Wir möchten, dass Du bei uns bleibst – Pubertät bei Pflegekindern

Wir möchten, dass Du bei uns bleibst – Pubertät bei Pflegekindern

Die Pubertät bei Pflegekindern kann sich intensiv auf das gesamte Familienleben auswirken. Das wissen auch die Pflegeeltern Claudia und Georg Beer, die mit ihrem Pflegesohn in Hessen leben.  Von Pamela Premm

Als Claudia und Georg Beer ihren Pflegesohn zum ersten Mal sehen, wollen sie ihn am liebsten sofort mitnehmen. Sein gewinnendes Wesen, seine herzliche und kommunikative Art bezaubert alle Familienmitglieder. Selbst die leibliche Tochter, die zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt ist, zeigt sich entzückt vom Dreieinhalbjährigen. Sie entscheiden sich, Colin bei sich aufzunehmen. Doch bald merkt die Familie, dass alles anders kommen wird als geplant.

Colin nimmt Raum ein

Schon die Übergangsfamilie hatte angedeutet, dass Colin kein einfaches Wesen hat. Oft wird er aggressiv. Die Familie will sich allerdings erst einmal selbst ein Bild von ihm machen. „Er kann sich gut verkaufen und hat uns sofort für sich eingenommen“, sagt die gelernte Kinderkrankenschwester über ihren Pflegesohn. „Über Nacht haben wir uns für Colin entschieden.“ Die zukünftige Pflegefamilie schickt ihm ein Buch mit Fotos von seinem neuen Zuhause. Die Tochter freut sich auf ihren kleinen Bruder. Doch schon in der Anfangszeit zeigt sich das wahre Päckchen, das Colin mit sich herumschleppt. „Kaum bei uns eingezogen, nahm er viel Raum ein. Er benötigte unglaublich viel Zuwendung und wollte immer und überall dabei sein“, sagt Pflegevater Georg heute. Für Tochter Lisa keine einfache Zeit. „Sie fühlte sich zurückgedrängt.“ Die Pflegeeltern versuchen ihm den Raum zu geben, sprechen viel mit der Tochter und erklären ihr die Gründe für sein Verhalten.

Mit der Aufgabe wachsen

Zu diesem Zeitpunkt wusste die Familie noch nicht, welch steiniger Weg vor ihr liegen würde. „Wir haben ihm den Raum gegeben, wir wussten, dass er großen Nachholbedarf hatte. Aber es kostete viel Zeit, bis er seinen Platz in der Familie gefunden hatte“, erklärt der Pflegevater. Fortbildungen und Superversionen helfen der Familie, sich der neuen Aufgabe zu stellen und die Hintergründe besser zu verstehen. „Im Vorfeld haben wir viele Gespräche mit dem St. Elisabeth-Verein geführt und uns Gedanken gemacht, wie es mit einem Pflegekind sein wird. Allerdings fühlt es sich in der konkreten Situation anders an. Die persönliche Bindung verändert die Perspektive. Emotionen kommen hinzu. Letztendlich kann man nur in die Aufgabe hineinwachsen“, sagt der gelernte Erzieher.

Mit der Pubertät gerät das Familienleben ins Wanken

Mit Beginn der Pubertät intensivieren sich Colins Verhaltensweisen. Es beginnt ein Wechselbad der Gefühle. Wie häufig in der Pubertät bei Pflegekindern wechseln sich gute Entwicklungsfortschritte mit schwierigen Momenten ab. In der Schule wird Colin auffällig. Absprachen kann er nicht einhalten, Regeln nicht akzeptieren. Schon als kleines Kind handelt er oft selbst bestimmt. Doch jetzt überschreitet er zunehmend Grenzen. „Zu Hause gab es ständig Zoff, wir fühlten uns überfordert“, sagt die Pflegemutter. Typische Konfliktfelder tun sich auf: der Medienkonsum, das Annehmen von Regeln für ein gemeinschaftliches Zusammenleben. Nur, dass mit Colin alles viel extremer ist.

„Wir wussten nicht, ob wir ihm vertrauen können. Lügt er, sagt er die Wahrheit? Irgendwann ging es nicht mehr weiter“, erklären die Pflegeeltern. Colin ist nicht mehr beschulbar. Gemeinsam mit Schule, Vormund und Tageseinrichtung beschließen die Pflegeeltern, dass Colin in eine Klinik geht. „Wir brauchten eine Diagnose, irgendeinen Ansatzpunkt“, sagt Claudia. „Wir wollten wissen, wie wir ihn besser unterstützen können.“

Sich bewusst füreinander entscheiden!

ADHS und Bindungsstörung lautet die Diagnose. Eine Wohngruppe ist eine Option. Doch dann kommt es zu einem Wendepunkt in Colins Leben. „Während der viermonatigen Therapie hatte ich viel Zeit zu reflektieren“, sagt der heute 16-jährige. „Mir wurde klar, dass ich doch eigentlich gar nicht weg wollte von meinen Pflegeeltern.“ Für die Pflegeeltern ein wichtiges Signal. „Uns hat das viel bedeutet. Wir sagten ihm, dass wir auch möchten, dass er bei uns bleibt.“ Colin und seine Pflegeltern entscheiden sich füreinander, für ein gemeinsames Familienleben. Es ist eine Entscheidung, die beide Seiten bewusst treffen. Dieser Entschluss verändert das Familienleben. Colin kommt zurück und es läuft besser als zuvor. Er wird medikamentös behandelt. Die Pflegemutter geht frühzeitig in Rente. Dadurch lässt auch das Gefühl der ständigen Überforderung nach.

Wir wünschen uns, dass er ein eigenständiges Leben führen kann

Die Zeichen für Colins Zukunft stehen gut: Colin ist zunehmend in der Lage, seine kommunikativen Qualitäten einzusetzen. Auf Freizeiten für Pflegekinder hat er einen guten Draht zu den Teamern, durch sein offenes Wesen und soziales Engagement wird er zum Schulsprecher, absolviert seinen qualifizierten Hauptschulabschluss. Auf einer Berufsfachschule will er nun seine mittlere Reife machen. Einen Beruf mit sozialer Ausrichtung könnte er sich vorstellen. Vielleicht Erzieher oder Polizist. Letztendlich wünschen sich die Eltern, dass Colin irgendwann ein selbstständiges, gutes Leben führen kann.

Die eigenen Wurzeln finden…

Pflegeeltern sind Optimisten

Die Frage nach seinen Wurzeln beschäftigt den Jugendlichen wie viele Pflegekinder in der Pubertät. Zu seinen leiblichen Eltern hat Colin keinen Kontakt. Seine Mutter ist vor einigen Jahren verstorben, der Vater außer Landes. Die Pflegeeltern wollen versuchen, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Zu seiner Halbschwester, die ebenfalls in einer Pflegefamilie aufwächst, besteht ein enges Verhältnis. Die Pflegschaft abzubrechen, kam für die Familie nie wirklich infrage. „Wir haben oft übergelegt, was wir tun würden, wenn dies unser leibliches Kind wäre. Dann hätten wir es auch nicht aufgegeben“, sagt Georg. Die Pubertät bei Pflegekindern kann Familien in die Krise stürzen. Wichtig sei, dass man sich Unterstützung holt. Es braucht Menschen an der Seite der Pflegeeltern, die Verständnis aufbringen. Die Familie empfiehlt, eine Organisation einzubinden. „Man glaubt vorher nicht, welche Dynamik das Verhalten eines Pflegekindes aufnehmen kann.“

Viel Verständnis hat Colin auch heute noch nicht für die Entscheidungen seiner Eltern – nicht untypisch für einen Jugendlichen in seinem Alter. „Es sind immer wieder Kleinigkeiten, über die sich meine Pflegeltern aufregen.“ Die Entscheidungen der Eltern sind nicht immer im Sinne der Kinder. Handynutzung, der Wunsch nach einem Motorradführerschein und der Vergleich mit anderen Jugendlichen liefern Zündstoff für Diskussionen. Die Pflegeltern akzeptieren das. Das Zusammenleben mit Colin hat auch neue Sichtweisen eröffnet.

„Wir können unsere Kinder nicht nach unserem Willen formen. Wir können sie nur begleiten und ihnen Wege aufzeigen“, sagen die Pflegeltern. „In erster Linie geht es darum, sein Pflegekind mit all seinen Stärken und Schwächen zu akzeptieren. Wer glaubt einen Menschen grundlegend verändern zu können, gibt sich einer Illusion hin.“

Sie haben Interesse, Pflegekindern eine Perspektive zu schenken und neue Wege aufzuzeigen? Dann melden Sie sich gerne bei uns.

Pflegeväter gemeinsam unterwegs

Pflegeväter gemeinsam unterwegs

Vom Zündeln zum Kräuterzaubertrank

Der Fachbereich Pflegefamilien vom St. Elisabeth-Verein e.V. lud seine Pflegeväter zum dreizehnten Väterwochenende ein. 28 Männer fanden den Weg nach Oberorke in der Nähe vom Edersee. Über die Jahre hat sich diese gute Tradition etabliert und so gibt es einen Kern von Wiederholungstätern, die sich jedes Jahr über neue Gesichter freuen können. So ist über die Jahre die Teilnehmendenzahl kontinuierlich gestiegen.

Mit diesem Wochenende sagen wir als Träger „Danke“ für das Engagement für unsere Kinder und Jugendlichen in den Pflegefamilien.

Kräuterwanderung und Feuerworkshop

Diesmal organisierte Steffen Henkel (Fachberatung) das Rahmenprogramm. Zuerst begleitete Frau Annette Schneider die Väter auf einer informativen Kräuterwanderung entlang der Orke. So konnten wir allerlei über Kräuter und die verborgenen Schätze der Natur erfahren. Zum Beispiel sammelten wir wilden Rettich und stellten daraus einen Rettichfrischkäse her. Außerdem wurde ein Kräuterzaubertrank aus gepflückten Wiesenkräutern hergestellt, der den Männern die Schuhe auszog. Doch Bitterstoffe sollen ja bekanntlich gut sein.

Später lernten wir dann, wie Feuermachen ohne Streichhölzer geht. Dazu hatte der Erlebnispädagoge Jochen Steitz verschiedene Stationen aufgebaut an denen sich alle ausprobieren konnten. Und in der Tat arbeiteten alle gut zusammen, so dass es am Ende mehrere Feuer gab. So konnten Brot und Würstchen auf selbst gemachtem Feuer gebacken bzw. gebraten werden. Die Zeit verging wir im Flug und alle waren vom dem Tag begeistert.

Pflegeväter gemeinsam unterwegs

Intensive Gespräche inklusive

Zwischendurch, bei den Mahlzeiten und an den Abenden gab es vielfältige und oft auch tiefgründige Gespräche über das Leben als Pflegefamilie. Alle würden sich wieder für diese Aufgabe entscheiden.

In der Abschlussrunde am Sonntag gab es nur positive Rückmeldungen – vor allem zu der guten Gemeinschaft zwischen den Pflegevätern. Und Detlef Wirth (Pflegevater) ließ uns in einem speziellen Beitrag an seiner Pilgerreise teilhaben. Dabei begeisterten ihn vor allem die am Wegesrand aufgeschichteten „Steinmännchen“, die den Pilgern den Weg weisen. Und er schenkte allen Pflegevätern ihr ganz persönliches „Steinmännchen“ als Wegweiser für ihr Leben als Pflegevater.

So freuen wir uns alle auf das nächste Väterwochenende.

Möchten auch Sie Teil dieser wundervollen Gemeinschaft werden, können Sie sich unter www.pflegefamilien-hessen.de informieren oder hier direkt Kontakt mit uns aufnehmen.

Was Pflegekinder brauchen

Was Pflegekinder brauchen

Was Pflegekinder brauchen? Liebe und das Gefühl, dazuzugehören

Von Pamela Premm

Fünf Kinder in einer Familie – zwei leibliche und drei Pflegekinder: Mit dieser Unterscheidung kann Hannah Schumann* nicht viel anfangen. Ebenso wie mit der Differenzierung zwischen Kernfamilie und Pflegekinder. „Wir behandeln unsere fünf Kinder alle gleich. Wie müssten sich unsere Pflegekinder fühlen, wenn sie nicht so richtig zu unserer Familie gehören würden? Das könnte ich ihnen niemals antun.“ Im Gespräch mit Pflegefamilien-Hessen erzählt die 35-jährige, was Pflegekinder brauchen und warum sie ihre Pflegekinder wie ihre eigenen Kinder behandelt.

Unsere Pflegekinder haben keine Sonderrolle

Die Pflegekinder der Familie Schumann wachsen ganz normal auf – mit Geschwistern, Oma, Opa und Freunden. In der Familie nehmen sie keine Sonderrolle ein. Sie haben keinen Integrationsplatz im Kindergarten und Therapien werden nur behutsam eingesetzt. „Sicher muss man die Entwicklung des Kindes im Blick behalten, aber man sollte es auch nicht übertreiben. Wir möchten nicht, dass unsere Pflegekinder per se stigmatisiert werden, daher lassen wir sie so natürlich wie möglich aufwachsen.“ Damit das gelingt, hat die Familie auch beim Alter der Pflegekinder auf die übliche Reihenfolge geachtet. „Als wir uns für Pflegekinder entschieden haben, hatten wir bereits zwei Kinder im Alter von drei und vier Jahren. Uns war es wichtig, dass die natürliche Reihenfolge beibehalten wird und haben uns daher um ein Pflegekind im Babyalter beworben.“ Aus dem Wunsch, ein Pflegekind aufzunehmen, wurden am Ende zwei Mädchen und ein Junge. Dabei stand lange Zeit gar nicht fest, ob die Familie überhaupt ein Pflegekind aufnehmen wird.

Könnten wir ein Pflegekind lieben?

„Für mich stand schon früh fest, dass ich einmal Pflegekinder haben werde“, sagt Schumann.  „Mein Mann war sich da nicht sicher.“ Immer wieder zweifelte der gelernte Krankenpfleger daran, ob er je ein Pflegekind so lieben könnte wie sein eigenes.Was Pflegekinder brauchen „Für uns beide war das aber Bedingung.“ Die Unsicherheit hielt lange Zeit an, bis es zu einem besonderen Erlebnis kommt. „Mein Mann hat zu der Zeit auf der Kinderkrebsstation gearbeitet. Dort lernte er ein kleines Mädchen kennen, das in Obhut gegeben werden sollte. Als er das Kind sah, war es um ihn geschehen.“ Das Mädchen wurde zwar anderweitig vermittelt, aber der Entschluss, ein Pflegekind aufzunehmen, war gefallen.

Die Familie hatte Vorbehalte

Habt ihr euch das auch wirklich gut überlegt? Und was ist später in der Pubertät? Welchen Einfluss wird das auf eure leiblichen Kinder haben? Die Familie reagierte erst einmal skeptisch. „Wir haben uns darüber gar keine großen Gedanken gemacht. Unsere Kinder haben so positiv reagiert und sich auf ihr Geschwisterchen gefreut. Wenn man ein Baby bekommt, denkt man ja auch nicht an die Pubertät.“ All die Skepsis löste sich in Wohlgefallen auf. Der selbstverständliche Umgang der Kinder mit den Pflegekindern machte es einfach. „Ich glaube, Vieles ist Kopfsache. Erwachsene sind dabei oft komplizierter als Kinder.“

Du wirst so geliebt, wie Du bist

Eine Unterscheidung zwischen der Kernfamilie und den Pflegekindern sieht Familie Schumann kritisch. „Wenn ich ein Kind aufnehme, weiß ich doch, dass es eine grausame Vorgeschichte hat und viele schlimme Dinge erlebt hat.“ Pflegekinder, die in einem engen Familiensystem leben, sollten sich angenommen und geliebt fühlen. Damit das Seelische nicht auf der Strecke bleibt, bedarf es mehr als nur eine Grundversorgung. „Ganz viel Liebe ist das, was Pflegekinder brauchen, sich angenommen fühlen, selbst wenn es mal anstrengend wird. Auch die leiblichen Kinder sind mitunter anstrengend und zeigen manchmal Wesenszüge, von denen wir nicht wissen, wo sie herkommen. Trotzdem würde man sie ja nicht ausgrenzen. Ausgrenzung ist das schlimmste, was Pflegekindern widerfahren kann.“ Bei Familie Schumann ist die Familienplanung erst einmal abgeschlossen. „Wir wollen unsere Kinder auf ihren Wegen begleiten und sie auf das Leben vorbereiten. Wir können ihnen nur die Dinge mitgeben, die sie brauchen, um im Leben klar zu kommen. Was sie daraus machen, liegt ganz bei ihnen.“ 

Für manche Pflegekinder ist Familie schwierig

Während sich die Pflegekinder der Familie Schumann rundum geliebt fühlen, kann es für manche auch zu viel werden. „Es gibt Ausnahmesituationen, da sind Pflegekinder in einer Heimeinrichtung besser aufgehoben“, räumt die ausgebildete Erzieherin ein, die jahrelang selbst in der Jugendhilfe tätig war. Vor allem ältere, stark traumatisierte Pflegekinder können Familie oft nicht aushalten und wissen nicht, wie sie in bestimmten Situationen reagieren sollen. „In einer Pflegekindereinrichtung sind die Rollen klar verteilt. Das kann Pflegekindern helfen, ihre Position zu finden.“

Wenn ein Pflegekind mit traumatischen Erlebnissen erst spät in die Familie kommt, ganze Strukturen sprengt und es beiden Seiten nicht gut dabei geht, sollte man über eine vorübergehende Unterbringung im Heim oder in einer therapeutischen Einrichtung nachdenken, bis sich die Situation entspannt hat und das Kind im besten Fall zurückkehren kann. „Das bringt Entlastung für die Familien.“ Sind die Kinder allerdings schon im Kleinkindalter in die Pflegefamilie eingezogen, sollte es keinen Rückzug seitens der Pflegeeltern geben. „Ein Kind kann doch gar nicht verstehen, was mit ihm geschieht. Es sollte seinen Platz in der Familie sicher wissen.“

Mehr Klarheit für Pflegefamilien

Wie viele andere Pflegefamilien wünschen sich auch die Schumanns mehr Klarheit über den Verbleib eines Pflegekindes und das zu einem möglichst frühen Zeitpunkt. „Bis in Deutschland ein Kind aus einer Familie genommen wird, müssen viele schlimme Dinge passiert sein. Die Eltern sind oft krank oder haben selbst keine gute Kindheit gehabt. Die wenigsten können ihr Leben dauerhaft so in den Griff bekommen, dass ein Kind bei ihnen leben könnte.“

Hier wünscht sich die Familie, dass ein dauerhafter Verbleib in der Pflegefamilie schneller durchgesetzt wird.  Die oftmals unbegründete Angst, das geliebte Pflegekind wieder abgeben zu müssen, sorgt für Unruhe und schwingt über Jahre in den Familien mit. „Das ist völlig unnötig.“ Doch auch die leiblichen Eltern haben Ängste, sorgen sich um ihre Kinder. „Das sollte man nie vergessen“, sagt Schumann. „Der leibliche Vater unserer großen Pflegetochter konnte uns erst vertrauen, als er merkte, dass Elisa ganz zu unserer Familie gehört. Seine größte Angst war, dass sie als Pflegekind aufwachsen würde.“

Möchten Sie auch Pflegefamilie werden, dann melden Sie sich über unser Kontaktformular. Auch Sie können lernen was Pflegekinder brauchen.

*Namen von der Redaktion geändert

Kinder mit FASD in Pflegefamilien

Kinder mit FASD in Pflegefamilien

Hören Sie in unserer zweiten Podcast Folge ein Interview mit Gisela Michalowski, Vorsitzende von FASD Deutschland e.V. zum Thema „Kinder mit FASD in Pflegefamilien“. Sie spricht mit uns über Kinder und Jugendliche mit FASD. Für Pflegefamilien hat sie den ein oder anderen Tipp parat. Und von der Politik fordert sie die Gefahren von Alkohol in der Schwangerschaft noch deutlicher zu kennzeichnen.

Hören Sie gerne rein…

Möchten auch Sie sich als Pflegefamilien im Bereich FASD fortbilden lassen, dann finden Sie unter Pflegefamilien Akademie das richtige Angebot.


Gisela Michalowski ist seit 2005 Vorsitzende von FASD Deutschland e.V.
Die Dipl. Sozialpädagogin ist verheiratet, hat 4 erwachsene leibliche Kinder und ist Adoptivmutter, Pflegemutter sowie Erziehungsstelle von 4 Kindern mit FASD. Sie koordiniert die politische Arbeit des Vereins und die Zusammenarbeit mit Institutionen, anderen Verbänden und freien Trägern. Gisela Michalowski organisiert und gestaltet Fortbildungen und Tagungen. Sie pflegt für den Verein nationale und internationale Kontakte. Als Vorsitzende trägt sie die Gesamtverantwortung für Veröffentlichungen und Publikationen.

Entspannte Pflegefamilien durch Phantasiereisen für Kinder

Entspannte Pflegefamilien durch Phantasiereisen für Kinder

Von Pamela Premm

Eintauchen in eine Welt voller Zuckerwatte, gemütlich durch die Luft schweben oder gleich bis zum Mond fliegen – Phantasiereisen für Kinder sorgen für Entspannung. Pflegekinder, die im Spagat zwischen der Herkunfts- und Pflegefamilie leben, können durch Phantasiereisen ihr inneres Gleichgewicht zurückfinden und gezielt Stress abbauen. Über Imaginationen können sich Pflegefamilien auch bewusst mit Alltagsthemen auseinandersetzen. Das ermöglicht Pflegeeltern mit ihren Pflegekindern ins Gespräch zu kommen. Pflegefamilien-Hessen gibt Tipps, worauf Familie bei Phantasiereisen für Kinder achten sollten.

Phantasiereisen mit Kindern aktiv gestalten

Monika Schilling ist Pflegemutter von vier Pflegekindern und berichtet gern von den Gedankenausflügen mit ihren Kindern. Für sie und ihre Kinder sind Phantasiereisen ein vertrautes, liebgewonnenes Ritual, das den gegenseitigen Austausch und den Familienzusammenhalt fördert. „Wir stellen uns z. B. vor, wie der nächste gemeinsame Urlaub aussehen könnte. Dabei lassen wir unsere Gedanken frei. Jeder darf seinen Urlaub so beschreiben, wie er ihn gerne hätte – egal, ob die Reise ans Meer, an den See oder auf den Camping-Platz führt. Meistens mischen sich vergangene Urlaubserlebnisse mit neuen Ideen“, erklärt die diplomierte Sozialpädagogin.

„Wenn wir all unsere Vorstellungen gesammelt haben, entwickeln wir daraus einen Aktionsplan, den wir dann in die Realität umsetzen.“

Für die Kinderbuchautorin war es wichtig, mit ihren Pflegekindern regelmäßig in den Austausch zu treten, die Sprachentwicklung und die Beziehungsebene zu fördern. „Über Phantasiereisen setzen wir uns mit Alltags- und Gesellschaftsthemen auseinander. Wir arbeiten auch kritische Themen auf und versuchen uns dabei, in die Lage und Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen. Das hilft den Pflegekindern, die eigene Situation besser zu verstehen.“ In den täglichen Abendrunden werden unter anderem Gewaltthemen besprochen. „Gewaltvorstellungen gehören zum Päckchen, das Pflegekinder mit sich tragen. Phantasiereisen helfen uns dabei, diese traumatischen Erfahrungen aufzuarbeiten.“ Themen bearbeiten, Geschichten besprechen, sich etwas vorstellen: Familie Schilling setzt Phantasiereisen gezielt ein, um den Familienalltag aktiv zu gestalten. Sie können aber auch passiver Natur sein.

Phantasiereisen für entspannte Pflegefamilien

Während Familie Schilling Phantasiereisen nutzt, um Empathie, Sprache und Kreativität zu fördern, können sie auch als Entspannungstechnik eingesetzt werden. Als Basis dient eine beruhigende Geschichte, die Eltern ihren Kindern vorlesen. Bei einer Phantasiereise tauchen die Kinder meist in eine ruhige Phantasiewelt ab, in der sich enge Regeln und Grenzen auflösen. Die Geschichte arbeitet mit anschaulichen Bildern und Visualisierungen und nimmt die Kinder mit auf eine Reise in eine andere Welt. Wer sich auf Phantasiereisen begibt, folgt den Bildern, die vor dem geistigen Auge entstehen. Die Geschichten sind so aufgebaut, dass sie alle Sinne ansprechen: Die Kinder können das Beschriebene hören, fühlen, schmecken, riechen und sehen. Auf diese Weise können selbst aufgedrehte Pflegekinder leichter entspannen, loslassen, Stress und Ängste abbauen sowie die eigene Konzentrationsfähigkeit stärken.

Besuchskontakte von Pflegekindern zu den leiblichen Eltern
© Konstantin Yuganov-mozZz – Fotolia.com

Tipps für Phantasiereisen mit Pflegekindern

Phantasiereisen sollten immer gleich ablaufen, damit sich Pflegekinder darauf einstellen können, dass jetzt eine Phase der Entspannung beginnt. Dabei lassen sich Phantasiereisen für Kinder in drei Phasen einteilen.

1) Die Vorbereitungsphase: eine angenehme Atmosphäre schaffen

Der Alltag ist häufig stressig, laut und hektisch. Um sich entspannt auf Phantasiereise begeben zu können, sollten Pflegeeltern eine ruhige Atmosphäre schaffen. Die Konzentration gehört ganz der Geschichte, die erzählt wird. Handys, Fernseher und andere Geräuschquellen werden solang abgestellt. Pflegeeltern sollten Gegenstände, die ablenken und die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich ziehen, in dieser Zeit wegräumen. Vor Beginn der Phantasiereisen kommen alle Beteiligten zur Ruhe. Eltern sollten ihre Kinder dazu animieren, ruhig zu atmen, sich bequem hinzulegen und die Augen zu schließen.

2) Die Entspannungsphase: der Geschichte lauschen

Während der Phantasiereisen mit Kindern bleibt der Alltag draußen. Die Pflegeeltern sollten sich ganz bewusst der Geschichte widmen und sich für die gemeinsame Traumreise Zeit nehmen. Alle anderen Aufgaben müssen und dürfen in dieser Zeit liegen bleiben. Wenn Eltern die Traumgeschichte selbst vorlesen, sollten sie dabei langsam und ruhig vorgehen. Wenn sie langsam vorlesen und die Visualisierungen betonen, können Kinder mit ihren Gedanken besser an den Ort der Geschichte reisen, Gefühle spüren und Bilder entwickeln.

3) Die Rückkehrphase: den Gefühlen auf der Spur

Nach der Phantasiereise müssen Kinder wieder in die Realität zurückgeholt werden – körperlich und geistig. Sie dürfen sich räkeln und strecken und die Energie zurückkehren lassen. Anstelle des Abenteuers in die bunte Phantasiewelt tritt fester Boden. Dabei eignen sich Phantasiereisen als Ausgangspunkt, um mit den Kindern anschließend über Gefühle und Erlebnisse zu sprechen. Durch kreative Arbeit wie Kneten oder Malen können sich Kinder kreativ mit den gefühlten Emotionen auseinandersetzen.

Mehr Empathie durch Phantasiereisen

Übrigens: Im Pflegekind-Bereich werden Phantasiereisen noch zu einem ganz anderen Zweck eingesetzt. So kann es sein, dass sich zukünftige Pflegeeltern selbst auf Phantasiereise begeben, um sich vorzustellen, aus welcher Situation heraus, sie ihre Kinder in Obhut geben würden. Was müsste passieren, dass sie für ihre Kinder nicht mehr Sorgen könnten? Was würden sie von der zukünftigen Pflegefamilie erwarten? Wie stellen sie sich den Kontakt zur Pflegefamilie vor? Dadurch, dass sich zukünftige Pflegeeltern in die Notlage der leiblichen Eltern hineinversetzen, können sie leichter Verständnis für die Reaktionen der Herkunftsfamilie aufbringen.

Drei Empfehlungen für kindgerechte Phantasie- und Traumreisen

Phantasiereisen für Kinder gibt es zum Vorlesen oder als Hörspiel. Hier finden Sie einige Empfehlungen:

Babuba und die Mondlinge – Phantasiereisen zum Entspannen und Einschlafen

Fantasiereisen für Frühling, Sommer, Herbst und Winter von Anne Katrin Müller – für Kinder von 4 bis 7 Jahren

Fantasiereisen für Kinder. Entspannung für Tag und Nacht

Wollen Sie Pflegefamilie werden, dann genügt die Kontaktaufnahme unter folgendem Link:http://www.pflegefamilien-hessen.de/kontakt


Focusing für Pflegefamilien

Focusing für Pflegefamilien

11 Gründe, sich das Interview anzuhören: Was Focusing kann:

Focusing kann Sie unterstützen …

  • innere Stimmigkeit zu erreichen: sich selbst zuhören und bei sich bleiben
  • zu entdecken, was Sie Tag für Tag brauchen und was Ihnen gut tut, damit sich Ihre Lebendigkeit entfalten kann.
  • im „Mich-Selbst-Annehmen“: sich selbst mehr und mehr verstehen und liebevoll annehmen
  • Theorie und Praxis des Veränderungswissens zu erwerben
  • angesichts herausfordernder zwischenmenschlicher Situationen die Fassung zu wahren und den Boden unter den Füßen zu behalten
  • zwischen eigenen und fremden Gefühlen zu unterscheiden: lebendig mit sich selbst und der Umwelt verbunden sein
  • über achtsames Wahrnehmen körperlichen Erlebens persönlich stimmige Lösungsschritte zu entfalten: Denk- und Heilungsschritte zugleich
  • Techniken der inneren Distanzierung, Beruhigung und Begleitung zu erlernen: die eigene Basisstation sein
  • schwierige und konfliktreiche zwischenmenschliche Situationen frischer, versöhnlicher und für beide Seiten zufriedenstellender zu gestalten
  • liebevoll mit „gefühltem Scheitern“ umzugehen und lebensbejahend zu bleiben
  • sich ohne großen Aufwand entspannter und ermutigter zu fühlen

Diese Aspekte verdeutlichen wie wichtig Focusing für Pflegefamilien sein kann. Doch was ist Focusing eigentlich genau?

Was ist Focusing? – Der „Entdecker“:

Prof. Eugene Gendlin wurde 1926 in Wien geboren. Er war Philosoph, Psychologe und Psychotherapeut und fasziniert von dem Sich-Einlassen auf das, was schon gespürt, aber noch nicht gewusst wird. Seine Eltern flohen mit ihm 1938 vor den Nationalsozialisten in die USA. Dort studierte er in Chicago Philosophie und wurde im Verlauf seiner Karriere um Professor für Philosophie und Verhaltenswissenschaften an die Universität Chicago berufen.


Für seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Psychotherapie erhielt er höchste Auszeichnungen. Sein erstes Buch FOCUSING (auf das weitere rund 500 Veröffentlichungen folgen sollten) erschien 1978 und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. In seiner Arbeit verbinden sich empirische Psychotherapieforschung, psychotherapeutische Praxis und Philosophie zu einem Ganzen. Er ist der Entdecker des „Felt Sense“, einer Erlebniskategorie, die heute das Herzstück des Focusing bildet.[1]

Aus dem Blogbeitrag von Esther Schmitt zum Thema: Focusing für Pflegemütter und Pflegeväter


[1] Wenn Sie mehr über die Hintergründe, Haltungen und Axiome von Focusing sowie den Einsatz von Focusing in der Therapie erfahren wollen, dann empfiehlt sich ebenfalls das Buch von Klaus Renn: Magische Momente der Veränderung. (2016)

Wollen Sie auch Focusing lernen. Dannn stöbern Sie doch in unserem Fortbildungsprogramm. Dies finden Sie zum Downloach hier! Wir bieten wieder eine Fortbildung mit Frau Charlotte Rutz an. Über sie können Sie sich hier informieren: Link!