Pflegekinder in Regenbogenfamilien

Pflegekinder in Regenbogenfamilien

von Jana Bamberger, Master Studierende im Bereich „Soziologie und Sozialforschung“ an der Universität Marburg

Pflegekinder in Regenbogenfamilien ist nach wie vor noch ein kontroverses Thema. Der folgende Beitrag von Jana Bamberger will dazu beitragen Vorurteile zu relativieren und beschreibt vor dem Hintergrund der aktuellen Forschung die Chancen für Regenbogenfamilien und Pflegekinder in anschaulicher und differenzierter Weise. Herzlichen Dank dafür.

„Lesben und Schwule müssen bei der Vermittlung von Pflegekindern gleich behandelt werden, denn sie können genau so gute Eltern sein wie heterosexuelle Menschen. Leider zeigt die Erfahrung vieler Homosexueller, dass ‚klassische‘ Familienverhältnisse oft für stabiler gehalten werden als die lesbischer oder schwuler Paare. Das ist haltlos und diskriminierend.“ (Mielchen 2016)

„‚Ehe für alle‘ heißt nicht ‚Elternschaft für alle‘“

Trotz zahlreicher Reformen und Maßnahmen zur Gleichberechtigung von homosexuellen Personen haben gleichgeschlechtliche Paare noch immer mit zahlreichen Hindernissen im Bereich der Familienplanung und dem Familienalltag zu kämpfen. Denn obwohl die allgemeine Toleranz gegenüber schwulen Männern und lesbischen Frauen in den letzten Jahrzehnten spürbar gestiegen ist, wird der gleichgeschlechtlichen Elternschaft weiterhin eher kritisch und ablehnend gegenübergestanden.

Das Konzept der gleichgeschlechtlichen Elternschaft scheint für viele heterosexuelle Personen nur schwer mit bestehenden traditionellen Vorstellungen von Familie vereinbar zu sein. Darüber hinaus sehen sich homosexuelle Paare oftmals mit zahlreichen Vorurteilen und Klischees gegenüber ihrer Familienform konfrontiert, welche ihnen u.a. eine angemessene Erziehungsfähigkeit absprechen. So war bei einer Umfrage im Jahr 2017 beispielsweise jede/r fünfte Befragte der Überzeugung, dass homosexuelle Paare Kinder schlechter erziehen als heterosexuelle Paare.

Doch nicht nur seitens der Gesellschaft lassen sich Stigmatisierungen und Diskriminierungen homosexueller Personen feststellen, auch im Rahmen der deutschen Rechtsgrundlage bestehen trotz zahlreicher Reformen noch immer Ungleichbehandlungen homosexueller gegenüber heterosexuellen Paaren.

Was ist überhaupt eine Regenbogenfamilie?

In der heutigen Gesellschaft wird das traditionelle Familienbild „Mutter, Vater, Kind“ von immer mehr unkonventionellen Modellen abgelöst. Neben mittlerweile weit verbreiteten Modellen wie Stieffamilien, Patchworkfamilien, und Alleinerziehenden existieren sogenannte „Regenbogenfamilien“, welche ebenfalls eine eigene Familienform darstellen.

Hierbei gibt es jedoch verschiedene Möglichkeiten in einer derartigen Familienform zusammenzuleben, wodurch auch unterschiedliche Definitionen des Begriffes existieren. Grundsätzlich wird unter einer Regenbogenfamilie eine Familie verstanden, welche sich aus zwei gleichgeschlechtlichen Elternteilen zusammensetzt, die mit mindestens einem Kind zusammenleben und dieses gemeinsam großziehen.

Regenbogenfamilien können hierbei die Form einer Adoptiv- oder Pflegefamilie annehmen oder eine Familie sein, bei welcher Kinder aus einer vorangegangen heterosexuellen Partnerschaft oder einer Leihmutterschaft stammen oder mittels einer künstlichen Befruchtung in eine aktuelle lesbische Beziehung hineingeboren wurden.

In Debatten um gleichgeschlechtliche Elternschaft wird sich hierbei, sowohl politisch als auch medial, sehr oft ausschließlich auf Adoptionen fokussiert, während Pflegekinderverhältnisse außer Acht gelassen werden. An dieser Lücke gilt es dringend anzuknüpfen.

Pflegekinder in Regenbogenfamilien

Adoptivkind oder Pflegekind?

Sowohl bei lesbischen, als auch bei schwulen Paaren, die über Kinder verfügen, stammen die meisten dieser Kinder aus vorhergehenden heterosexuellen Beziehungen oder wurden direkt in die gleichgeschlechtliche Familie hineingeboren. Nur etwa 6% der Kinder aus Regenbogenfamilien wurden als Pflegekind übernommen und lediglich knapp 2% kamen durch eine Adoption – zumeist eine Auslandsadoption – in ihre Familie. Daran wird deutlich, dass die Übernahme von Pflege- und Adoptivkindern für homosexuelle Paare noch immer mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist.

Der wesentliche Unterschied zwischen Pflegekindern und Adoptivkindern besteht darin, dass ein Adoptivkind formal und gesetzlich alleiniges Kind der neuen Eltern wird, während ein Pflegekind formal und gesetzlich das alleinige Kind der leiblichen Eltern bleibt. Zudem haben Pflegekinder in ihren Herkunftsfamilien oftmals belastende und teilweise sogar traumatisierende Erfahrungen gemacht, bei deren Bewältigung die Pflegeeltern Unterstützung bieten müssen.

Die Herkunft des Kindes hat meist einen festen Platz in dessen Leben, wodurch der Kontakt zu leiblichen Eltern oder anderen Mitgliedern der Herkunftsfamilie aufrechterhalten wird und das Kind lernt mit zwei Familien aufzuwachsen – seiner Ursprungs- und seiner Pflegefamilie. Das Pflegeverhältnis kann hierbei zeitlich begrenzt sein, wenn eine Rückkehr des Kindes in seine Ursprungsfamilie sinnvoll erscheint. Insgesamt stellen Dauerpflegen, d.h. Pflegschaften bis zur Verselbstständigung mit 18 Jahren und meist darüber hinaus, jedoch eine weit verbreitet Praxis dar, wodurch viele Pflegekinder letztendlich bei ihren Pflegeeltern groß werden können.

Diese nehmen das Kind gemeinsam auf, wodurch keine biologischen und rechtlichen Ungleichgewichtungen auftreten und die Pflegschaft zum emotionalen Projekt beider wird. Des Weiteren werden Pflegeeltern durch den Pflegekinderdienst betreut und unterstützt und erhalten darüber hinaus auch finanzielle Unterstützungsleistungen in Form von Pflegegeld.

Vorurteile und Diskriminierungen

Gegner von Regenbogenfamilien argumentieren jedoch oft, dass homosexuelle Paare keine Kinder großziehen sollten, da diesen das gegengeschlechtliche Elternteil fehle. Dies wirke sich negativ auf verschiedene Entwicklungsprozesse, wie die allgemeine Identitätsbildung oder die zu entwickelnde Geschlechtsidentität aus. So wird u.a. behauptet, dass Kindern, welche bei zwei Vätern aufwachsen, die Fürsorge, Sicherheit und Pflege fehle, welche nur eine Mutter bereitstellen könne. Zudem wird angenommen, dass Töchter, die in Regenbogenfamilien aufwachsen, aufgrund ‚falscher‘ oder fehlender Rollenmodelle zu männlich und Söhne zu weiblich werden. Es wird argumentiert, dass Jungen einen Vater bräuchten, um eine angemessene männliche Identität zu entwickeln und ein Vater auch für Mädchen unabdingbar sei, damit diese eine „heterosexuelle Feminität entwickeln und heteronormative Erwartungen an zukünftige Paarbeziehungen zu Männern bilden könnten.“ (Scholz 2017: 22)

Ein weiteres Vorurteil gegenüber Regenbogenfamilien besteht darin, dass die Kinder von schwulen und lesbischen Paaren selbst homosexuell werden würden. Zudem wird angenommen, dass Kinder aus Regenbogenfamilien verstärkt diskriminiert werden, da die Gesellschaft noch nicht reif für derartige Familienformen sei. Aus diesem Grund würden sich Kinder von homosexuellen Eltern häufig von Gleichaltrigen zurückziehen und sich sozial isolieren. Verstärkte Diskriminierungserfahrungen und Hänseleien zögen wiederum eine Beeinträchtigung in der Entwicklung der Kinder mit sich.

Sind homosexuelle Paare Eltern zweiter Klasse?

Stimmen diese Vorurteile tatsächlich und lassen sich homosexuelle Paare als Eltern zweiter Klasse abstempeln und sind Pflegekinder in Regenbogenfamilien ausgeschlossen?

Nein. Zahlreiche Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Lesben und Schwule Kinder ebenso „gut“ erziehen können wie heterosexuelle Mütter und Väter. Ein Großteil der Untersuchungen ergab, dass schwule Väter und lesbische Mütter über eine angemessene Erziehungsfähigkeit verfügen und ihre Kinder eine gelungene emotionale, soziale und sexuelle Entwicklung vollziehen. Zwar unterscheiden sich homosexuelle Eltern in einigen Aspekten des Erziehungsverhaltens durchaus von heterosexuellen, die Unterschiede scheinen dem Wohlbefinden der Kinder jedoch in keiner Weise zu schaden. Es konnte ermittelt werden, dass die Prozesse innerhalb einer Familie, wie beispielsweise die Qualität der Beziehungen, einen deutlich größeren Einfluss auf die kindliche Entwicklung haben als die Struktur der Familie.

Ein wesentlicher Unterschied im Familienalltag zeigt sich lediglich darin, dass anfallende Erziehungs- und Versorgungsaufgaben in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oftmals egalitärer und flexibler geteilt werden als in heterosexuellen Beziehungen. Durch eine egalitäre Verteilung von Aufgaben steigt zumeist auch die Partnerschaftszufriedenheit, was sich wiederum positiv auf die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Kinder auswirkt.

Zudem konnte festgestellt werden, dass sowohl lesbische, als auch schwule Paare grundsätzlich einen großen Wert darauf legen, dass ihre Kinder regelmäßigen Kontakt zu Personen des anderen Geschlechts haben. Dies erscheint insofern wichtig, da Kinder zum Aufbau eines adäquaten geschlechtstypischen Rollenverhaltes Modelle beider Geschlechter in ihrem Lebensumfeld benötigen – dies müssen aber nicht zwingend Mutter und Vater sein.

Bezüglich der sozialen und emotionalen Entwicklung der Kinder existieren unterschiedliche Ergebnisse. Manche Studien konnten keinerlei Unterschiede zwischen Kindern homosexueller Paare und Kindern heterosexueller Paare feststellen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder aus homosexuellen Familienkonstellationen genauso gut sozial integriert sind wie Kinder heterosexueller Eltern und einen ebenso hohen Selbstwert aufweisen. Hierbei konnte festgestellt werden, dass Kinder umso weniger diskriminiert werden, je offener sie, ihre Eltern, Freund/innen und andere Familienmitglieder mit der Lebensform ihrer Familie umgehen.

Obwohl zahlreiche Studien zu dem Ergebnis kommen, dass sich Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern ebenso „gut“ entwickeln wie Kinder aus Familien mit gegengeschlechtlichen Eltern, existieren noch immer einige Bedenken und Einwände bezüglich homosexueller Elternschaft, welche es dringend zu überwinden gilt. Wir wollen als Fachbereich Pflegefamilien weiterhin mit dazubeitragen, dass Pflegekinder in Regenbogenfamilien auch einen Lebensort finden können.

Warum Pflegekinder in Regenbogenfamilien besonders gut aufgehoben sind?

Insgesamt gibt es einige Argumente, die für die Aufnahme von Pflegekindern in Regenbogenfamilien sprechen. So weisen gleichgeschlechtliche Elternpaare grundsätzlich eine besonders hohe Motivation und große Entschiedenheit für ein Leben mit Kindern auf. Denn viel wichtiger als die Frage der Leiblichkeit, ist ihnen Elternschaft und Familie gemeinsam leben zu können. Sie entscheiden sich ganz bewusst für Pflegekinder, wodurch diese keine Kinder „zweiter Wahl“ sind.

Darüber hinaus verfügen homosexuelle Personen über eine große Erfahrung in der Bewältigung ungewöhnlicher Lebenssituationen und sind dadurch in besonderem Maße dazu fähig, sich in ein Kind einzufühlen, das anders leben muss als andere Kinder. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen können sie mit Abweichungen besonders sensibel umgehen.

Pflegefamilien in Regenbogenfamilien

In der Abweichung von „normalen“ Familienmodellen können Pflegekinder in Regenbogenfamilien zudem ein Vorbild sehen, ihr eigenes Leben selbstbestimmt und zufrieden zu gestalten – trotz ungewöhnlicher Familienbiographie.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass besondere Familien besondere Chancen und Ressourcen bieten. Indem unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Familienmodellen angeworben werden, können die Chancen auf mögliche Passungen für Pflegekinder erhöht werden, wodurch die Pflegekinderhilfe von der Hinzunahme unkonventioneller Familienmodelle profitieren kann. Wir denken es ist deutlich geworden, dass Pflegekinder in Regenbogenfamilien einen wertvollen Ort für ihre Entwicklung finden können.

Möchten Sie als Regenbogenfamilie mit Pflegekindern leben?

Dann nehmen Sie bitte mit uns Kontakt auf. Wir freuen uns auf Sie? Hier der Link!

Quellen

Berger, Walter/ Reisbeck, Günter/ Schwer, Petra (2000): Lesben – Schwule – Kinder. Eine Analyse zum Forschungsstand. Düsseldorf: Allbro.

Carapacchio, Ina (2008): Kinder in Regenbogenfamilien. Eine Studie zur Diskriminierung von Kindern Homosexueller und zum Vergleich von Regenbogenfamilien mit heterosexuellen Familien. Diss. München 2009. München: o.V.

Copur, Eylem (2008): Gleichgeschlechtliche Partnerschaft und Kindeswohl. Bern: Stämpfli.

Fthenakis, Wassilios E. (2000): Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und kindliche Entwicklung. In: Jürgen Basedow/ Klaus J. Hopt/ Hein Kötz/ Peter Dopffel (Hg.): Die Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Tübingen: Mohr Siebeck, S. 351-390.

Jansen, Elke/ Steffens, Melanie Caroline (2006): Lesbische Mütter, schwule Väter und ihre Kinder im Spiegel psychosozialer Forschung. In: Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis 38, H. 3, S. 642-653.

LSVD (Hg.) (2014): Regenbogenfamilien – alltäglich und doch anders. Beratungsführer für lesbische Mütter, schwule Väter und familienbezogene Fachkräfte. 2. Auflage. Köln.

Scholz, Katrin (2017): Vorurteil und soziale Identität. Einstellungen zu homosexueller Partner-  und Elternschaft. Diss. Köln 2018. Köln: o.V.

Internetquellen

Greib, Angela (2019): Die Vermittlung von Pflegekindern an gleichgeschlechtliche Paare. URL: https://www.lsvd.de/en/lebensformen/lsvd-familienseiten/vortraege-und-veranstaltungen/5-lsvd-familienseminar-2007/9-ein-leben-mit-kindern-der-weg-zum-pflegekind-c1.html, Abruf am 16.09.2019.

Inhoffen, Lisa (2017): Homo-Ehe. Mehrheit der Deutschen für gleichgeschlechtliche Heirat. URL: https://yougov.de/news/2017/06/23/homo-ehe-mehrheit-der-deutschen-fur-gleichgeschlec/, Abruf am 16.09.2019.

MDR (2018): „Ehe für alle“ heißt nicht „Elternschaft für alle“. URL: https://www.mdr.de/nachrichten/ratgeber/bgh-urteil-adoption-verheiratete-homosexuelle-100.html, Abruf am 16.09.2019.

Mielchen, Stefan (2016): Aufruf zum CSD. Hamburg sucht gezielt schwule und lesbische Pflegeeltern. URL: https://www.queer.de/detail.php?article_id=26749, Abruf am 16.09.2019.

Wir möchten, dass Du bei uns bleibst – Pubertät bei Pflegekindern

Wir möchten, dass Du bei uns bleibst – Pubertät bei Pflegekindern

Die Pubertät bei Pflegekindern kann sich intensiv auf das gesamte Familienleben auswirken. Das wissen auch die Pflegeeltern Claudia und Georg Beer, die mit ihrem Pflegesohn in Hessen leben.  Von Pamela Premm

Als Claudia und Georg Beer ihren Pflegesohn zum ersten Mal sehen, wollen sie ihn am liebsten sofort mitnehmen. Sein gewinnendes Wesen, seine herzliche und kommunikative Art bezaubert alle Familienmitglieder. Selbst die leibliche Tochter, die zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt ist, zeigt sich entzückt vom Dreieinhalbjährigen. Sie entscheiden sich, Colin bei sich aufzunehmen. Doch bald merkt die Familie, dass alles anders kommen wird als geplant.

Colin nimmt Raum ein

Schon die Übergangsfamilie hatte angedeutet, dass Colin kein einfaches Wesen hat. Oft wird er aggressiv. Die Familie will sich allerdings erst einmal selbst ein Bild von ihm machen. „Er kann sich gut verkaufen und hat uns sofort für sich eingenommen“, sagt die gelernte Kinderkrankenschwester über ihren Pflegesohn. „Über Nacht haben wir uns für Colin entschieden.“ Die zukünftige Pflegefamilie schickt ihm ein Buch mit Fotos von seinem neuen Zuhause. Die Tochter freut sich auf ihren kleinen Bruder. Doch schon in der Anfangszeit zeigt sich das wahre Päckchen, das Colin mit sich herumschleppt. „Kaum bei uns eingezogen, nahm er viel Raum ein. Er benötigte unglaublich viel Zuwendung und wollte immer und überall dabei sein“, sagt Pflegevater Georg heute. Für Tochter Lisa keine einfache Zeit. „Sie fühlte sich zurückgedrängt.“ Die Pflegeeltern versuchen ihm den Raum zu geben, sprechen viel mit der Tochter und erklären ihr die Gründe für sein Verhalten.

Mit der Aufgabe wachsen

Zu diesem Zeitpunkt wusste die Familie noch nicht, welch steiniger Weg vor ihr liegen würde. „Wir haben ihm den Raum gegeben, wir wussten, dass er großen Nachholbedarf hatte. Aber es kostete viel Zeit, bis er seinen Platz in der Familie gefunden hatte“, erklärt der Pflegevater. Fortbildungen und Superversionen helfen der Familie, sich der neuen Aufgabe zu stellen und die Hintergründe besser zu verstehen. „Im Vorfeld haben wir viele Gespräche mit dem St. Elisabeth-Verein geführt und uns Gedanken gemacht, wie es mit einem Pflegekind sein wird. Allerdings fühlt es sich in der konkreten Situation anders an. Die persönliche Bindung verändert die Perspektive. Emotionen kommen hinzu. Letztendlich kann man nur in die Aufgabe hineinwachsen“, sagt der gelernte Erzieher.

Mit der Pubertät gerät das Familienleben ins Wanken

Mit Beginn der Pubertät intensivieren sich Colins Verhaltensweisen. Es beginnt ein Wechselbad der Gefühle. Wie häufig in der Pubertät bei Pflegekindern wechseln sich gute Entwicklungsfortschritte mit schwierigen Momenten ab. In der Schule wird Colin auffällig. Absprachen kann er nicht einhalten, Regeln nicht akzeptieren. Schon als kleines Kind handelt er oft selbst bestimmt. Doch jetzt überschreitet er zunehmend Grenzen. „Zu Hause gab es ständig Zoff, wir fühlten uns überfordert“, sagt die Pflegemutter. Typische Konfliktfelder tun sich auf: der Medienkonsum, das Annehmen von Regeln für ein gemeinschaftliches Zusammenleben. Nur, dass mit Colin alles viel extremer ist.

„Wir wussten nicht, ob wir ihm vertrauen können. Lügt er, sagt er die Wahrheit? Irgendwann ging es nicht mehr weiter“, erklären die Pflegeeltern. Colin ist nicht mehr beschulbar. Gemeinsam mit Schule, Vormund und Tageseinrichtung beschließen die Pflegeeltern, dass Colin in eine Klinik geht. „Wir brauchten eine Diagnose, irgendeinen Ansatzpunkt“, sagt Claudia. „Wir wollten wissen, wie wir ihn besser unterstützen können.“

Sich bewusst füreinander entscheiden!

ADHS und Bindungsstörung lautet die Diagnose. Eine Wohngruppe ist eine Option. Doch dann kommt es zu einem Wendepunkt in Colins Leben. „Während der viermonatigen Therapie hatte ich viel Zeit zu reflektieren“, sagt der heute 16-jährige. „Mir wurde klar, dass ich doch eigentlich gar nicht weg wollte von meinen Pflegeeltern.“ Für die Pflegeeltern ein wichtiges Signal. „Uns hat das viel bedeutet. Wir sagten ihm, dass wir auch möchten, dass er bei uns bleibt.“ Colin und seine Pflegeltern entscheiden sich füreinander, für ein gemeinsames Familienleben. Es ist eine Entscheidung, die beide Seiten bewusst treffen. Dieser Entschluss verändert das Familienleben. Colin kommt zurück und es läuft besser als zuvor. Er wird medikamentös behandelt. Die Pflegemutter geht frühzeitig in Rente. Dadurch lässt auch das Gefühl der ständigen Überforderung nach.

Wir wünschen uns, dass er ein eigenständiges Leben führen kann

Die Zeichen für Colins Zukunft stehen gut: Colin ist zunehmend in der Lage, seine kommunikativen Qualitäten einzusetzen. Auf Freizeiten für Pflegekinder hat er einen guten Draht zu den Teamern, durch sein offenes Wesen und soziales Engagement wird er zum Schulsprecher, absolviert seinen qualifizierten Hauptschulabschluss. Auf einer Berufsfachschule will er nun seine mittlere Reife machen. Einen Beruf mit sozialer Ausrichtung könnte er sich vorstellen. Vielleicht Erzieher oder Polizist. Letztendlich wünschen sich die Eltern, dass Colin irgendwann ein selbstständiges, gutes Leben führen kann.

Die eigenen Wurzeln finden…

Pflegeeltern sind Optimisten

Die Frage nach seinen Wurzeln beschäftigt den Jugendlichen wie viele Pflegekinder in der Pubertät. Zu seinen leiblichen Eltern hat Colin keinen Kontakt. Seine Mutter ist vor einigen Jahren verstorben, der Vater außer Landes. Die Pflegeeltern wollen versuchen, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Zu seiner Halbschwester, die ebenfalls in einer Pflegefamilie aufwächst, besteht ein enges Verhältnis. Die Pflegschaft abzubrechen, kam für die Familie nie wirklich infrage. „Wir haben oft übergelegt, was wir tun würden, wenn dies unser leibliches Kind wäre. Dann hätten wir es auch nicht aufgegeben“, sagt Georg. Die Pubertät bei Pflegekindern kann Familien in die Krise stürzen. Wichtig sei, dass man sich Unterstützung holt. Es braucht Menschen an der Seite der Pflegeeltern, die Verständnis aufbringen. Die Familie empfiehlt, eine Organisation einzubinden. „Man glaubt vorher nicht, welche Dynamik das Verhalten eines Pflegekindes aufnehmen kann.“

Viel Verständnis hat Colin auch heute noch nicht für die Entscheidungen seiner Eltern – nicht untypisch für einen Jugendlichen in seinem Alter. „Es sind immer wieder Kleinigkeiten, über die sich meine Pflegeltern aufregen.“ Die Entscheidungen der Eltern sind nicht immer im Sinne der Kinder. Handynutzung, der Wunsch nach einem Motorradführerschein und der Vergleich mit anderen Jugendlichen liefern Zündstoff für Diskussionen. Die Pflegeltern akzeptieren das. Das Zusammenleben mit Colin hat auch neue Sichtweisen eröffnet.

„Wir können unsere Kinder nicht nach unserem Willen formen. Wir können sie nur begleiten und ihnen Wege aufzeigen“, sagen die Pflegeltern. „In erster Linie geht es darum, sein Pflegekind mit all seinen Stärken und Schwächen zu akzeptieren. Wer glaubt einen Menschen grundlegend verändern zu können, gibt sich einer Illusion hin.“

Sie haben Interesse, Pflegekindern eine Perspektive zu schenken und neue Wege aufzuzeigen? Dann melden Sie sich gerne bei uns.

Pflegeväter gemeinsam unterwegs

Pflegeväter gemeinsam unterwegs

Vom Zündeln zum Kräuterzaubertrank

Der Fachbereich Pflegefamilien vom St. Elisabeth-Verein e.V. lud seine Pflegeväter zum dreizehnten Väterwochenende ein. 28 Männer fanden den Weg nach Oberorke in der Nähe vom Edersee. Über die Jahre hat sich diese gute Tradition etabliert und so gibt es einen Kern von Wiederholungstätern, die sich jedes Jahr über neue Gesichter freuen können. So ist über die Jahre die Teilnehmendenzahl kontinuierlich gestiegen.

Mit diesem Wochenende sagen wir als Träger „Danke“ für das Engagement für unsere Kinder und Jugendlichen in den Pflegefamilien.

Kräuterwanderung und Feuerworkshop

Diesmal organisierte Steffen Henkel (Fachberatung) das Rahmenprogramm. Zuerst begleitete Frau Annette Schneider die Väter auf einer informativen Kräuterwanderung entlang der Orke. So konnten wir allerlei über Kräuter und die verborgenen Schätze der Natur erfahren. Zum Beispiel sammelten wir wilden Rettich und stellten daraus einen Rettichfrischkäse her. Außerdem wurde ein Kräuterzaubertrank aus gepflückten Wiesenkräutern hergestellt, der den Männern die Schuhe auszog. Doch Bitterstoffe sollen ja bekanntlich gut sein.

Später lernten wir dann, wie Feuermachen ohne Streichhölzer geht. Dazu hatte der Erlebnispädagoge Jochen Steitz verschiedene Stationen aufgebaut an denen sich alle ausprobieren konnten. Und in der Tat arbeiteten alle gut zusammen, so dass es am Ende mehrere Feuer gab. So konnten Brot und Würstchen auf selbst gemachtem Feuer gebacken bzw. gebraten werden. Die Zeit verging wir im Flug und alle waren vom dem Tag begeistert.

Pflegeväter gemeinsam unterwegs

Intensive Gespräche inklusive

Zwischendurch, bei den Mahlzeiten und an den Abenden gab es vielfältige und oft auch tiefgründige Gespräche über das Leben als Pflegefamilie. Alle würden sich wieder für diese Aufgabe entscheiden.

In der Abschlussrunde am Sonntag gab es nur positive Rückmeldungen – vor allem zu der guten Gemeinschaft zwischen den Pflegevätern. Und Detlef Wirth (Pflegevater) ließ uns in einem speziellen Beitrag an seiner Pilgerreise teilhaben. Dabei begeisterten ihn vor allem die am Wegesrand aufgeschichteten „Steinmännchen“, die den Pilgern den Weg weisen. Und er schenkte allen Pflegevätern ihr ganz persönliches „Steinmännchen“ als Wegweiser für ihr Leben als Pflegevater.

So freuen wir uns alle auf das nächste Väterwochenende.

Möchten auch Sie Teil dieser wundervollen Gemeinschaft werden, können Sie sich unter www.pflegefamilien-hessen.de informieren oder hier direkt Kontakt mit uns aufnehmen.

Was Pflegekinder brauchen

Was Pflegekinder brauchen

Was Pflegekinder brauchen? Liebe und das Gefühl, dazuzugehören

Von Pamela Premm

Fünf Kinder in einer Familie – zwei leibliche und drei Pflegekinder: Mit dieser Unterscheidung kann Hannah Schumann* nicht viel anfangen. Ebenso wie mit der Differenzierung zwischen Kernfamilie und Pflegekinder. „Wir behandeln unsere fünf Kinder alle gleich. Wie müssten sich unsere Pflegekinder fühlen, wenn sie nicht so richtig zu unserer Familie gehören würden? Das könnte ich ihnen niemals antun.“ Im Gespräch mit Pflegefamilien-Hessen erzählt die 35-jährige, was Pflegekinder brauchen und warum sie ihre Pflegekinder wie ihre eigenen Kinder behandelt.

Unsere Pflegekinder haben keine Sonderrolle

Die Pflegekinder der Familie Schumann wachsen ganz normal auf – mit Geschwistern, Oma, Opa und Freunden. In der Familie nehmen sie keine Sonderrolle ein. Sie haben keinen Integrationsplatz im Kindergarten und Therapien werden nur behutsam eingesetzt. „Sicher muss man die Entwicklung des Kindes im Blick behalten, aber man sollte es auch nicht übertreiben. Wir möchten nicht, dass unsere Pflegekinder per se stigmatisiert werden, daher lassen wir sie so natürlich wie möglich aufwachsen.“ Damit das gelingt, hat die Familie auch beim Alter der Pflegekinder auf die übliche Reihenfolge geachtet. „Als wir uns für Pflegekinder entschieden haben, hatten wir bereits zwei Kinder im Alter von drei und vier Jahren. Uns war es wichtig, dass die natürliche Reihenfolge beibehalten wird und haben uns daher um ein Pflegekind im Babyalter beworben.“ Aus dem Wunsch, ein Pflegekind aufzunehmen, wurden am Ende zwei Mädchen und ein Junge. Dabei stand lange Zeit gar nicht fest, ob die Familie überhaupt ein Pflegekind aufnehmen wird.

Könnten wir ein Pflegekind lieben?

„Für mich stand schon früh fest, dass ich einmal Pflegekinder haben werde“, sagt Schumann.  „Mein Mann war sich da nicht sicher.“ Immer wieder zweifelte der gelernte Krankenpfleger daran, ob er je ein Pflegekind so lieben könnte wie sein eigenes.Was Pflegekinder brauchen „Für uns beide war das aber Bedingung.“ Die Unsicherheit hielt lange Zeit an, bis es zu einem besonderen Erlebnis kommt. „Mein Mann hat zu der Zeit auf der Kinderkrebsstation gearbeitet. Dort lernte er ein kleines Mädchen kennen, das in Obhut gegeben werden sollte. Als er das Kind sah, war es um ihn geschehen.“ Das Mädchen wurde zwar anderweitig vermittelt, aber der Entschluss, ein Pflegekind aufzunehmen, war gefallen.

Die Familie hatte Vorbehalte

Habt ihr euch das auch wirklich gut überlegt? Und was ist später in der Pubertät? Welchen Einfluss wird das auf eure leiblichen Kinder haben? Die Familie reagierte erst einmal skeptisch. „Wir haben uns darüber gar keine großen Gedanken gemacht. Unsere Kinder haben so positiv reagiert und sich auf ihr Geschwisterchen gefreut. Wenn man ein Baby bekommt, denkt man ja auch nicht an die Pubertät.“ All die Skepsis löste sich in Wohlgefallen auf. Der selbstverständliche Umgang der Kinder mit den Pflegekindern machte es einfach. „Ich glaube, Vieles ist Kopfsache. Erwachsene sind dabei oft komplizierter als Kinder.“

Du wirst so geliebt, wie Du bist

Eine Unterscheidung zwischen der Kernfamilie und den Pflegekindern sieht Familie Schumann kritisch. „Wenn ich ein Kind aufnehme, weiß ich doch, dass es eine grausame Vorgeschichte hat und viele schlimme Dinge erlebt hat.“ Pflegekinder, die in einem engen Familiensystem leben, sollten sich angenommen und geliebt fühlen. Damit das Seelische nicht auf der Strecke bleibt, bedarf es mehr als nur eine Grundversorgung. „Ganz viel Liebe ist das, was Pflegekinder brauchen, sich angenommen fühlen, selbst wenn es mal anstrengend wird. Auch die leiblichen Kinder sind mitunter anstrengend und zeigen manchmal Wesenszüge, von denen wir nicht wissen, wo sie herkommen. Trotzdem würde man sie ja nicht ausgrenzen. Ausgrenzung ist das schlimmste, was Pflegekindern widerfahren kann.“ Bei Familie Schumann ist die Familienplanung erst einmal abgeschlossen. „Wir wollen unsere Kinder auf ihren Wegen begleiten und sie auf das Leben vorbereiten. Wir können ihnen nur die Dinge mitgeben, die sie brauchen, um im Leben klar zu kommen. Was sie daraus machen, liegt ganz bei ihnen.“ 

Für manche Pflegekinder ist Familie schwierig

Während sich die Pflegekinder der Familie Schumann rundum geliebt fühlen, kann es für manche auch zu viel werden. „Es gibt Ausnahmesituationen, da sind Pflegekinder in einer Heimeinrichtung besser aufgehoben“, räumt die ausgebildete Erzieherin ein, die jahrelang selbst in der Jugendhilfe tätig war. Vor allem ältere, stark traumatisierte Pflegekinder können Familie oft nicht aushalten und wissen nicht, wie sie in bestimmten Situationen reagieren sollen. „In einer Pflegekindereinrichtung sind die Rollen klar verteilt. Das kann Pflegekindern helfen, ihre Position zu finden.“

Wenn ein Pflegekind mit traumatischen Erlebnissen erst spät in die Familie kommt, ganze Strukturen sprengt und es beiden Seiten nicht gut dabei geht, sollte man über eine vorübergehende Unterbringung im Heim oder in einer therapeutischen Einrichtung nachdenken, bis sich die Situation entspannt hat und das Kind im besten Fall zurückkehren kann. „Das bringt Entlastung für die Familien.“ Sind die Kinder allerdings schon im Kleinkindalter in die Pflegefamilie eingezogen, sollte es keinen Rückzug seitens der Pflegeeltern geben. „Ein Kind kann doch gar nicht verstehen, was mit ihm geschieht. Es sollte seinen Platz in der Familie sicher wissen.“

Mehr Klarheit für Pflegefamilien

Wie viele andere Pflegefamilien wünschen sich auch die Schumanns mehr Klarheit über den Verbleib eines Pflegekindes und das zu einem möglichst frühen Zeitpunkt. „Bis in Deutschland ein Kind aus einer Familie genommen wird, müssen viele schlimme Dinge passiert sein. Die Eltern sind oft krank oder haben selbst keine gute Kindheit gehabt. Die wenigsten können ihr Leben dauerhaft so in den Griff bekommen, dass ein Kind bei ihnen leben könnte.“

Hier wünscht sich die Familie, dass ein dauerhafter Verbleib in der Pflegefamilie schneller durchgesetzt wird.  Die oftmals unbegründete Angst, das geliebte Pflegekind wieder abgeben zu müssen, sorgt für Unruhe und schwingt über Jahre in den Familien mit. „Das ist völlig unnötig.“ Doch auch die leiblichen Eltern haben Ängste, sorgen sich um ihre Kinder. „Das sollte man nie vergessen“, sagt Schumann. „Der leibliche Vater unserer großen Pflegetochter konnte uns erst vertrauen, als er merkte, dass Elisa ganz zu unserer Familie gehört. Seine größte Angst war, dass sie als Pflegekind aufwachsen würde.“

Möchten Sie auch Pflegefamilie werden, dann melden Sie sich über unser Kontaktformular. Auch Sie können lernen was Pflegekinder brauchen.

*Namen von der Redaktion geändert

Kinder mit FASD in Pflegefamilien

Kinder mit FASD in Pflegefamilien

Hören Sie in unserer zweiten Podcast Folge ein Interview mit Gisela Michalowski, Vorsitzende von FASD Deutschland e.V. zum Thema „Kinder mit FASD in Pflegefamilien“. Sie spricht mit uns über Kinder und Jugendliche mit FASD. Für Pflegefamilien hat sie den ein oder anderen Tipp parat. Und von der Politik fordert sie die Gefahren von Alkohol in der Schwangerschaft noch deutlicher zu kennzeichnen.

Hören Sie gerne rein…

Möchten auch Sie sich als Pflegefamilien im Bereich FASD fortbilden lassen, dann finden Sie unter Pflegefamilien Akademie das richtige Angebot.


Gisela Michalowski ist seit 2005 Vorsitzende von FASD Deutschland e.V.
Die Dipl. Sozialpädagogin ist verheiratet, hat 4 erwachsene leibliche Kinder und ist Adoptivmutter, Pflegemutter sowie Erziehungsstelle von 4 Kindern mit FASD. Sie koordiniert die politische Arbeit des Vereins und die Zusammenarbeit mit Institutionen, anderen Verbänden und freien Trägern. Gisela Michalowski organisiert und gestaltet Fortbildungen und Tagungen. Sie pflegt für den Verein nationale und internationale Kontakte. Als Vorsitzende trägt sie die Gesamtverantwortung für Veröffentlichungen und Publikationen.

Entspannte Pflegefamilien durch Phantasiereisen für Kinder

Entspannte Pflegefamilien durch Phantasiereisen für Kinder

Von Pamela Premm

Eintauchen in eine Welt voller Zuckerwatte, gemütlich durch die Luft schweben oder gleich bis zum Mond fliegen – Phantasiereisen für Kinder sorgen für Entspannung. Pflegekinder, die im Spagat zwischen der Herkunfts- und Pflegefamilie leben, können durch Phantasiereisen ihr inneres Gleichgewicht zurückfinden und gezielt Stress abbauen. Über Imaginationen können sich Pflegefamilien auch bewusst mit Alltagsthemen auseinandersetzen. Das ermöglicht Pflegeeltern mit ihren Pflegekindern ins Gespräch zu kommen. Pflegefamilien-Hessen gibt Tipps, worauf Familie bei Phantasiereisen für Kinder achten sollten.

Phantasiereisen mit Kindern aktiv gestalten

Monika Schilling ist Pflegemutter von vier Pflegekindern und berichtet gern von den Gedankenausflügen mit ihren Kindern. Für sie und ihre Kinder sind Phantasiereisen ein vertrautes, liebgewonnenes Ritual, das den gegenseitigen Austausch und den Familienzusammenhalt fördert. „Wir stellen uns z. B. vor, wie der nächste gemeinsame Urlaub aussehen könnte. Dabei lassen wir unsere Gedanken frei. Jeder darf seinen Urlaub so beschreiben, wie er ihn gerne hätte – egal, ob die Reise ans Meer, an den See oder auf den Camping-Platz führt. Meistens mischen sich vergangene Urlaubserlebnisse mit neuen Ideen“, erklärt die diplomierte Sozialpädagogin.

„Wenn wir all unsere Vorstellungen gesammelt haben, entwickeln wir daraus einen Aktionsplan, den wir dann in die Realität umsetzen.“

Für die Kinderbuchautorin war es wichtig, mit ihren Pflegekindern regelmäßig in den Austausch zu treten, die Sprachentwicklung und die Beziehungsebene zu fördern. „Über Phantasiereisen setzen wir uns mit Alltags- und Gesellschaftsthemen auseinander. Wir arbeiten auch kritische Themen auf und versuchen uns dabei, in die Lage und Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen. Das hilft den Pflegekindern, die eigene Situation besser zu verstehen.“ In den täglichen Abendrunden werden unter anderem Gewaltthemen besprochen. „Gewaltvorstellungen gehören zum Päckchen, das Pflegekinder mit sich tragen. Phantasiereisen helfen uns dabei, diese traumatischen Erfahrungen aufzuarbeiten.“ Themen bearbeiten, Geschichten besprechen, sich etwas vorstellen: Familie Schilling setzt Phantasiereisen gezielt ein, um den Familienalltag aktiv zu gestalten. Sie können aber auch passiver Natur sein.

Phantasiereisen für entspannte Pflegefamilien

Während Familie Schilling Phantasiereisen nutzt, um Empathie, Sprache und Kreativität zu fördern, können sie auch als Entspannungstechnik eingesetzt werden. Als Basis dient eine beruhigende Geschichte, die Eltern ihren Kindern vorlesen. Bei einer Phantasiereise tauchen die Kinder meist in eine ruhige Phantasiewelt ab, in der sich enge Regeln und Grenzen auflösen. Die Geschichte arbeitet mit anschaulichen Bildern und Visualisierungen und nimmt die Kinder mit auf eine Reise in eine andere Welt. Wer sich auf Phantasiereisen begibt, folgt den Bildern, die vor dem geistigen Auge entstehen. Die Geschichten sind so aufgebaut, dass sie alle Sinne ansprechen: Die Kinder können das Beschriebene hören, fühlen, schmecken, riechen und sehen. Auf diese Weise können selbst aufgedrehte Pflegekinder leichter entspannen, loslassen, Stress und Ängste abbauen sowie die eigene Konzentrationsfähigkeit stärken.

Besuchskontakte von Pflegekindern zu den leiblichen Eltern
© Konstantin Yuganov-mozZz – Fotolia.com

Tipps für Phantasiereisen mit Pflegekindern

Phantasiereisen sollten immer gleich ablaufen, damit sich Pflegekinder darauf einstellen können, dass jetzt eine Phase der Entspannung beginnt. Dabei lassen sich Phantasiereisen für Kinder in drei Phasen einteilen.

1) Die Vorbereitungsphase: eine angenehme Atmosphäre schaffen

Der Alltag ist häufig stressig, laut und hektisch. Um sich entspannt auf Phantasiereise begeben zu können, sollten Pflegeeltern eine ruhige Atmosphäre schaffen. Die Konzentration gehört ganz der Geschichte, die erzählt wird. Handys, Fernseher und andere Geräuschquellen werden solang abgestellt. Pflegeeltern sollten Gegenstände, die ablenken und die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich ziehen, in dieser Zeit wegräumen. Vor Beginn der Phantasiereisen kommen alle Beteiligten zur Ruhe. Eltern sollten ihre Kinder dazu animieren, ruhig zu atmen, sich bequem hinzulegen und die Augen zu schließen.

2) Die Entspannungsphase: der Geschichte lauschen

Während der Phantasiereisen mit Kindern bleibt der Alltag draußen. Die Pflegeeltern sollten sich ganz bewusst der Geschichte widmen und sich für die gemeinsame Traumreise Zeit nehmen. Alle anderen Aufgaben müssen und dürfen in dieser Zeit liegen bleiben. Wenn Eltern die Traumgeschichte selbst vorlesen, sollten sie dabei langsam und ruhig vorgehen. Wenn sie langsam vorlesen und die Visualisierungen betonen, können Kinder mit ihren Gedanken besser an den Ort der Geschichte reisen, Gefühle spüren und Bilder entwickeln.

3) Die Rückkehrphase: den Gefühlen auf der Spur

Nach der Phantasiereise müssen Kinder wieder in die Realität zurückgeholt werden – körperlich und geistig. Sie dürfen sich räkeln und strecken und die Energie zurückkehren lassen. Anstelle des Abenteuers in die bunte Phantasiewelt tritt fester Boden. Dabei eignen sich Phantasiereisen als Ausgangspunkt, um mit den Kindern anschließend über Gefühle und Erlebnisse zu sprechen. Durch kreative Arbeit wie Kneten oder Malen können sich Kinder kreativ mit den gefühlten Emotionen auseinandersetzen.

Mehr Empathie durch Phantasiereisen

Übrigens: Im Pflegekind-Bereich werden Phantasiereisen noch zu einem ganz anderen Zweck eingesetzt. So kann es sein, dass sich zukünftige Pflegeeltern selbst auf Phantasiereise begeben, um sich vorzustellen, aus welcher Situation heraus, sie ihre Kinder in Obhut geben würden. Was müsste passieren, dass sie für ihre Kinder nicht mehr Sorgen könnten? Was würden sie von der zukünftigen Pflegefamilie erwarten? Wie stellen sie sich den Kontakt zur Pflegefamilie vor? Dadurch, dass sich zukünftige Pflegeeltern in die Notlage der leiblichen Eltern hineinversetzen, können sie leichter Verständnis für die Reaktionen der Herkunftsfamilie aufbringen.

Drei Empfehlungen für kindgerechte Phantasie- und Traumreisen

Phantasiereisen für Kinder gibt es zum Vorlesen oder als Hörspiel. Hier finden Sie einige Empfehlungen:

Babuba und die Mondlinge – Phantasiereisen zum Entspannen und Einschlafen

Fantasiereisen für Frühling, Sommer, Herbst und Winter von Anne Katrin Müller – für Kinder von 4 bis 7 Jahren

Fantasiereisen für Kinder. Entspannung für Tag und Nacht

Wollen Sie Pflegefamilie werden, dann genügt die Kontaktaufnahme unter folgendem Link:http://www.pflegefamilien-hessen.de/kontakt