich, wie viele andere auch, wie sollen sie denn mit ihren Kindern darüber sprechen? Sollen sie überhaupt mit ihnen darüber sprechen? Und das auch gerade vor dem Hintergrund, dass Pflegeeltern von ihren Pflegekindern wissen, dass die traumatisiert sind.

Was würden Sie da für Hinweise geben?

Udo Baer:

Ja, da kann man einiges empfehlen.

Bei Kindern bis zu Ende des zweiten Lebensjahres sollte man nicht drüber sprechen, da sie das nicht verstehen und es auch noch nicht einordnen können. Aber auch diese kleinen Kinder können unter der Atmosphäre leiden, oder unter einer Anspannung, oder unter einer ängstlichen Atmosphäre. Sie brauchen ganz viel Kuscheln, sie brauchen ganz viel Geborgenheit, ganz viel Händchenhalten. Sie brauchen alles, was einer Verunsicherung und Angst entgegenwirkt. Nähe schützt die Kinder.

Im Vorschulalter und bis zu zehn Jahre sollte man Kindern die Tagesschau, oder andere Nachrichten nicht zumuten. Sie können nicht verstehen, dass es 1.000 Kilometer bis Kiew sind. Sie haben nicht dieses Gefühl für Entfernung und von Nähe und Distanz. Trotzdem sollte man mit ihnen darüber reden. Einmal ganz sicher.

Wenn Kinder fragen, sollten wir die Fragen versuchen, so gut es geht, zu beantworten.

Beispiele wären:

„Du kennst es ja auch, dass man sich manchmal streitet. Dann gibt es andere, die setzen sich durch, die wollen alles bestimmen. Die gibt es bei den Politikern auch, oder da kommt man nicht mit Argumenten und gutem Austausch durch, sondern sie wollen dann einen erobern oder einem was wegnehmen.“

An solchen Erfahrungen kann man bei kleineren Kindern im Kita-Alter, ansetzen.

Bei älteren geht das schon ein bisschen differenzierter.

Wenn diese Kinder Informationen haben wollen, empfehle ich vom ZDF „LOGO“. Die machen das gut, die erklären das sehr kindgerecht, gerade so fürs Grundschulalter. Alle Berichte, die ich davon kenne, sind für Kinder ziemlich gut. Bei Kindern, die selber traumatische Erfahrungen haben, ist es besonders schwierig, weil ein Trauma dazu führt, dass die Kinder sehr sensibel [in Bezug] auf Situationen sind, die bedrohlich sind.

Trauma heißt Wunde und eine Wunde ist existenziell bedrohlich, damit sie ein Trauma wird. Wenn die Kinder merken, da ist etwas Bedrohliches, ein Panzer, eine Angst vorm Atomkrieg, Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren haben. Pflegekinder haben alle etwas verloren, ein Stück Geborgenheit, wenn sie es denn je hatten. Die Flüchtlinge haben auch etwas verloren. Sie identifizieren sich dann damit. Das ist auch gut so, dass wir Menschen Mitgefühl haben. Es ist gut, dass sich Kinder und auch Erwachsene mit anderen identifizieren können. Aber die Kehrseite ist, dass nicht nur das Lachen ansteckt, sondern auch das Weinen, der Schrecken und die Ohnmachtsgefühle. Diese Kinder brauchen besonderen Schutz, besondere Zuwendung. Das versuchen die Pflegeeltern sowieso. Aber jetzt in dieser Situation ist es gut darüber zu reden. Es ist gut, weil die Kinder sonst lernen, dass man über Angst oder über schwierige Gefühle nicht reden darf. Sie sollen lernen, sich darüber auszutauschen und zu fragen.  Und das Große Heilige „UND“, nicht das „entweder oder“. „Ja, ich habe auch Angst“. „Ja, mir macht es auch Kummer und wir sind ein ganzes Stück weit weg und wir halten hier ganz viel zusammen, auch die Regierungen. Und ich bin relativ sicher, dass auch Putin Angst hat vor einem Atomkrieg und keinen Selbstmord macht. Und wir helfen den geflüchteten Menschen oder wir spenden usw. also wir… – wir tun etwas“. Das Gegenteil von Ohnmacht ist nicht Macht, sondern machen. Etwas machen.

Bertram Kasper:

Das hat heute eine Pflegemutter in der Runde, die wir hatten, auch gesagt, dass sie mit ihren Kindern zusammen überlegt, was können sie denn jetzt Gutes tun, um diesen Wirksamkeitsaspekt zu betonen. Die Kinder haben dann erstaunlich tolle Ideen, was zu machen ist, hat sie berichtet und die haben ein Zimmer frei. Dann haben sie zusammen überlegt, sie können das Zimmer doch abgeben. Oder sie können etwas spenden für die Menschen, die gerade in Not sind. Und das vermittelt wieder das, was Sie sagen. Weg von der Ohnmacht, hin zu dem Machen.

Udo Baer:

Reden ist wichtig, aber Worte allein reichen da oft nicht. Man muss auch wieder ein Stück behandeln können, also aus der Hilflosigkeit. Die Antwort auf Hilflosigkeit ist helfen, sich selbst und anderen. Und die Antwort auf Ohnmacht ist machen. Die Beispiele sind sehr schön und Kinder haben da tolle Ideen. Man sollte sich wirklich mit den Kindern zusammensetzen und gemeinsam überlegen.

Ich kenne auch eine Schulklasse, die haben ein Anti-Kriegs-Museum gemacht, im Foyer der Schule, und überall ein Bild aufgehängt. Andere haben Flaschen gesammelt und das Geld dann gespendet. Ein kleiner Junge, sechs Jahre alt, hat gesagt „Ich habe nicht mein Lieblingstier gespendet, aber mein zweites Liebstes, für die Kinder“. Also die Kinder haben Mitgefühl und das ist gut so und sie brauchen Sicherheit.

Bertram Kasper:

Genau. Das ist wie bei der Arbeit mit traumatisierten Menschen, dass man eben, so einen sicheren Ort entwickelt. Das meinen Sie ja damit. Wenn Sie von Schutz sprechen und von Nähe und von Geborgenheit, dass es wirklich darum geht, zu verstehen, auch aufseiten der Pflegeeltern oder Eltern. Das Kinder da noch mal ein besonderes Bedürfnis in dieser Zeit haben nach genau diesen Dingen.

Udo Baer:

Ja! Der sichere Ort sind wir Erwachsene, sind die Pflegeeltern, das ist das Wichtigste. Es kann, vielleicht auch ein Zimmer oder ein Möbelstück oder so was sein. Aber das Entscheidende an Sicherheit sind die Beziehungen. Pflegekinder haben ja auch ihre elterlichen Beziehungen verloren. Sie haben Beziehungstrauma, sie haben Beziehungsverluste und deswegen reagieren sie auch sehr stark auf die geflüchteten Menschen und diese Bilder davon. Sie haben auch was verloren und deswegen ist die Sicherheit der Beziehung ganz wichtig und die ist nicht einmal da, sondern die muss immer wieder, jeden Tag neu erfahren werden. Jetzt brauchen sich die Eltern und die Pflegeeltern auch jetzt nicht den Stress machen, „ich muss jetzt jede Minute alles, was gut ist für das Kind tun und darf es nie mehr alleine lassen“. So ist das nicht. Aber die Grundhaltung ist wichtig und die merken Kinder.

Bertram Kasper:

Wir haben heute Morgen auch gesprochen über diese Frage.

Ist es denn gut, wenn ich meine Angst, meine eigene Angst benenne?

Und ich kann von mir sagen, ich habe schon Angst tatsächlich und bin verunsichert, ist es okay, wenn ich das Kindern sage?

Udo Baer:

Ja, das ist okay. Und es braucht das Große UND. Ich sage mal das Große UND in großen Buchstaben. „Ja, ich habe auch Angst UND ich weiß, dass viele zusammenstehen und dafür sorgen werden, dass der Krieg nicht hierherkommt“. „Ich habe auch Sorge UND ich habe auch Zuversicht“. „Ich fühle mich auch hilflos UND wir können helfen“. Das ist beides. Kinder brauchen das Gefühl, dass Eltern, Pflegeeltern, Erwachsene auch in der Schule und überall, dass die wahrhaftig sind. Sie werden oft genug betrogen und belogen, dass sie wahrhaftig sind. Aber die Eltern und Pflegeeltern brauchen nicht alles mitteilen. Aber alles, was sie mitteilen, sollte wahrhaftig sein. Und wenn sie Gefühle haben, dann sollten sie die teilen und dann mit dem großen fetten UND verbinden, dass es auch noch die andere Seite gibt, das Schöne, das Wahre, das Gute, also auch das Feiern und Tanzen, das sie genießen, dass etwas Schönes machen, auch das. Wir sind privilegiert, wir sind nicht in Kiew im Keller. Und wir dürfen trotzdem auch da uns ein gutes Essen bereiten, wie ich gestern Abend gekocht habe und das genießen und ein Schluck Wein dazu trinken oder eine Cola light für die Kinder, also auch das, auch da gilt das Große und Mitgefühl und es uns auch gut gehen lassen, so gut das in diesen Zeiten geht.

Bertram Kasper:

Genau, ich arbeite da gerne mit dem Teile-Modell von dem Schulz von Thun nämlich, dass ein Ich-Anteil von mir, der hat Angst, aber ein anderer Ich-Anteil von mir, der hat Zuversicht oder der kann auch das Schöne genießen. Das meinen Sie ja mit dem UND. Wenn Sie das mit dem UND verbinden, dass ich eben nicht das eine in den Vordergrund stelle, sondern dass ich auch gucke, wie ist denn meine Wahrnehmung ganz differenziert zu der Situation, um dann beide Aspekte oder vielleicht sogar noch einen dritten und vierten in den Raum zu stellen, damit die Kinder eine Chance haben, auch sich zu fokussieren. Eher auf das eine oder auf das andere.

Udo Baer:

Ja, oder auf beides gleichzeitig. Also was da gerade im Vordergrund ist, das wechselt stündlich, täglich. Das geht uns Erwachsenen genauso wie den Kindern. Und die können ausgelassen toben und dann wieder wimmern vor Angst. Das geht beides. Aber dass dieser Wechsel möglich ist, dass Sie nicht in einem Aspekt fest stecken, das ist wichtig. Dass alles erlaubt ist, dass von den Pflegeeltern eine Atmosphäre da ist. Das darf sein. Würdigen, was ist, wie meine Frau immer sagt, und das finde ich einen guten Satz.

Bertram Kasper:

Eine andere Pflegemutter, die hat erzählt, dass ihr siebenjähriges Pflegekind ganz überwältigt und auch fast verstört, mit großer Angst nach Hause gekommen ist, nachdem in der Schule über Krieg gesprochen wurde.

Was würden Sie da empfehlen? Weil wir wissen ja oft nicht, was den Kindern an einer anderen Stelle passiert in der Rolle als Pflegeeltern.

Udo Baer:

Ja, wir wissen es nicht. Und es ist gut, wenn die Pflegemutter mitbekommt, dass das Kind verstört ist. Dann hat er das entweder. Entweder war das Thema zu viel für sie, es hat sich ein bisschen oder etwas retraumatisiert, oder das Reden über das Thema in der Schule war irgendwie nicht besonders glücklich, um es vorsichtig zu sagen. Auch das gibt es. Das Hauptzeichen von jedem Trauma ist, dass die Menschen erst mal verstört sind, dass das alte Koordinatensystem nicht mehr funktioniert, dass sie etwas nicht einordnen können. Trauma ist eine Wunde, die als existenziell bedrohlich erlebt wird. Und das kann man nicht einordnen in die Alltagskoordinaten unseres Denkens und Fühlens. Das ist erst mal die Erscheinungsform. Das ist, dass Kinder, aber auch Erwachsene verstört sind. Wenn Sie jetzt ein Bild malen würden, wie Ihr „Verstört sein“ aussieht, dann wäre das was Anderes, als wenn ich es malen würde. Es ist für jeden Menschen unterschiedlich, aber es fühlt sich so ähnlich an. Manche sagen auch verpeilt oder steht neben der Kappe oder ist durch den Wind oder es ist ganz egal, welches Wort man nimmt. Ich benutze das Wort verstört. Und das ist wichtig, es ernst zu nehmen. Was brauchen Kinder, wenn sie verstört sind? Sie müssen in den Arm genommen werden. Manche brauchen Ruhe, manche brauchen Cheeseburger, manche brauchen ein Kuchenbacken oder sonst etwas. Das werden die Pflegeeltern wissen, was ihre Kinder gerade brauchen oder fragen. Natürlich, das müssen wir nicht rauskriegen.

Man kann fragen. In jedem Fall ist es entscheidend, dass diese Kinder damit nicht allein gelassen worden sind. Oft wühlt das alte Trauma, wühlt das Neue, das Alte wieder auf oder reißt die alten Wunden wieder auf.

Ich habe gestern ein Seminar gemacht mit Traumahelfern und Pädagogen in Bosnien in der Nähe von Sarajevo. Und da ist jede Familie vor 30 Jahren traumatisiert worden in den Kriegen mit Serbien, und so weiter. Das wurde oft unterdrückt und vertuscht und nicht darüber geredet. Und jetzt kommen die Ukrainer, jetzt kommt der Krieg und es ist alles wieder da. Es ist alles wieder da und das ist dramatisch, oft. Dann ist es wichtig zu gucken, dass die Kinder damit nicht alleine sind.

Meine Frau hat eine große Untersuchung gemacht vor einigen Jahren und Leute befragt, die als Kind ein Trauma erlebt haben. Und sie hat sie gefragt, „Wie war es in der Zeit danach?“. Und viele haben gesagt, am schlimmsten war das Alleinsein danach. Das Trauma war schlimm, die sexuelle Gewalt, das Verlassenwerden, die Schläge, was es auch immer war. Aber die Zeit danach, da habe ich mich allein gefühlt. Und es war erschreckend, wie viele das sagten.

Es gibt auch andere mit anderen Erfahrungen. Mittlerweile wissen wir das, aber bei der Studie waren es alle und die haben gesagt „Ja, dass das rechtlich verfolgt wird und so was, die Gedanken kamen alle erst später“.

Das Entscheidende war nicht, sich allein zu fühlen. Und das ist etwas auch Atmosphärisches. Ich kann im Fußballstadion mit 30.000 Leuten sein und fühle mich allein oder auf einer Geburtstagsparty mit 20 Leuten und fühle mich einsam und alleingelassen. Es geht nicht um die Quantität, sondern um die Qualität von Menschen, die da sind.

Manchmal brauchen die Kinder, dass man sie in den Arm nimmt und manchmal brauchen sie, dass man sich einfach nur neben sie setzt, dass man einen Kakao kocht oder einen Tee oder was auch immer die Kinder gerne möchten. Manchmal brauchen wir, dass man fragt, „Willst du was erzählen?“. Und manchmal erzählt man selber. Manchmal malt man gemeinsam was oder hört nur Musik. Also je nach Alter und je nach Befindlichkeit. Aber das Entscheidende ist, „Du bist nicht allein“ und „Du kannst nichts dafür“. Das war das andere große Ergebnis dieser Untersuchung. „Du bist nicht schuld.“ „Du gehörst zu den Guten und die anderen sind die Bösen.“

Kinder haben, gerade wenn sie sehr verletzt worden sind, ein großes Bedürfnis nach Parteilichkeit. Und natürlich sagen wir oft, „wenn du einen Streit hast, dann müsst ihr euch einigen und da können beide Seiten was dazu tun“. Alles richtig. Soll man alles machen. Und es ist ganz wichtig, dieses Gefühl der Parteilichkeit. Wer sind die Guten, wer sind die Bösen? Und „Du bist nicht schuld“, das auch ernst zu nehmen.

Bertram Kasper:

Das stimmt. Das war auch eine Frage, die ich mir überlegt habe, nämlich diese Kategorien der Einordnung.

Wer sind die Guten, wer sind die Bösen?

Sie sagen ja jetzt gerade, das ist sogar gut es zu tun, auch gegenüber den Kindern. Also es ist eindeutig zu markieren, dass hier der Putin der Aggressor ist und die Ukrainer, die Angegriffenen sozusagen, also auch da eine Orientierung zu geben. Können Sie das noch mal ein bisschen unterstreichen, diesen Aspekt, wieso das für Kinder so wichtig ist?

Udo Baer:

Ja.

Also, wenn Kinder verletzt werden, nehmen wir mal ein Beispiel: Ein Kind ist in der Schule und es wird ungerecht behandelt und es kommt nach Hause und es erzählt das so und sagt „ich habe von meinem Kumpel abgeschrieben und er hat eine viel bessere Note bekommen als ich“ oder „meine Freundin ist schlecht behandelt worden“. Kinder haben ein Gerechtigkeitsgefühl. Und wenn das Gerechtigkeitsgefühl nicht geachtet wird, wenn dem widersprochen wird, dann empören die sich. Das ist gut, dass sie sich dann empören, weil dieses Gerechtigkeitsgefühl ist etwas Gutes. Und dann ist es gut, wenn sie das erzählen. Dass man nicht gleich darüber redet, „was war denn vorher, und was hätte man denn vielleicht anders machen können?“, also Lösungen sucht? Sondern da ist nicht die Lösung das Wichtigste, sondern erst mal die Erlösung und die besteht darin, „Oh das kann ich verstehen, dass du dich darüber aufregst“, also auch parteilich zu sein für das Kind, das wollen sie, das brauchen sie für ihre Identität, für ihr Selbstwertgefühl, weil sie sich dadurch angenommen und wertgeschätzt fühlen. Wenn das da ist, dann kann man gucken und darüber reden, was hätte man vielleicht vorher anders machen können oder wie hätte man noch anders damit umgehen können, aber in dieser Reihenfolge. Und dieses Bedürfnis nach Parteilichkeit heißt ja, ich habe die Erfahrung gemacht, gerade wenn ich ein Pflegekind bin und viel und oft meistens traumatische Erfahrungen habe, dass ich nicht wertgeschätzt wurde, dass mein Nein nicht gehört wurde, dass mein Wunsch, bei der Mutter zu bleiben, nicht gehört wurde, dass die überfordert war oder aus welchen Gründen auch immer, dass ich verletzt wurde.

Und diese traumatischen Erfahrungen machen immer etwas damit, dass das Selbstwertgefühl der Kinder und auch der Erwachsenen in den Keller geht.

Meine Frau ist eine wunderbare Traumatherapeutin und mittlerweile kommen sehr viele zu ihr, die woanders mit Therapien gescheitert sind. Aber früher war es immer so, dass die Leute erst mal nicht wegen des Traumas kamen, sondern sagen „Oh, ich wache nachts um 4:00 auf und ich halte mich für unfähig. Ich bin gar nicht so gut wie meine Kollegen oder mein Chef denkt oder ich kann das eigentlich gar nicht“. Und erst im Zuge der Gespräche und der gemeinsamen Arbeit wurde deutlich, dass dieses extrem verringerte und brüchige Selbstwertgefühl mit den traumatischen Erfahrungen zusammenhing, mit dem traumatischen Ereignis, dass sie verletzt worden sind, ihr Nein, ihr Ja nicht gehört wurde und auch, dass sie sich oft danach alleine gefühlt haben. Deswegen brauchen die Menschen an ihrer Seite die, die für sie da sind und die auch immer wieder sagen, wer ist der Gute, wer ist der Schlechte. „Du bist in Ordnung“. Das ist der Zusammenhang, gerade bei traumatisierten Menschen.

Bertram Kasper:

Genau.

Für die ist es sozusagen besonders wichtig, weil es ja dann in dem Moment darum geht, das Gefühl wirklich ernst zu nehmen, was ausgedrückt wird von dem Kind in dem Moment. Nämlich, da war was ungerecht und das hat mich getroffen und dadurch bin ich traurig und ich hätte mir es anders gewünscht. Und das nicht in Frage zu stellen, sondern das Kind sozusagen bei dem eigenen Gefühl tatsächlich abzuholen und das auch anzuerkennen.

Udo Baer:

Ja. Deswegen braucht man mit den Kindern keine politischen Seminare zu machen. Aber zu sagen „Es sind keine ukrainischen Soldaten, die in Moskau kämpfen, sondern russische Soldaten, die in Kiew kämpfen“. Also so einfache, banale Sachen und die ganz viel aufzeigen und dann versteht das Kind.

Bertram Kasper:

Ein anderer Punkt war noch und da ist es meiner Frau und mir, gerade am Wochenende, als wir wandern waren, da haben wir eine Situation gesehen, da haben zwei Jungs, so zwischen sieben und neun Jahre alt, im Garten Krieg gespielt und der eine, der hatte sogar ein T-Shirt an, mit ukrainischen Farben, also ein blau-gelbes T-Shirt. Die haben wirklich so mit Holz Maschinengewehren aufeinander geschossen und die Geräusche dazu gemacht. Und dann tauchte heute Morgen auch in dieser Runde mit den Pflegeeltern die Frage auf, was mache ich denn, wenn jetzt meine Kinder anfangen, Krieg zu spielen, gerade jetzt in der Zeit? Also dass die das sonst mal machen, ist ja klar. Aber gerade jetzt soll ich dem Einhalt gebieten? Was wäre da Ihr Hinweis?

Udo Baer:

Ich bin da relativ locker, sage ich mal so. Es gibt natürlich Eltern, Pflegeeltern, Erwachsene, Lehrerinnen, Erzieherinnen, die sagen, ich will gar keine Kriegsspiele, ich halte das nicht aus, ich will das nicht und das finde ich auch legitim. Und wenn das bisher so war, dann soll man das auch weiter durchziehen. Andere sind da entspannter mit und ich bin auch eher entspannter, weil ich weiß, dass Kinder alles spielen. Spielen ist ihr Weg zur Welt. Im Spiel sind sie die Guten und sie sind die Bösen. Im Spiel sind sie Polizisten und sie sind Räuber und Lehrer und Kinder und alles Mögliche. Im Spiel zeigt sich auch ihr Leid, aber auch ihre Kraft und ihre Ressourcen. Beides zeigt sich im Spielen und sie erschließen sich über das Spiel ein Stück der Welt und das hat auch so eine Reinigungskraft. Das, was in ihnen kämpft, ist dann im Kämpfen draußen. Also zeigt sich im spielerischen Kämpfen. Und ich denke schon, dass es von daher erst mal selbstverständlich ist, dass Kinder auch jetzt in dieser Zeit Krieg spielen. Das ist klar, das ist zu erwarten. Worauf wir aufpassen müssen ist, und da geht es auch ein bisschen um unsere Gefühle als Erwachsene, wenn uns das Angst macht, dann müssen wir das auch ernst nehmen und nicht sagen „Krieg spielt man nicht“, sondern „mir macht das Angst“. Und auch Regeln einsetzen. Also, dass man einander nicht verletzt. Das ist ganz, ganz wichtig. Oder wenn mehrere Kinder da sind und zwei, drei spielen Krieg. Und die anderen Kinder sind davon erschrocken, dass man diese Kinder trennt oder es da unterbindet. Oder, dass man wenn es vielleicht nicht mit Stöcken aufeinander zugeht, also Maschinengewehren oder so, sondern dass man das mit Playmobilfiguren macht oder Legos oder malerisch macht, also eine andere, sanftere Ausdrucksform findet. Da gibt es ganz viele Spielräume und da sollten auch die Pflegeeltern ihren Impulsen folgen und entsprechend handeln.

Ich glaube erst mal ist wichtig, wenn Kinder Krieg spielen, muss das kein Anlass zur Sorge sein.

Bertram Kasper:

Das finde ich ein ganz wichtiger Hinweis, weil das ja, wie Sie gesagt haben, auch was dazu beiträgt, dass aus den Kindern etwas herauskommt, was sie gerade beschäftigt. Und dadurch können sie sich dem sozusagen entledigen. Dann hat es nicht mehr so eine starke Wirkung. So ist zumindest meine Erfahrung, auch mit Kindern. Und dann haben sie sich sozusagen in einem positiven Sinn erleichtert.

Udo Baer:

Ja, kann ich nur bestätigen. Besser im Spiel als nachts um zwölf oder um eins, dass es dann als Albtraum kommt oder Kinder einnässen oder aufschrecken. Also das finde ich gescheiter.

Bertram Kasper:

Was uns auch beschäftigt hat in der Runde heute Morgen, von daher hat sich das super gut ergeben, weil ich das jetzt so miteinander verbinden kann. Quasi die Fragen der Pflegeeltern von heute Morgen mit dem Gespräch. Nämlich wir haben ja als Erwachsene schon erlebt, jetzt in der Coronazeit, mit welcher Informationswucht wir konfrontiert sind. Und jetzt passiert ja gerade in dem Angriffskrieg der Russen auf die Ukraine wieder was Ähnliches und ich finde es sogar für mich selber schwer, eine gute Dosis zu finden. Also das ist ja so eine Ambivalenz. Auf der einen Seite will ich Information, aber auf der anderen Seite merke ich auch, es tut mir nicht gut. Und Sie haben das vorhin ja im Eingang schon ein bisschen angedeutet. Vielleicht können Sie da noch mal auch altersspezifisch ein paar Hinweise geben, was dabei gut zu beachten ist.

Udo Baer:

Mir geht es ähnlich. Ich gucke auch nicht mehr alles. Am Anfang war ich ganz neugierig und hab ständig dabei Spiegel-Online oder sonst was geschaut. Nach 20:00 Uhr schaue ich gar keine Nachrichten mehr, auch nicht mehr ins Internet, weil ich diese Kriegsbilder und diese Schrecksachen nicht mit in den Schlaf nehmen will. Das ist mir wichtig.

Ich habe heute Morgen mit einer Kollegin telefoniert und sie sagte, sie guckt nur noch einmal am Tag Nachrichten, weil sie sonst überflutet wird. Sie will wissen, was los ist, aber sie möchte es dosieren.

Wie hoch die Dosis ist, muss jeder selber entscheiden. Wir Erwachsene können das auch gut. Manche sind fast süchtig, und manche gucken gar nichts mehr. Aber die meisten werden da so und so einen Zwischenweg finden, und das ist legitim. Das ist nicht nur legitim, das ist oft notwendig.

Kinder können das oft nicht selber entscheiden. Und ich würde Kindern wie gesagt erst die ersten zwei Lebensjahre, da geht es eher um die Atmosphäre und Geborgenheit und Schutz.

Bei Grundschule würde ich eher sagen, Kinderfernsehen oder solche Kinder-Nachrichten, das geht. Und ansonsten aber auch von den anderen Medien möglichst fernhalten. Sie kriegen trotzdem was mit. Aber möglichst fernhalten, da wo man die Wahl hat.

Bei Kindern über zehn Jahre alt, denke ich schon, die gucken dann ja auch irgendwann im Internet oder so, die können schon auch mit Nachrichten gucken, aber bitte nicht alleine. Das ist das Wichtigste, dass man dabei ist und da auch anbietet, darüber zu reden oder nachzufragen oder auch seine eigenen Kommentare zu geben. Das die nicht so alleine sind. Was ich sehr schwierig finde, sind die Bilder, also die Nachrichten selber und die Landkarten – das geht alles noch, das kann ich sortieren. Aber ich weiß, bei Kindern hauen Bilder wirklich ins Eingemachte rein. Die können verblassen im Laufe der Zeit und machen das auch. Aber die haben erst mal eine unmittelbare Wirkung. Wenn ich die Bilder immer wieder sehe, von geflüchteten Kindern und Müttern sind es ja vor allen Dingen, weil die Väter in der Ukraine bleiben müssen und Krieg führen, dann weinen die gar nicht. Ein Bild habe ich gesehen, wo ein Kind weinte, das alleine über die Grenze gegangen ist nach Polen. Die anderen sind erstarrt. Also es gibt beispielsweise im Internet so Bilder aus der Ukraine, so Fotoserien und solche Sachen auf fast allen Webseiten, die Nachrichten bringen. Und ich habe mir die früher auch angeschaut und mir ist das zu viel, mir kommen die Tränen oder mir stockt der Atem, mir ist das zu viel. Und ich denke dann den Kindern auch.

Bertram Kasper:

Klar. Bei Logo weiß ich, wird ja oft auch mit Zeichnungen gearbeitet oder mit Trickfiguren, die zeigen eben wenig reale Bilder, genau aus dem Grund, den sie beschreiben. Und ich finde das nochmal einen extrem wichtigen Hinweis, weil die Bilder sind ja überall verfügbar und das wird dann unter 10-Jährigen auf dem Schulhof schon herumgezeigt sozusagen. Und dass man da auch noch mal guckt, wie kann man dem auch ein bisschen was entgegensetzen im positiven Sinn.

Udo Baer:

Also einmal was entgegensetzen im positiven Sinn und auch von sich erzählen, „mir tun diese Bilder weh, ich gucke da nicht mehr drauf oder möglichst wenig, wenn ich die Wahl habe“.

Wenn ich auch eine Woche lang viel mit traumatisierten Menschen arbeite und zu diesen Themen schreibe und rede und mich beschäftige und dann am Sonntagabend einen Tatort gucken will zur Entspannung. Was ist dann Thema? Trauma und Intensivstation. Dann schalte ich um. Nicht unbedingt zu Rosemarie Pilcher – können andere auch gerne gucken, aber ich nicht – sondern zu irgendwas Anderem. Ich brauche auch Pausen davon. Ich brauche auch traumafreie Zonen. Ich brauche auch kriegsfreie Zeiten, also so etwas. Und wenn ich das von mir erzähle, dann macht es den Kindern auch Mut, selber auch mal nicht so neugierig zu sein und auch mal wegzuschauen und nicht so scharf drauf zu sein. Wir Eltern sind Vorbilder, auch Pflegeeltern. Nicht was wir sagen, sondern was wir machen. Wie wir uns verhalten und natürlich auch wie wir über uns sprechen. Das ist wichtiger. Nicht „du sollst“, sondern „ich habe für mich die Entscheidung getroffen, was Bilder betrifft, vorsichtig und zurückhaltend zu sein“. Das kommt besser an, als den Kindern etwas zu verbieten.

Bertram Kasper:

Ich nehme gerade für mich selber zwei ganz wichtige Sachen mit, denke ich. Nämlich einmal betonen Sie ja die Wahrhaftigkeit, auch zu den eigenen Gefühlen als Erwachsener, auch gegenüber den Kindern, in der Dosis, die altersangemessen ist oder dem Kontext angemessen und dann aber auch wirklich die Gefühle der Kinder ernst nehmen und nicht Infragestellen, sondern darauf eingehen, auch wieder in dem Rahmen, der dem einzelnen Kind gerade entspricht. Das scheinen so ganz zwei zentrale Sachen zu sein von denen, die sie sagen.

Udo Baer:

Richtig. Sehe ich auch so.

Bertram Kasper:

Ich frage meine Gäste zum Schluss immer, was sie Eltern und Pflegeeltern und Pflegekindern wünschen. Und jetzt haben wir diese besondere Zeit und sie sind jemand, der sich da auch besonders auskennt oder auch sehr sich mit beschäftigt hat, was denn tatsächlich guttut. Was würden Sie denn Pflegeeltern in diesen belastenden und schwierigen Zeiten und auch Pflegekindern wünschen?

Udo Baer:

Ich habe auch da wieder das Große UND. Ich habe einmal den Wunsch, sehr wahrhaftig mit sich und den Kindern zu sein, weil das schafft wahrhaftige Beziehungen. Und der andere Wunsch ist auch mal angstfreie und kriegsfreie Zeiten und Räume zu schaffen und zu nutzen, zu genießen, zu tanzen, zu lieben, zu feiern, es sich auch gut gehen zu lassen, auch wenn das ein Privileg ist gegenüber dem, was in der Ukraine ist. Aber wir brauchen es auch.

Bertram Kasper:

Ja, ein schöner Satz zum Abschluss. Herr Baer, ich sage herzlichen Dank für das spontane Gespräch und für die Unkompliziertheit und ich drücke Ihnen für Ihre weitere Arbeit und auch für Ihr Werben sozusagen in diesen schwierigen Zeiten das gut anzugehen und sich ernst zu nehmen und die eigenen Gefühle ernst zu nehmen, sage ich Herzlichen Dank!

Udo Baer:

Ich bedanke mich für Ihr Engagement auch zu dem Thema und für Ihr Interesse. Danke!

Ein Pflegekind riechen können

Ein Pflegekind riechen können

Vielleicht fragen Sie sich, wieso diese Überschrift „Ein Pflegekind riechen können“, was hat es denn damit auf sich?

Düfte beeinflussen uns das ganze Leben und das oft unbewusst. Bei jedem Einatmen riechen wir und auch im Schlaf ist unser Geruchssinn immer parat und ständig aktiv. Wussten Sie, dass wir über eine Billion unterschiedliche Gerüche mit unserer Nase wahrnehmen können? Damit wurde die Vermutung, dass es ca. 10000 sind, überdeutlich nach oben korrigiert. Damit können wir mit unserer Nase deutlich vielfältiger und komplexer wahrnehmen, als mit unseren Ohren oder unserem Geschmackssinn.

Und bestimmt fällt es Ihnen auch schwer Düfte in Worte zu fassen. Deshalb kann es sein, dass sie gerade aus diesem Grund heftigere Emotionen auslösen können als visuelle oder akustische Signale.

„Ich kann Dich nicht riechen“

Und wahrscheinlich kennen Sie alle den Satz „Ich kann Dich nicht riechen“. Darin kommt zum Ausdruck, wie bedeutsam Gerüche im Leben von uns sind. Sie helfen bei der Orientierung, sie warnen uns, sie beeinflussen unser Verhalten, wirken auf unsere Stimmungen und Emotionen und sie können Erinnerungen aus der Vergangenheit aktivieren.

Gerüche gelangen hirnbiologisch betrachtet direkt in unser limbisches System im Gehirn und damit unmittelbar in unsere Gefühlswelt. Sie werden nicht von unserem Willen kontrolliert, sondern es werden unwillkürlich und unmittelbar Gefühle wie Freude, Lust, Angst und Mut ausgelöst.

Damit sind Gefühle ein Schlüssel zur Erinnerung

Können Sie sich noch an das Parfüm Ihrer ersten Freundin oder Ihres ersten Freundes erinnern? Im Vorbeigehen an anderen Menschen kann Ihnen im sprichwörtlichen Sinne diese Erinnerung in die Nase steigen und schon sind alle Erinnerungen an die Begegnung wieder aktiviert. Da ist es naheliegend, dass für unsere Partnerwahl die Nase sehr entscheidend ist.

„Körpergeruch spielt bei der Partnerwahl – beim Menschen wie im Tierreich – eine ganz entscheidende Rolle“, sagte Manfred Milinski, Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie.

Gerüche, die eher negative Erinnerungen oder Assoziationen auslösen, gibt es auch. Stellen Sie sich nur den bei vielen Menschen eher Panik auslösenden Geruch einer Zahnarztpraxis vor. Und Sie können sicher sein, wie exakt dieser Geruch in uns gespeichert ist.

Frauen, die nach Blumen riechen

werden von Männern zwölf Pfund leichter geschätzt, so steht es auf einer Informationstafel im Kurpark von Bad Wörishofen. Und weiter, ein guter Duft lässt Gesichter schöner wirken.

Ausgehend von den beschriebenen Zusammenhängen erscheint die obige Überschrift also wirklich naheliegend. Deshalb sagen wir unseren Pflegeeltern gerne, dass es wichtig ist, ein mögliches Pflegekind wirklich riechen zu können. Der Geruch als Voraussetzung auch schwierigere Situationen miteinander gut meistern zu können. Also woran kann ich im übertragenen Sinn erkennen, dass ein Pflegekind zu passen könnte. Ganz einfach: „Ich kann dich riechen“.

Ich habe es gewollt – Pflegemama sein!

Ich habe es gewollt – Pflegemama sein!

Manchmal gibt es Tage, die rauschen nur so an Pflegeeltern vorbei. Eine Anforderung jagt die nächste und das Ganze garniert mit kleinen und großen Katastrophen. Wie so ein Tag aussehen kann ganz real und tatsächlich erlebt schreibt uns eine Pflegemama anlässlich des ersten Nationalen Aktionstages für Pflege- und Adoptivfamilien am 31.05.2021. Dieser Tag war unserer Sicht überfällig und wir danken dem Bundesverband für Pflege- und Adoptivfamilien e.V. und dem Forschungskonsortium EMPOWERYOU für die Initiierung dieses Tage der Wertschätzung und Anerkennung von Pflege- und Adoptivfamilien. Und wir danken vor allem der Pflegemama, die uns an ihrem Tag teilhaben lässt. Herzlichen Dank.

Pflegemama sein – Was für ein Tag!

Und Abends sitze ich dann auf dem Sofa und fühle mich, als hätte mich ein Zug überrollt. Ich bin eine dreifache Pflegemutter mit Kindern im Alter von 10, 9 und 5 Jahren

11. Mai 2021 – 21.00h!

Was für ein Tag!

Ich sitze auf dem Sofa und fühle mich als hätte mich ein Zug überrollt.

Mehr Chaos hätte es heute wohl kaum geben können.

Schon in der Früh am morgen: Kinder die zur Schule sollen und einfach keine Lust zum Aufstehen verspüren. Die sich einfach wieder ins Bett legen, nachdem man ihr Zimmer verlassen hat.

Frühstück vorbereiten, wieder die Kinder motivieren aufzustehen und sich anzuziehen.

Brotdosen packen, Kinder erneut zum Frühstück einladen.

Dem Mann Mut zusprechen für die anstehenden Herausforderungen, die ihn auf der Arbeit erwarten.

Endlich alle sitzen am Tisch! Unstillbaren Redefluss der beiden Kleinen aufnehmen. Fragen beantworten.

Die Mittlere zur Schule schicken, der Kleinen nochmal schnell die Haare bürsten. Parallel der Großen die ersten Schulaufgaben des Distanzunterrichts erklären.

Die Kleine verabschieden, die vom Mann auf dem Weg zur Arbeit im Kindergarten abgegeben wird.

Endlich etwas Ruhe! Fehlanzeige! Telefon: Schulsozialarbeiter der Großen. Fragen beantworten, erklären, reden. Telefonat beenden.

Tisch abräumen. Schulaufgaben der Großen kontrollieren, motivieren zum Weiterarbeiten und Aufgaben erklären.

Gerade den Staubsauger in die Hand genommen, Telefon: Teilhabeassistenz der Mittleren „Vermutlich hat ihr Kind Läuse!“ Läuseshampoo bereitstellen. Den Kopf der Großen auf Läuse untersuchen.

Staubsauger die Zweite. Wieder Schulaufgaben erklären, motivieren.

Hund in den Garten lassen. Telefon: Erfreulich! Eine Freundin, kurzer Plausch.

Der Hund nutzt die Zeit und zertrümmert einen meiner Lieblingsdekoartikel.

Telefonat beenden. Trümmer beseitigen!

Mittagessen vorbereiten.

Mittlere kommt heim. Läuseshampoo unter lautem Protest des Kindes auftragen. Mittagessen.

Haare der Mittleren waschen und auskämmen. Bettwäsche und Kuscheltiere zur Waschmaschine bringen.

Direkt weiter die Mittlere zur Therapiestunde fahren. Zwischenzeit nutzen, um Einkauf zu erledigen. Auf dem Heimweg die Kleine vom Kindergarten abholen.

Videokonferenz der Großen unterstützend begleiten. Parallel den Kopf der Kleinen untersuchen.

Anruf der Nachbarin mit Bitte um kurze Hilfe. Schon auf dem Weg zum Nachbarhaus ruft die Kleine: Ich muss aufs Klo! Ich höre wie es auf den Boden plätschert. Nachbarin auf später vertrösten. Kind duschen, Boden wischen.

Ohne Pause zum heilpädagogischen Reiten der Großen.

Direkt im Anschluss zur Nachbarin.

Abendessen vorbereiten.

Wichtig fürs Gewissen: Schauen, dass auch was Gesundes auf dem Tisch steht!

Küche saubermachen.

Kinder motivieren Schlafanzug anzuziehen. Beim Zähneputzen unterstützen.

Dann die Information der Großen, dass leider wieder Kot in der Unterhose ist. Trösten.

Gute Nacht Ritual – mal drei. Und dann wartet da noch die Wäsche!

Läuse, Urin, Kot und all die Andere!

Was für ein Tag!

Ich nehme das Telefon zur Hand – nur kurz mit einer Vertrauten reden!

Zuspruch! Ermutigung! Trost!

Doch was bekomme ich zu hören?

DU HAST ES DOCH SO GEWOLLT!

Nach dem ersten fassungslosen Entsetzen über diese gefühlte Empathielosigkeit – innehalten. Habe ich das so gewollt? Würde ich es anders wollen?

Und ich denke an die Tage, an denen alles nahezu reibungslos läuft. Die Tage, an denen die Kinder mich morgens fröhlich begrüßen, mit hübschen Kleidchen selbstvergessen über bunte Blumenwiesen tanzen und mit ihren lieben Stimmen mir ein „Ich habe Dich lieb Mama“ zusprechen. Ich denke an die vielen kleinen Glücksmomente, wenn wir zusammen die ersten süßen Erdbeeren genießen, lautstark beim Autofahren eines unserer gemeinsamen Lieblingslieder schmettern, wenn die Kinder sich beim Geschichte lesen an mich kuscheln und plötzlich fallen sie mir ein. Sind einfach in mir – all die kleinen und großen Sternstunden.

Ich denke darüber nach wie einsam mein Leben ohne diese Wunderkinder wären, wie leer und ich spüre wie es sich in mir breitmacht: ICH HAB ES SO GEWOLLT!

Fühlen Sie sich ermutigt und wollen vielleicht auch Pflegefamilie werden, dann können Sie hier mit uns Kontakt aufnehmen.

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