Pflegeväterwochenende 2022

Pflegeväterwochenende 2022

Von alten Köppen, vom Lachen bis der Bauch weh tut und von der Intensität des Pflegefamilienseins.

Pflegeväter live und in Farbe.

Corona bedingt war es nach drei Jahren endlich wieder so weit. Über 20 Pflegeväter trafen sich zum Pflegeväterwochenende 2022. Es begegneten sich viele alte Hasen mit ein paar Jungspunden. Manche waren schon zehnmal oder mehr dabei, andere das erste Mal. Also eine bunte Mischung, die zum Gelingen der drei Tage günstig war.

Die „Neuen“ waren schnell integriert, wie sollte es auch bei Pflegevätern anders sein, sind sie doch echte Integrationsspezialisten. An die Kennenlernrunde schlossen sich beim Abendessen und anschließend im lockeren Beisammensein spannende Gespräche an. Erstaunlich ist es immer wieder, dass alle sagen, wie sehr die Begegnungen ein Gefühl „des nach Hause Kommens“ sind. Dabei ist es fast egal, ob über die Erfahrungen als Pflegevater und die herausfordernden Erlebnisse mit den Pflegekindern gesprochen wird oder schlicht über die besten Tipps für Urlaubsorte mit Kindern oder über die neuesten Sportergebnisse. Alle fühlen sich wohl und erfreuen sich einfach an dem offenen und herzlichen Austausch.

Pflegeväter beim Geocaching

Am Samstag war dann im wahrsten Sinne des Wortes Pfadfindergeist, Kreativität und logisches Denken gefragt. Wir bildeten uns beim gemeinsamen Geocaching weiter und lösten insgesamt 25 Aufgaben, bis wir den Schatz bergen konnten. Geocaching eignet sich hervorragend, um Kindern den Bezug zur Natur, die Fähigkeit zur Orientierung und logisches Denken zu vermitteln. Einige Pflegeväter waren in Sachen „Moderne Schatzsuche“ schon mit ihren Pflegekindern unterwegs. Heutzutage eignet sich schon ein Smartphone mit der passenden App, um sich mit Pflegekindern auf ein echtes Abenteuer zu begeben. Die Pflegeväter auf jeden Fall entwickelten auch jede Menge Ehrgeiz, um als erste Gruppe den Schatz zu bergen.

Pflegeväter beim Geocaching

Pflegeväter sprechen im Podcast über ihr Leben als Pflegeväter

Am Nachmittag gab es dann drei Pflegeväter, Jörg, Kemal und Heinz-Jürgen, die für einen Podcastaufnahme im Podcast „Pflegefamilien Deutschland“ zur Verfügung standen. Allen dreien sei an dieser Stelle noch einmal herzlich für die Bereitschaft gedankt. Wir sprachen live und in Farbe gemeinsam über das „Pflegefamilie sein“ aus Sicht vom Pflegeväter. Es entspann sich unter der Moderation von Bertram schnell ein offenes und tiefsinniges Gespräch, das sehr intensive Eindrücke in das Leben als Pflegefamilie gibt. Auch die ganz persönlichen Wünsche an Pflegeeltern oder Familien, die Pflegeeltern werden wollen, sind sehr eindrücklich. Dies war der erste Podcast nur mit Pflegeväter. 

Pflegeväter beim Podcasten

Fachberatungen im Podcast

Das mitgebrachte Equipment wurde gleich noch für eine zweite Aufnahme eingesetzt. Diesmal waren am Mikrofon Rahma, Dirk und Markus. Durch das Gespräch führte ebenfalls Bertram. Sie alle arbeiten als Fachberatungen im Fachbereich Pflegefamilien. Sie nehmen ihre Zuhörer*innen mit in die Arbeit als Fachberatung im Pflegekinderwesen. Sie berichten über die Herausforderungen, über die berührenden Momente und die Vielfalt ihrer Profession. Ebenfalls hörenswert.

Die entstandenen Episoden „Pflegeväter erzählen vom Pflegefamilien sein“ und „Fachberatungen von Pflegefamilien berichten von ihrer Arbeit“, werden im August und im September zu hören sein.

Am Samstagabend gab es wieder intensiven und herzlichen Austausch in unterschiedlichen Konstellationen.

Pflegeväter im intensiven Austausch

Gemeinsamer Abschluss am Sonntag

Am Sonntag trafen wir uns dann zu einem 2-stündigen Abschluss. Es konnten Fragen gestellt werden, es gab die neusten Informationen aus dem Fachbereich Pflegefamilien und vom St. Elisabeth-Verein e.V., der Pflegevater Dirk unterhielt uns mit einer spannenden und nachdenklichen Geschichte, und die Mitglieder der Vertrauensgruppen (Interessensvertretung aller Pflegefamilien im Fachbereich) berichteten über ihre Arbeit.

Am Ende waren sich alle einig, wir kommen nächstes Jahr wieder. Der Termin wurde gleich vereinbart. Für alle, die sich es schon in den Kalender schreiben wollen. Wir treffen uns vom 02. bis 04.06.2023. Wir freuen uns schon.

Fotos von Markus Brück

Mit Pflegekindern über Krieg sprechen

Mit Pflegekindern über Krieg sprechen

Der folgende Beitrag ist eine Transkription des Podcastes mit Udo Baer mit dem gleichnamigen Titel wie dieser Magazinbeitrag.

Mit Pflegekindern über Krieg sprechen

Bertram Kasper:

Herzlich willkommen zu einer neuen Episode in unserem Podcast Pflegefamilien Deutschland. Heute sprechen wir aus aktuellem Anlass über das Thema „Mit Pflegekindern über Krieg sprechen“. Und dazu begrüße ich heute Udo Baer.

Herzlich willkommen, Herr Baer!

Udo Baer:

Ich grüße Sie auch.

Bertram Kasper:

Sie sind Diplompädagoge und Sie sind Gründer des Pädagogischen Instituts in Berlin. Was ich besonders spannend fand und in dem Zusammenhang haben Sie auch einen Podcast: Sie beschäftigen sich mit dem Thema „Würde“ und sind Vorsitzender der Stiftung „Würde“. In diesem Zusammenhang haben Sie mit Ihrer Frau ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wie Kinder fühlen“.

Zusätzlich sind Sie ein Experte für Trauma und im Besonderen auch für Kriegstrauma.

Udo Baer:

Ja, das reicht mit der Aufzählung.

Bertram Kasper:

Ich habe mir im Vorfeld überlegt, wie geht es mir mit der Situation gerade als Erwachsener?

Wir wollen ja heute über die Situation von Kindern sprechen und im Besonderen eben auch von Pflegekindern, die ja oft ein Trauma mitbringen.

Wir hören so Begriffe wie Zeitenwende im Moment.

Wir können erleben, wie Politiker, wie Robert Habeck so emotional angespannt sind und ambivalent zu den Entscheidungen sind, die im Raum stehen. Für uns alle ist es quasi eine ganz belastende und auch recht unübersehbare Situation. Eine komplexe Situation, die kaum zu beurteilen ist.

Was würden Sie sagen, wie erleben das Kinder aktuell?

Udo Baer:

Mir geht es genauso wie Ihnen und vielen, vielen anderen. Kinder bekommen das alles mit. Die Kinder bekommen mehr mit als wir Erwachsene denken. Kinder spüren insbesondere auch die Spannungen und die Aufregung und die Ängste der Eltern und Pflegeeltern, auch der Erzieherinnen und Lehrerinnen und Lehrer. Sie bekommen Atmosphären mit und wenn sie sich diese nicht erklären können, dann versuchen Kinder oft, ihre Eltern zu retten und ihnen den Kummer und die Sorgen, die sie haben, wegzunehmen. Das schaffen sie natürlich nicht. Und gerade wenn man nicht genau weiß, warum jetzt die Eltern oder die Erwachsenen Kummer, Sorgen haben oder angespannt sind, desto weniger gelingt das den Kindern. Und dann haben sie noch Schuldgefühle und anderes mehr.

Ängste sind sehr häufig Unruhe, Schlafstörungen, manchmal auch Aggressivität oder Rückzug, anderes Essverhalten – all das haben wir beobachtet.

Bertram Kasper:

Das heißt wirklich eine unmittelbare Auswirkung, die sich oft auch dann ja in Gefühlen und auch körperlich bei den Kindern niederschlägt.

Udo Baer:

Ja. Das ist eine ganz leibliche, ganzheitliche Wirkung. Bei den Einen steht das Körperliche im Vordergrund, bei den Anderen das Denken oder Fühlen. Das ist einfach unterschiedlich für jedes Kind. Und das gilt auch für verschiedenste Altersgruppen.

Wir können die Kinder nicht von den Bildern fernhalten.

Ich habe ein Kind begleitet, das hat eine Zeitung gelesen, bzw. gesehen, die auf dem Couchtisch lag. Und da war ein Bild von einer weinenden, verstörten Frau, die vor einem zerbombten Haus stand. Dann kommt die Frage (das Kind war vier Jahre alt) „Warum weint die Frau?“ oder „Papa, was ist Krieg?“ oder „Mama, was ist das?“

Die Kinder hören oft auf dem Schulhof oder in der Kita etwas von anderen Kindern. Und die Älteren, die gucken das natürlich im Internet. Manche werden richtig süchtig danach. Es ist auch ein Ausdruck von Angst, alles mitzukriegen. Wiederum andere tun dann einen auf cool und sagen „klasse Panzer“, aber es ist auch nur ein Ausdruck von Verunsicherung.

Bertram Kasper:

Gerade heute Morgen hatte ich wieder ein Meeting mit Pflegeeltern und die fragen sich, wie viele andere auch, wie sollen sie denn mit ihren Kindern darüber sprechen? Sollen sie überhaupt mit ihnen darüber sprechen? Und das auch gerade vor dem Hintergrund, dass Pflegeeltern von ihren Pflegekindern wissen, dass die traumatisiert sind.

Was würden Sie da für Hinweise geben?

Udo Baer:

Ja, da kann man einiges empfehlen.

Bei Kindern bis zu Ende des zweiten Lebensjahres sollte man nicht drüber sprechen, da sie das nicht verstehen und es auch noch nicht einordnen können. Aber auch diese kleinen Kinder können unter der Atmosphäre leiden, oder unter einer Anspannung, oder unter einer ängstlichen Atmosphäre. Sie brauchen ganz viel Kuscheln, sie brauchen ganz viel Geborgenheit, ganz viel Händchenhalten. Sie brauchen alles, was einer Verunsicherung und Angst entgegenwirkt. Nähe schützt die Kinder.

Im Vorschulalter und bis zu zehn Jahre sollte man Kindern die Tagesschau, oder andere Nachrichten nicht zumuten. Sie können nicht verstehen, dass es 1.000 Kilometer bis Kiew sind. Sie haben nicht dieses Gefühl für Entfernung und von Nähe und Distanz. Trotzdem sollte man mit ihnen darüber reden. Einmal ganz sicher.

Wenn Kinder fragen, sollten wir die Fragen versuchen, so gut es geht, zu beantworten.

Beispiele wären:

„Du kennst es ja auch, dass man sich manchmal streitet. Dann gibt es andere, die setzen sich durch, die wollen alles bestimmen. Die gibt es bei den Politikern auch, oder da kommt man nicht mit Argumenten und gutem Austausch durch, sondern sie wollen dann einen erobern oder einem was wegnehmen.“

An solchen Erfahrungen kann man bei kleineren Kindern im Kita-Alter, ansetzen.

Bei älteren geht das schon ein bisschen differenzierter.

Wenn diese Kinder Informationen haben wollen, empfehle ich vom ZDF „LOGO“. Die machen das gut, die erklären das sehr kindgerecht, gerade so fürs Grundschulalter. Alle Berichte, die ich davon kenne, sind für Kinder ziemlich gut. Bei Kindern, die selber traumatische Erfahrungen haben, ist es besonders schwierig, weil ein Trauma dazu führt, dass die Kinder sehr sensibel [in Bezug] auf Situationen sind, die bedrohlich sind.

Trauma heißt Wunde und eine Wunde ist existenziell bedrohlich, damit sie ein Trauma wird. Wenn die Kinder merken, da ist etwas Bedrohliches, ein Panzer, eine Angst vorm Atomkrieg, Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren haben. Pflegekinder haben alle etwas verloren, ein Stück Geborgenheit, wenn sie es denn je hatten. Die Flüchtlinge haben auch etwas verloren. Sie identifizieren sich dann damit. Das ist auch gut so, dass wir Menschen Mitgefühl haben. Es ist gut, dass sich Kinder und auch Erwachsene mit anderen identifizieren können. Aber die Kehrseite ist, dass nicht nur das Lachen ansteckt, sondern auch das Weinen, der Schrecken und die Ohnmachtsgefühle. Diese Kinder brauchen besonderen Schutz, besondere Zuwendung. Das versuchen die Pflegeeltern sowieso. Aber jetzt in dieser Situation ist es gut darüber zu reden. Es ist gut, weil die Kinder sonst lernen, dass man über Angst oder über schwierige Gefühle nicht reden darf. Sie sollen lernen, sich darüber auszutauschen und zu fragen.  Und das Große Heilige „UND“, nicht das „entweder oder“. „Ja, ich habe auch Angst“. „Ja, mir macht es auch Kummer und wir sind ein ganzes Stück weit weg und wir halten hier ganz viel zusammen, auch die Regierungen. Und ich bin relativ sicher, dass auch Putin Angst hat vor einem Atomkrieg und keinen Selbstmord macht. Und wir helfen den geflüchteten Menschen oder wir spenden usw. also wir… – wir tun etwas“. Das Gegenteil von Ohnmacht ist nicht Macht, sondern machen. Etwas machen.

Bertram Kasper:

Das hat heute eine Pflegemutter in der Runde, die wir hatten, auch gesagt, dass sie mit ihren Kindern zusammen überlegt, was können sie denn jetzt Gutes tun, um diesen Wirksamkeitsaspekt zu betonen. Die Kinder haben dann erstaunlich tolle Ideen, was zu machen ist, hat sie berichtet und die haben ein Zimmer frei. Dann haben sie zusammen überlegt, sie können das Zimmer doch abgeben. Oder sie können etwas spenden für die Menschen, die gerade in Not sind. Und das vermittelt wieder das, was Sie sagen. Weg von der Ohnmacht, hin zu dem Machen.

Udo Baer:

Reden ist wichtig, aber Worte allein reichen da oft nicht. Man muss auch wieder ein Stück behandeln können, also aus der Hilflosigkeit. Die Antwort auf Hilflosigkeit ist helfen, sich selbst und anderen. Und die Antwort auf Ohnmacht ist machen. Die Beispiele sind sehr schön und Kinder haben da tolle Ideen. Man sollte sich wirklich mit den Kindern zusammensetzen und gemeinsam überlegen.

Ich kenne auch eine Schulklasse, die haben ein Anti-Kriegs-Museum gemacht, im Foyer der Schule, und überall ein Bild aufgehängt. Andere haben Flaschen gesammelt und das Geld dann gespendet. Ein kleiner Junge, sechs Jahre alt, hat gesagt „Ich habe nicht mein Lieblingstier gespendet, aber mein zweites Liebstes, für die Kinder“. Also die Kinder haben Mitgefühl und das ist gut so und sie brauchen Sicherheit.

Bertram Kasper:

Genau. Das ist wie bei der Arbeit mit traumatisierten Menschen, dass man eben, so einen sicheren Ort entwickelt. Das meinen Sie ja damit. Wenn Sie von Schutz sprechen und von Nähe und von Geborgenheit, dass es wirklich darum geht, zu verstehen, auch aufseiten der Pflegeeltern oder Eltern. Das Kinder da noch mal ein besonderes Bedürfnis in dieser Zeit haben nach genau diesen Dingen.

Udo Baer:

Ja! Der sichere Ort sind wir Erwachsene, sind die Pflegeeltern, das ist das Wichtigste. Es kann, vielleicht auch ein Zimmer oder ein Möbelstück oder so was sein. Aber das Entscheidende an Sicherheit sind die Beziehungen. Pflegekinder haben ja auch ihre elterlichen Beziehungen verloren. Sie haben Beziehungstrauma, sie haben Beziehungsverluste und deswegen reagieren sie auch sehr stark auf die geflüchteten Menschen und diese Bilder davon. Sie haben auch was verloren und deswegen ist die Sicherheit der Beziehung ganz wichtig und die ist nicht einmal da, sondern die muss immer wieder, jeden Tag neu erfahren werden. Jetzt brauchen sich die Eltern und die Pflegeeltern auch jetzt nicht den Stress machen, „ich muss jetzt jede Minute alles, was gut ist für das Kind tun und darf es nie mehr alleine lassen“. So ist das nicht. Aber die Grundhaltung ist wichtig und die merken Kinder.

Bertram Kasper:

Wir haben heute Morgen auch gesprochen über diese Frage.

Ist es denn gut, wenn ich meine Angst, meine eigene Angst benenne?

Und ich kann von mir sagen, ich habe schon Angst tatsächlich und bin verunsichert, ist es okay, wenn ich das Kindern sage?

Udo Baer:

Ja, das ist okay. Und es braucht das Große UND. Ich sage mal das Große UND in großen Buchstaben. „Ja, ich habe auch Angst UND ich weiß, dass viele zusammenstehen und dafür sorgen werden, dass der Krieg nicht hierherkommt“. „Ich habe auch Sorge UND ich habe auch Zuversicht“. „Ich fühle mich auch hilflos UND wir können helfen“. Das ist beides. Kinder brauchen das Gefühl, dass Eltern, Pflegeeltern, Erwachsene auch in der Schule und überall, dass die wahrhaftig sind. Sie werden oft genug betrogen und belogen, dass sie wahrhaftig sind. Aber die Eltern und Pflegeeltern brauchen nicht alles mitteilen. Aber alles, was sie mitteilen, sollte wahrhaftig sein. Und wenn sie Gefühle haben, dann sollten sie die teilen und dann mit dem großen fetten UND verbinden, dass es auch noch die andere Seite gibt, das Schöne, das Wahre, das Gute, also auch das Feiern und Tanzen, das sie genießen, dass etwas Schönes machen, auch das. Wir sind privilegiert, wir sind nicht in Kiew im Keller. Und wir dürfen trotzdem auch da uns ein gutes Essen bereiten, wie ich gestern Abend gekocht habe und das genießen und ein Schluck Wein dazu trinken oder eine Cola light für die Kinder, also auch das, auch da gilt das Große und Mitgefühl und es uns auch gut gehen lassen, so gut das in diesen Zeiten geht.

Bertram Kasper:

Genau, ich arbeite da gerne mit dem Teile-Modell von dem Schulz von Thun nämlich, dass ein Ich-Anteil von mir, der hat Angst, aber ein anderer Ich-Anteil von mir, der hat Zuversicht oder der kann auch das Schöne genießen. Das meinen Sie ja mit dem UND. Wenn Sie das mit dem UND verbinden, dass ich eben nicht das eine in den Vordergrund stelle, sondern dass ich auch gucke, wie ist denn meine Wahrnehmung ganz differenziert zu der Situation, um dann beide Aspekte oder vielleicht sogar noch einen dritten und vierten in den Raum zu stellen, damit die Kinder eine Chance haben, auch sich zu fokussieren. Eher auf das eine oder auf das andere.

Udo Baer:

Ja, oder auf beides gleichzeitig. Also was da gerade im Vordergrund ist, das wechselt stündlich, täglich. Das geht uns Erwachsenen genauso wie den Kindern. Und die können ausgelassen toben und dann wieder wimmern vor Angst. Das geht beides. Aber dass dieser Wechsel möglich ist, dass Sie nicht in einem Aspekt fest stecken, das ist wichtig. Dass alles erlaubt ist, dass von den Pflegeeltern eine Atmosphäre da ist. Das darf sein. Würdigen, was ist, wie meine Frau immer sagt, und das finde ich einen guten Satz.

Bertram Kasper:

Eine andere Pflegemutter, die hat erzählt, dass ihr siebenjähriges Pflegekind ganz überwältigt und auch fast verstört, mit großer Angst nach Hause gekommen ist, nachdem in der Schule über Krieg gesprochen wurde.

Was würden Sie da empfehlen? Weil wir wissen ja oft nicht, was den Kindern an einer anderen Stelle passiert in der Rolle als Pflegeeltern.

Udo Baer:

Ja, wir wissen es nicht. Und es ist gut, wenn die Pflegemutter mitbekommt, dass das Kind verstört ist. Dann hat er das entweder. Entweder war das Thema zu viel für sie, es hat sich ein bisschen oder etwas retraumatisiert, oder das Reden über das Thema in der Schule war irgendwie nicht besonders glücklich, um es vorsichtig zu sagen. Auch das gibt es. Das Hauptzeichen von jedem Trauma ist, dass die Menschen erst mal verstört sind, dass das alte Koordinatensystem nicht mehr funktioniert, dass sie etwas nicht einordnen können. Trauma ist eine Wunde, die als existenziell bedrohlich erlebt wird. Und das kann man nicht einordnen in die Alltagskoordinaten unseres Denkens und Fühlens. Das ist erst mal die Erscheinungsform. Das ist, dass Kinder, aber auch Erwachsene verstört sind. Wenn Sie jetzt ein Bild malen würden, wie Ihr „Verstört sein“ aussieht, dann wäre das was Anderes, als wenn ich es malen würde. Es ist für jeden Menschen unterschiedlich, aber es fühlt sich so ähnlich an. Manche sagen auch verpeilt oder steht neben der Kappe oder ist durch den Wind oder es ist ganz egal, welches Wort man nimmt. Ich benutze das Wort verstört. Und das ist wichtig, es ernst zu nehmen. Was brauchen Kinder, wenn sie verstört sind? Sie müssen in den Arm genommen werden. Manche brauchen Ruhe, manche brauchen Cheeseburger, manche brauchen ein Kuchenbacken oder sonst etwas. Das werden die Pflegeeltern wissen, was ihre Kinder gerade brauchen oder fragen. Natürlich, das müssen wir nicht rauskriegen.

Man kann fragen. In jedem Fall ist es entscheidend, dass diese Kinder damit nicht allein gelassen worden sind. Oft wühlt das alte Trauma, wühlt das Neue, das Alte wieder auf oder reißt die alten Wunden wieder auf.

Ich habe gestern ein Seminar gemacht mit Traumahelfern und Pädagogen in Bosnien in der Nähe von Sarajevo. Und da ist jede Familie vor 30 Jahren traumatisiert worden in den Kriegen mit Serbien, und so weiter. Das wurde oft unterdrückt und vertuscht und nicht darüber geredet. Und jetzt kommen die Ukrainer, jetzt kommt der Krieg und es ist alles wieder da. Es ist alles wieder da und das ist dramatisch, oft. Dann ist es wichtig zu gucken, dass die Kinder damit nicht alleine sind.

Meine Frau hat eine große Untersuchung gemacht vor einigen Jahren und Leute befragt, die als Kind ein Trauma erlebt haben. Und sie hat sie gefragt, „Wie war es in der Zeit danach?“. Und viele haben gesagt, am schlimmsten war das Alleinsein danach. Das Trauma war schlimm, die sexuelle Gewalt, das Verlassenwerden, die Schläge, was es auch immer war. Aber die Zeit danach, da habe ich mich allein gefühlt. Und es war erschreckend, wie viele das sagten.

Es gibt auch andere mit anderen Erfahrungen. Mittlerweile wissen wir das, aber bei der Studie waren es alle und die haben gesagt „Ja, dass das rechtlich verfolgt wird und so was, die Gedanken kamen alle erst später“.

Das Entscheidende war nicht, sich allein zu fühlen. Und das ist etwas auch Atmosphärisches. Ich kann im Fußballstadion mit 30.000 Leuten sein und fühle mich allein oder auf einer Geburtstagsparty mit 20 Leuten und fühle mich einsam und alleingelassen. Es geht nicht um die Quantität, sondern um die Qualität von Menschen, die da sind.

Manchmal brauchen die Kinder, dass man sie in den Arm nimmt und manchmal brauchen sie, dass man sich einfach nur neben sie setzt, dass man einen Kakao kocht oder einen Tee oder was auch immer die Kinder gerne möchten. Manchmal brauchen wir, dass man fragt, „Willst du was erzählen?“. Und manchmal erzählt man selber. Manchmal malt man gemeinsam was oder hört nur Musik. Also je nach Alter und je nach Befindlichkeit. Aber das Entscheidende ist, „Du bist nicht allein“ und „Du kannst nichts dafür“. Das war das andere große Ergebnis dieser Untersuchung. „Du bist nicht schuld.“ „Du gehörst zu den Guten und die anderen sind die Bösen.“

Kinder haben, gerade wenn sie sehr verletzt worden sind, ein großes Bedürfnis nach Parteilichkeit. Und natürlich sagen wir oft, „wenn du einen Streit hast, dann müsst ihr euch einigen und da können beide Seiten was dazu tun“. Alles richtig. Soll man alles machen. Und es ist ganz wichtig, dieses Gefühl der Parteilichkeit. Wer sind die Guten, wer sind die Bösen? Und „Du bist nicht schuld“, das auch ernst zu nehmen.

Bertram Kasper:

Das stimmt. Das war auch eine Frage, die ich mir überlegt habe, nämlich diese Kategorien der Einordnung.

Wer sind die Guten, wer sind die Bösen?

Sie sagen ja jetzt gerade, das ist sogar gut es zu tun, auch gegenüber den Kindern. Also es ist eindeutig zu markieren, dass hier der Putin der Aggressor ist und die Ukrainer, die Angegriffenen sozusagen, also auch da eine Orientierung zu geben. Können Sie das noch mal ein bisschen unterstreichen, diesen Aspekt, wieso das für Kinder so wichtig ist?

Udo Baer:

Ja.

Also, wenn Kinder verletzt werden, nehmen wir mal ein Beispiel: Ein Kind ist in der Schule und es wird ungerecht behandelt und es kommt nach Hause und es erzählt das so und sagt „ich habe von meinem Kumpel abgeschrieben und er hat eine viel bessere Note bekommen als ich“ oder „meine Freundin ist schlecht behandelt worden“. Kinder haben ein Gerechtigkeitsgefühl. Und wenn das Gerechtigkeitsgefühl nicht geachtet wird, wenn dem widersprochen wird, dann empören die sich. Das ist gut, dass sie sich dann empören, weil dieses Gerechtigkeitsgefühl ist etwas Gutes. Und dann ist es gut, wenn sie das erzählen. Dass man nicht gleich darüber redet, „was war denn vorher, und was hätte man denn vielleicht anders machen können?“, also Lösungen sucht? Sondern da ist nicht die Lösung das Wichtigste, sondern erst mal die Erlösung und die besteht darin, „Oh das kann ich verstehen, dass du dich darüber aufregst“, also auch parteilich zu sein für das Kind, das wollen sie, das brauchen sie für ihre Identität, für ihr Selbstwertgefühl, weil sie sich dadurch angenommen und wertgeschätzt fühlen. Wenn das da ist, dann kann man gucken und darüber reden, was hätte man vielleicht vorher anders machen können oder wie hätte man noch anders damit umgehen können, aber in dieser Reihenfolge. Und dieses Bedürfnis nach Parteilichkeit heißt ja, ich habe die Erfahrung gemacht, gerade wenn ich ein Pflegekind bin und viel und oft meistens traumatische Erfahrungen habe, dass ich nicht wertgeschätzt wurde, dass mein Nein nicht gehört wurde, dass mein Wunsch, bei der Mutter zu bleiben, nicht gehört wurde, dass die überfordert war oder aus welchen Gründen auch immer, dass ich verletzt wurde.

Und diese traumatischen Erfahrungen machen immer etwas damit, dass das Selbstwertgefühl der Kinder und auch der Erwachsenen in den Keller geht.

Meine Frau ist eine wunderbare Traumatherapeutin und mittlerweile kommen sehr viele zu ihr, die woanders mit Therapien gescheitert sind. Aber früher war es immer so, dass die Leute erst mal nicht wegen des Traumas kamen, sondern sagen „Oh, ich wache nachts um 4:00 auf und ich halte mich für unfähig. Ich bin gar nicht so gut wie meine Kollegen oder mein Chef denkt oder ich kann das eigentlich gar nicht“. Und erst im Zuge der Gespräche und der gemeinsamen Arbeit wurde deutlich, dass dieses extrem verringerte und brüchige Selbstwertgefühl mit den traumatischen Erfahrungen zusammenhing, mit dem traumatischen Ereignis, dass sie verletzt worden sind, ihr Nein, ihr Ja nicht gehört wurde und auch, dass sie sich oft danach alleine gefühlt haben. Deswegen brauchen die Menschen an ihrer Seite die, die für sie da sind und die auch immer wieder sagen, wer ist der Gute, wer ist der Schlechte. „Du bist in Ordnung“. Das ist der Zusammenhang, gerade bei traumatisierten Menschen.

Bertram Kasper:

Genau.

Für die ist es sozusagen besonders wichtig, weil es ja dann in dem Moment darum geht, das Gefühl wirklich ernst zu nehmen, was ausgedrückt wird von dem Kind in dem Moment. Nämlich, da war was ungerecht und das hat mich getroffen und dadurch bin ich traurig und ich hätte mir es anders gewünscht. Und das nicht in Frage zu stellen, sondern das Kind sozusagen bei dem eigenen Gefühl tatsächlich abzuholen und das auch anzuerkennen.

Udo Baer:

Ja. Deswegen braucht man mit den Kindern keine politischen Seminare zu machen. Aber zu sagen „Es sind keine ukrainischen Soldaten, die in Moskau kämpfen, sondern russische Soldaten, die in Kiew kämpfen“. Also so einfache, banale Sachen und die ganz viel aufzeigen und dann versteht das Kind.

Bertram Kasper:

Ein anderer Punkt war noch und da ist es meiner Frau und mir, gerade am Wochenende, als wir wandern waren, da haben wir eine Situation gesehen, da haben zwei Jungs, so zwischen sieben und neun Jahre alt, im Garten Krieg gespielt und der eine, der hatte sogar ein T-Shirt an, mit ukrainischen Farben, also ein blau-gelbes T-Shirt. Die haben wirklich so mit Holz Maschinengewehren aufeinander geschossen und die Geräusche dazu gemacht. Und dann tauchte heute Morgen auch in dieser Runde mit den Pflegeeltern die Frage auf, was mache ich denn, wenn jetzt meine Kinder anfangen, Krieg zu spielen, gerade jetzt in der Zeit? Also dass die das sonst mal machen, ist ja klar. Aber gerade jetzt soll ich dem Einhalt gebieten? Was wäre da Ihr Hinweis?

Udo Baer:

Ich bin da relativ locker, sage ich mal so. Es gibt natürlich Eltern, Pflegeeltern, Erwachsene, Lehrerinnen, Erzieherinnen, die sagen, ich will gar keine Kriegsspiele, ich halte das nicht aus, ich will das nicht und das finde ich auch legitim. Und wenn das bisher so war, dann soll man das auch weiter durchziehen. Andere sind da entspannter mit und ich bin auch eher entspannter, weil ich weiß, dass Kinder alles spielen. Spielen ist ihr Weg zur Welt. Im Spiel sind sie die Guten und sie sind die Bösen. Im Spiel sind sie Polizisten und sie sind Räuber und Lehrer und Kinder und alles Mögliche. Im Spiel zeigt sich auch ihr Leid, aber auch ihre Kraft und ihre Ressourcen. Beides zeigt sich im Spielen und sie erschließen sich über das Spiel ein Stück der Welt und das hat auch so eine Reinigungskraft. Das, was in ihnen kämpft, ist dann im Kämpfen draußen. Also zeigt sich im spielerischen Kämpfen. Und ich denke schon, dass es von daher erst mal selbstverständlich ist, dass Kinder auch jetzt in dieser Zeit Krieg spielen. Das ist klar, das ist zu erwarten. Worauf wir aufpassen müssen ist, und da geht es auch ein bisschen um unsere Gefühle als Erwachsene, wenn uns das Angst macht, dann müssen wir das auch ernst nehmen und nicht sagen „Krieg spielt man nicht“, sondern „mir macht das Angst“. Und auch Regeln einsetzen. Also, dass man einander nicht verletzt. Das ist ganz, ganz wichtig. Oder wenn mehrere Kinder da sind und zwei, drei spielen Krieg. Und die anderen Kinder sind davon erschrocken, dass man diese Kinder trennt oder es da unterbindet. Oder, dass man wenn es vielleicht nicht mit Stöcken aufeinander zugeht, also Maschinengewehren oder so, sondern dass man das mit Playmobilfiguren macht oder Legos oder malerisch macht, also eine andere, sanftere Ausdrucksform findet. Da gibt es ganz viele Spielräume und da sollten auch die Pflegeeltern ihren Impulsen folgen und entsprechend handeln.

Ich glaube erst mal ist wichtig, wenn Kinder Krieg spielen, muss das kein Anlass zur Sorge sein.

Bertram Kasper:

Das finde ich ein ganz wichtiger Hinweis, weil das ja, wie Sie gesagt haben, auch was dazu beiträgt, dass aus den Kindern etwas herauskommt, was sie gerade beschäftigt. Und dadurch können sie sich dem sozusagen entledigen. Dann hat es nicht mehr so eine starke Wirkung. So ist zumindest meine Erfahrung, auch mit Kindern. Und dann haben sie sich sozusagen in einem positiven Sinn erleichtert.

Udo Baer:

Ja, kann ich nur bestätigen. Besser im Spiel als nachts um zwölf oder um eins, dass es dann als Albtraum kommt oder Kinder einnässen oder aufschrecken. Also das finde ich gescheiter.

Bertram Kasper:

Was uns auch beschäftigt hat in der Runde heute Morgen, von daher hat sich das super gut ergeben, weil ich das jetzt so miteinander verbinden kann. Quasi die Fragen der Pflegeeltern von heute Morgen mit dem Gespräch. Nämlich wir haben ja als Erwachsene schon erlebt, jetzt in der Coronazeit, mit welcher Informationswucht wir konfrontiert sind. Und jetzt passiert ja gerade in dem Angriffskrieg der Russen auf die Ukraine wieder was Ähnliches und ich finde es sogar für mich selber schwer, eine gute Dosis zu finden. Also das ist ja so eine Ambivalenz. Auf der einen Seite will ich Information, aber auf der anderen Seite merke ich auch, es tut mir nicht gut. Und Sie haben das vorhin ja im Eingang schon ein bisschen angedeutet. Vielleicht können Sie da noch mal auch altersspezifisch ein paar Hinweise geben, was dabei gut zu beachten ist.

Udo Baer:

Mir geht es ähnlich. Ich gucke auch nicht mehr alles. Am Anfang war ich ganz neugierig und hab ständig dabei Spiegel-Online oder sonst was geschaut. Nach 20:00 Uhr schaue ich gar keine Nachrichten mehr, auch nicht mehr ins Internet, weil ich diese Kriegsbilder und diese Schrecksachen nicht mit in den Schlaf nehmen will. Das ist mir wichtig.

Ich habe heute Morgen mit einer Kollegin telefoniert und sie sagte, sie guckt nur noch einmal am Tag Nachrichten, weil sie sonst überflutet wird. Sie will wissen, was los ist, aber sie möchte es dosieren.

Wie hoch die Dosis ist, muss jeder selber entscheiden. Wir Erwachsene können das auch gut. Manche sind fast süchtig, und manche gucken gar nichts mehr. Aber die meisten werden da so und so einen Zwischenweg finden, und das ist legitim. Das ist nicht nur legitim, das ist oft notwendig.

Kinder können das oft nicht selber entscheiden. Und ich würde Kindern wie gesagt erst die ersten zwei Lebensjahre, da geht es eher um die Atmosphäre und Geborgenheit und Schutz.

Bei Grundschule würde ich eher sagen, Kinderfernsehen oder solche Kinder-Nachrichten, das geht. Und ansonsten aber auch von den anderen Medien möglichst fernhalten. Sie kriegen trotzdem was mit. Aber möglichst fernhalten, da wo man die Wahl hat.

Bei Kindern über zehn Jahre alt, denke ich schon, die gucken dann ja auch irgendwann im Internet oder so, die können schon auch mit Nachrichten gucken, aber bitte nicht alleine. Das ist das Wichtigste, dass man dabei ist und da auch anbietet, darüber zu reden oder nachzufragen oder auch seine eigenen Kommentare zu geben. Das die nicht so alleine sind. Was ich sehr schwierig finde, sind die Bilder, also die Nachrichten selber und die Landkarten – das geht alles noch, das kann ich sortieren. Aber ich weiß, bei Kindern hauen Bilder wirklich ins Eingemachte rein. Die können verblassen im Laufe der Zeit und machen das auch. Aber die haben erst mal eine unmittelbare Wirkung. Wenn ich die Bilder immer wieder sehe, von geflüchteten Kindern und Müttern sind es ja vor allen Dingen, weil die Väter in der Ukraine bleiben müssen und Krieg führen, dann weinen die gar nicht. Ein Bild habe ich gesehen, wo ein Kind weinte, das alleine über die Grenze gegangen ist nach Polen. Die anderen sind erstarrt. Also es gibt beispielsweise im Internet so Bilder aus der Ukraine, so Fotoserien und solche Sachen auf fast allen Webseiten, die Nachrichten bringen. Und ich habe mir die früher auch angeschaut und mir ist das zu viel, mir kommen die Tränen oder mir stockt der Atem, mir ist das zu viel. Und ich denke dann den Kindern auch.

Bertram Kasper:

Klar. Bei Logo weiß ich, wird ja oft auch mit Zeichnungen gearbeitet oder mit Trickfiguren, die zeigen eben wenig reale Bilder, genau aus dem Grund, den sie beschreiben. Und ich finde das nochmal einen extrem wichtigen Hinweis, weil die Bilder sind ja überall verfügbar und das wird dann unter 10-Jährigen auf dem Schulhof schon herumgezeigt sozusagen. Und dass man da auch noch mal guckt, wie kann man dem auch ein bisschen was entgegensetzen im positiven Sinn.

Udo Baer:

Also einmal was entgegensetzen im positiven Sinn und auch von sich erzählen, „mir tun diese Bilder weh, ich gucke da nicht mehr drauf oder möglichst wenig, wenn ich die Wahl habe“.

Wenn ich auch eine Woche lang viel mit traumatisierten Menschen arbeite und zu diesen Themen schreibe und rede und mich beschäftige und dann am Sonntagabend einen Tatort gucken will zur Entspannung. Was ist dann Thema? Trauma und Intensivstation. Dann schalte ich um. Nicht unbedingt zu Rosemarie Pilcher – können andere auch gerne gucken, aber ich nicht – sondern zu irgendwas Anderem. Ich brauche auch Pausen davon. Ich brauche auch traumafreie Zonen. Ich brauche auch kriegsfreie Zeiten, also so etwas. Und wenn ich das von mir erzähle, dann macht es den Kindern auch Mut, selber auch mal nicht so neugierig zu sein und auch mal wegzuschauen und nicht so scharf drauf zu sein. Wir Eltern sind Vorbilder, auch Pflegeeltern. Nicht was wir sagen, sondern was wir machen. Wie wir uns verhalten und natürlich auch wie wir über uns sprechen. Das ist wichtiger. Nicht „du sollst“, sondern „ich habe für mich die Entscheidung getroffen, was Bilder betrifft, vorsichtig und zurückhaltend zu sein“. Das kommt besser an, als den Kindern etwas zu verbieten.

Bertram Kasper:

Ich nehme gerade für mich selber zwei ganz wichtige Sachen mit, denke ich. Nämlich einmal betonen Sie ja die Wahrhaftigkeit, auch zu den eigenen Gefühlen als Erwachsener, auch gegenüber den Kindern, in der Dosis, die altersangemessen ist oder dem Kontext angemessen und dann aber auch wirklich die Gefühle der Kinder ernst nehmen und nicht Infragestellen, sondern darauf eingehen, auch wieder in dem Rahmen, der dem einzelnen Kind gerade entspricht. Das scheinen so ganz zwei zentrale Sachen zu sein von denen, die sie sagen.

Udo Baer:

Richtig. Sehe ich auch so.

Bertram Kasper:

Ich frage meine Gäste zum Schluss immer, was sie Eltern und Pflegeeltern und Pflegekindern wünschen. Und jetzt haben wir diese besondere Zeit und sie sind jemand, der sich da auch besonders auskennt oder auch sehr sich mit beschäftigt hat, was denn tatsächlich guttut. Was würden Sie denn Pflegeeltern in diesen belastenden und schwierigen Zeiten und auch Pflegekindern wünschen?

Udo Baer:

Ich habe auch da wieder das Große UND. Ich habe einmal den Wunsch, sehr wahrhaftig mit sich und den Kindern zu sein, weil das schafft wahrhaftige Beziehungen. Und der andere Wunsch ist auch mal angstfreie und kriegsfreie Zeiten und Räume zu schaffen und zu nutzen, zu genießen, zu tanzen, zu lieben, zu feiern, es sich auch gut gehen zu lassen, auch wenn das ein Privileg ist gegenüber dem, was in der Ukraine ist. Aber wir brauchen es auch.

Bertram Kasper:

Ja, ein schöner Satz zum Abschluss. Herr Baer, ich sage herzlichen Dank für das spontane Gespräch und für die Unkompliziertheit und ich drücke Ihnen für Ihre weitere Arbeit und auch für Ihr Werben sozusagen in diesen schwierigen Zeiten das gut anzugehen und sich ernst zu nehmen und die eigenen Gefühle ernst zu nehmen, sage ich Herzlichen Dank!

Udo Baer:

Ich bedanke mich für Ihr Engagement auch zu dem Thema und für Ihr Interesse. Danke!

Ein Pflegekind riechen können

Ein Pflegekind riechen können

Vielleicht fragen Sie sich, wieso diese Überschrift „Ein Pflegekind riechen können“, was hat es denn damit auf sich?

Düfte beeinflussen uns das ganze Leben und das oft unbewusst. Bei jedem Einatmen riechen wir und auch im Schlaf ist unser Geruchssinn immer parat und ständig aktiv. Wussten Sie, dass wir über eine Billion unterschiedliche Gerüche mit unserer Nase wahrnehmen können? Damit wurde die Vermutung, dass es ca. 10000 sind, überdeutlich nach oben korrigiert. Damit können wir mit unserer Nase deutlich vielfältiger und komplexer wahrnehmen, als mit unseren Ohren oder unserem Geschmackssinn.

Und bestimmt fällt es Ihnen auch schwer Düfte in Worte zu fassen. Deshalb kann es sein, dass sie gerade aus diesem Grund heftigere Emotionen auslösen können als visuelle oder akustische Signale.

„Ich kann Dich nicht riechen“

Und wahrscheinlich kennen Sie alle den Satz „Ich kann Dich nicht riechen“. Darin kommt zum Ausdruck, wie bedeutsam Gerüche im Leben von uns sind. Sie helfen bei der Orientierung, sie warnen uns, sie beeinflussen unser Verhalten, wirken auf unsere Stimmungen und Emotionen und sie können Erinnerungen aus der Vergangenheit aktivieren.

Gerüche gelangen hirnbiologisch betrachtet direkt in unser limbisches System im Gehirn und damit unmittelbar in unsere Gefühlswelt. Sie werden nicht von unserem Willen kontrolliert, sondern es werden unwillkürlich und unmittelbar Gefühle wie Freude, Lust, Angst und Mut ausgelöst.

Damit sind Gefühle ein Schlüssel zur Erinnerung

Können Sie sich noch an das Parfüm Ihrer ersten Freundin oder Ihres ersten Freundes erinnern? Im Vorbeigehen an anderen Menschen kann Ihnen im sprichwörtlichen Sinne diese Erinnerung in die Nase steigen und schon sind alle Erinnerungen an die Begegnung wieder aktiviert. Da ist es naheliegend, dass für unsere Partnerwahl die Nase sehr entscheidend ist.

„Körpergeruch spielt bei der Partnerwahl – beim Menschen wie im Tierreich – eine ganz entscheidende Rolle“, sagte Manfred Milinski, Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie.

Gerüche, die eher negative Erinnerungen oder Assoziationen auslösen, gibt es auch. Stellen Sie sich nur den bei vielen Menschen eher Panik auslösenden Geruch einer Zahnarztpraxis vor. Und Sie können sicher sein, wie exakt dieser Geruch in uns gespeichert ist.

Frauen, die nach Blumen riechen

werden von Männern zwölf Pfund leichter geschätzt, so steht es auf einer Informationstafel im Kurpark von Bad Wörishofen. Und weiter, ein guter Duft lässt Gesichter schöner wirken.

Ausgehend von den beschriebenen Zusammenhängen erscheint die obige Überschrift also wirklich naheliegend. Deshalb sagen wir unseren Pflegeeltern gerne, dass es wichtig ist, ein mögliches Pflegekind wirklich riechen zu können. Der Geruch als Voraussetzung auch schwierigere Situationen miteinander gut meistern zu können. Also woran kann ich im übertragenen Sinn erkennen, dass ein Pflegekind zu passen könnte. Ganz einfach: „Ich kann dich riechen“.

Ich habe es gewollt – Pflegemama sein!

Ich habe es gewollt – Pflegemama sein!

Manchmal gibt es Tage, die rauschen nur so an Pflegeeltern vorbei. Eine Anforderung jagt die nächste und das Ganze garniert mit kleinen und großen Katastrophen. Wie so ein Tag aussehen kann ganz real und tatsächlich erlebt schreibt uns eine Pflegemama anlässlich des ersten Nationalen Aktionstages für Pflege- und Adoptivfamilien am 31.05.2021. Dieser Tag war unserer Sicht überfällig und wir danken dem Bundesverband für Pflege- und Adoptivfamilien e.V. und dem Forschungskonsortium EMPOWERYOU für die Initiierung dieses Tage der Wertschätzung und Anerkennung von Pflege- und Adoptivfamilien. Und wir danken vor allem der Pflegemama, die uns an ihrem Tag teilhaben lässt. Herzlichen Dank.

Pflegemama sein – Was für ein Tag!

Und Abends sitze ich dann auf dem Sofa und fühle mich, als hätte mich ein Zug überrollt. Ich bin eine dreifache Pflegemutter mit Kindern im Alter von 10, 9 und 5 Jahren

11. Mai 2021 – 21.00h!

Was für ein Tag!

Ich sitze auf dem Sofa und fühle mich als hätte mich ein Zug überrollt.

Mehr Chaos hätte es heute wohl kaum geben können.

Schon in der Früh am morgen: Kinder die zur Schule sollen und einfach keine Lust zum Aufstehen verspüren. Die sich einfach wieder ins Bett legen, nachdem man ihr Zimmer verlassen hat.

Frühstück vorbereiten, wieder die Kinder motivieren aufzustehen und sich anzuziehen.

Brotdosen packen, Kinder erneut zum Frühstück einladen.

Dem Mann Mut zusprechen für die anstehenden Herausforderungen, die ihn auf der Arbeit erwarten.

Endlich alle sitzen am Tisch! Unstillbaren Redefluss der beiden Kleinen aufnehmen. Fragen beantworten.

Die Mittlere zur Schule schicken, der Kleinen nochmal schnell die Haare bürsten. Parallel der Großen die ersten Schulaufgaben des Distanzunterrichts erklären.

Die Kleine verabschieden, die vom Mann auf dem Weg zur Arbeit im Kindergarten abgegeben wird.

Endlich etwas Ruhe! Fehlanzeige! Telefon: Schulsozialarbeiter der Großen. Fragen beantworten, erklären, reden. Telefonat beenden.

Tisch abräumen. Schulaufgaben der Großen kontrollieren, motivieren zum Weiterarbeiten und Aufgaben erklären.

Gerade den Staubsauger in die Hand genommen, Telefon: Teilhabeassistenz der Mittleren „Vermutlich hat ihr Kind Läuse!“ Läuseshampoo bereitstellen. Den Kopf der Großen auf Läuse untersuchen.

Staubsauger die Zweite. Wieder Schulaufgaben erklären, motivieren.

Hund in den Garten lassen. Telefon: Erfreulich! Eine Freundin, kurzer Plausch.

Der Hund nutzt die Zeit und zertrümmert einen meiner Lieblingsdekoartikel.

Telefonat beenden. Trümmer beseitigen!

Mittagessen vorbereiten.

Mittlere kommt heim. Läuseshampoo unter lautem Protest des Kindes auftragen. Mittagessen.

Haare der Mittleren waschen und auskämmen. Bettwäsche und Kuscheltiere zur Waschmaschine bringen.

Direkt weiter die Mittlere zur Therapiestunde fahren. Zwischenzeit nutzen, um Einkauf zu erledigen. Auf dem Heimweg die Kleine vom Kindergarten abholen.

Videokonferenz der Großen unterstützend begleiten. Parallel den Kopf der Kleinen untersuchen.

Anruf der Nachbarin mit Bitte um kurze Hilfe. Schon auf dem Weg zum Nachbarhaus ruft die Kleine: Ich muss aufs Klo! Ich höre wie es auf den Boden plätschert. Nachbarin auf später vertrösten. Kind duschen, Boden wischen.

Ohne Pause zum heilpädagogischen Reiten der Großen.

Direkt im Anschluss zur Nachbarin.

Abendessen vorbereiten.

Wichtig fürs Gewissen: Schauen, dass auch was Gesundes auf dem Tisch steht!

Küche saubermachen.

Kinder motivieren Schlafanzug anzuziehen. Beim Zähneputzen unterstützen.

Dann die Information der Großen, dass leider wieder Kot in der Unterhose ist. Trösten.

Gute Nacht Ritual – mal drei. Und dann wartet da noch die Wäsche!

Läuse, Urin, Kot und all die Andere!

Was für ein Tag!

Ich nehme das Telefon zur Hand – nur kurz mit einer Vertrauten reden!

Zuspruch! Ermutigung! Trost!

Doch was bekomme ich zu hören?

DU HAST ES DOCH SO GEWOLLT!

Nach dem ersten fassungslosen Entsetzen über diese gefühlte Empathielosigkeit – innehalten. Habe ich das so gewollt? Würde ich es anders wollen?

Und ich denke an die Tage, an denen alles nahezu reibungslos läuft. Die Tage, an denen die Kinder mich morgens fröhlich begrüßen, mit hübschen Kleidchen selbstvergessen über bunte Blumenwiesen tanzen und mit ihren lieben Stimmen mir ein „Ich habe Dich lieb Mama“ zusprechen. Ich denke an die vielen kleinen Glücksmomente, wenn wir zusammen die ersten süßen Erdbeeren genießen, lautstark beim Autofahren eines unserer gemeinsamen Lieblingslieder schmettern, wenn die Kinder sich beim Geschichte lesen an mich kuscheln und plötzlich fallen sie mir ein. Sind einfach in mir – all die kleinen und großen Sternstunden.

Ich denke darüber nach wie einsam mein Leben ohne diese Wunderkinder wären, wie leer und ich spüre wie es sich in mir breitmacht: ICH HAB ES SO GEWOLLT!

Fühlen Sie sich ermutigt und wollen vielleicht auch Pflegefamilie werden, dann können Sie hier mit uns Kontakt aufnehmen.

Virtuelle Tagung für Pflegeeltern

Virtuelle Tagung für Pflegeeltern

TAtsächlichGUNG 2020

– Wir treffen uns im „WIRtuellen“ Raum! –

– von Bertram Kasper –

Besondere Zeiten erfordern besondere Kreativität, um Lösungen zu entwickeln und Möglichkeiten zu schaffen. Wer weiß das besser als Pflegefamilien – als unsere Pflegefamilien – ist doch das Leben mit Pflegekindern immer wieder von Überraschungen und Herausforderungen geprägt. Und so haben wir uns alle gemeinsam, die Familien und unsere Kolleg:innen in der Fachberatung schon beim ersten Herunterfahren auf den Weg gemacht. Die Beratung und Begleitung der Familien auf Telefon und Video umgestellt und den Bereich unserer Pflegefamilien Akademie in den virtuellen Raum übertragen.

Miteinander Neuland betreten

Wir haben damit alle miteinander Neuland betreten, etwas gewagt. Und aus heutiger Sicht würde ich sagen, es war gut so und es hat überwiegend geklappt. Herzlichen Dank, Euch und Ihnen Allen. Mit diesen Erfahrungen haben wir uns dann für eine virtuelle Tagung für Pflegeeltern entschieden. Angelehnt an eine „echte“ Jahrestagung haben wir uns für jeden Tag unseres geplanten Wochenendes vom 06.11. – 08.11.2020 ein kleines WIRtuelles Angebot überlegt.

Virtuelle Tagung für Pflegeeltern – unser Programm:

Freitag, 06.11.2020:

19:00 Uhr bis 21:00 Uhr:

  • Begrüßung und Tagungsauftakt
  • Möglichkeit zum „WIRtuellen“ Austausch in kleinen Runden    

Samstag, 07.11.2020:

10:00 Uhr bis 12:30 Uhr:

  • Start in den Tag!
  • Vortrag von Irmela Wiemann „Pflegefamilie – Ausnahmefamilie“

20: 00 Uhr bis 22:00 Uhr:

  • Musikalische Überraschung!

Sonntag, 08.11.2020:

10:00 Uhr bis 11:30 Uhr:

  • Begrüßung der Familie durch Ulrich Kling-Böhm, Vorstand des St. Elisabeth-Vereins
  • Andacht mit Ulrich Kling-Böhm

Aufregung am Freitagabend

Es ging los mit dem Freitagabend und ich weiß noch wie aufgeregt wir waren, ob tatsächlich alles klappen wird. Mit einem Supportteam im Hintergrund hatten wir vorgesorgt. Die Beanspruchung war mäßig, haben doch ebenfalls unsere Familien inzwischen fast alle ausreichend Übung. Und dann waren sie plötzlich alle da, 69 Gesichter auf der Leinwand vor uns. Ein Winken, ein Hallo, ein Lachen, da ist es kaum eine Beeinträchtigung, dass der Bildschirm weitergescrollt werden muss, um alle sehen zu können.

Virtuelle Tagung für Pflegeeltern
Virtuelle Tagung für Pflegeeltern, fast wie im Fernsehen – unsere Moderationsbühne

Nach einer Begrüßung und technischen Einweisung von Jens Rohe übernahmen Esther Schmitt und Bertram Kasper die Moderation der Tagung. Beide kamen sich vor wie im Studio, wie im Fernsehen, jemanden ansprechen ohne direkte und leicht erkennbare Resonanz. Doch es gelang beiden ganz gut im lockeren Dialog alle mitzunehmen. Besonders wichtig war es allen Pflegefamilien und allen Kolleg:innen für ihr Engagement und ihren Einsatz in diesen Zeiten zu danken. Und sie berichten freudig darüber, dass es gelungen ist im letzten Jahr über 20 neue Pflegefamilien dazu zu gewinnen.

Grußbotenschaften der Fachberater:innen

Und auch die Kolleg:innen aus dem Fachberatungs- und Verwaltungsteam übermittelten ganz persönliche Grußbotschaften und dankten den Familien für ihr tolles Standing und kreativen Ideen gerade jetzt das Leben in Pflegefamilien proaktiv zu gestalten.

Und dann ging es in virtuelle Kleingruppenräume, auf eine Tasse Tee, ein Glas Wein oder Bier verbunden mit der Möglichkeit in den Plenumsraum zurückzukehren. So entwickelten sich – fast wie bei einer echten Tagung – persönliche Gespräche in unterschiedlichen Runden und die Stimmung stieg minütlich.

Der Samstag

Am Samstag, wie üblich, ein fachlicher Input. Dafür konnten wir Irmela Wiemann, die Granddame im Pflegekinderwesen gewinnen. Ihr Vortrag wurde im Vorfeld aufgezeichnet, so dass ihn alle Familien gemütlich im eigenen Wohnzimmer über unseren Youtube Kanal „Pflegefamilien Hessen“ sehen konnten.

Und die Resonanz war überwältigend, wie der Austausch danach widerspiegelte. Zwei Rückmeldungen sollen dies exemplarisch zeigen.  So sagte z.B. Daniela Emer: „Ich bin beeindruckt von dem Vortrag und habe mich als Pflegefamilie wiedererkannt und vor allem die Aspekte mit der Schule waren sehr hilfreich, da Lehrer:innen eben oft nicht verstehen wie es Pflegekinder wirklich geht. Bestimmt werde ich einigen Lehrer:innen den Film ans Herz legen.

Und Regina Rauwolf beschrieb es so: „Meine Erwartungen – ich kannte ja Frau Wiemann schon von Fortbildungen bei euch – sind voll erfüllt. Und besonders gefällt mir, wieviel Wertschätzung sie für uns Pflegefamilie, für unsere Pflegefamilien und für die Herkunftseltern rüberbringt. Ich fühle mich von ihr so richtig gesehen.“

Auch das öffentliche Feedback zum Vortrag war bisher wirklich groß. So schreibt z.B. Jana Kohlmetz auf LinkedIn. „Ich habe den Vortrag gleich an befreundete Pflegefamilien weitergeleitet. Der Vortrag hat eine große inhaltliche Tiefe.“ Inzwischen wurde er auf youtube schon über 600 Mal angesehen.

Unsere Überraschung für den Abend…

Und gegen Abend stieg die Spannung nochmal deutlich an. Das Team vom Virtuellen Hut in Siegen traf gegen 14.00 Uhr ein, um alles für den Livestream vorzubereiten. Unsere dritte Session – das Überraschungskonzert live auf unserem Youtube Kanal „Pflegefamilien Hessen“ und auf unserem facebook Profil „Pflegefamilien Hessen und Pflegefamilien Akademie“.

Das Live Konzert ist ein Herzliches Dankeschön an alle unsere Pflegefamilie für ihr Engagement und dafür, dass sie lebenswerte Lebensorte für Kinder zur Verfügung stellen. Und es ist auch ein Dankeschön an alle Pädagog:innen, die sich in diesen schwierigen Zeiten für Kinder und Jugendliche einsetzen und diesen Halt und Zuversicht geben. Herzlichen Dank.

Und wir konnten zwei echte Vollblut Musiker:innen engagieren, Jördis Tielsch und Peter Schneider

Jördis Tielsch kommt aus Sinn im Lahn-Dill-Kreis ist Musikstudentin und inzwischen seit 10 Jahren als Singer – Songwriterin und Geigerin unterwegs. Sie hat mehrere Alben veröffentlicht und war schon mit den Wise Guys und Heinz Rudolf Kunze auf Tour. Und sie nahm uns mit auf eine echte musikalische Wohlfühlreise. Ihre sympathische Art, ihre warme und markante Stimme und ihre musikalische Vielfältigkeit mit unterschiedlichen Instrumenten steckten unser Familien in ihren Wohnzimmern an.

Und mit dabei war Peter Schneider ein virtuoser und studierte Jazz Gitarrist, der Jördis Tielsch schon seit vielen Jahre begleitet. Seine Viel-Saitigkeit wertete das Konzert auf und seine Gitarreneinlagen luden zum Mitschwingen ein.

Über einhundert Kommentare in den sozialen Medien waren überwältigend. Exemplarisch zitieren wir einen Kommentar von Ernst Prall: Wunderschön! Berührend! Einfühlsam. Und immer dabei die irische Seele! Danke Euch allen, die das möglich gemacht haben!

Sonntagmorgen – Andacht mit Vorstand und Pfarrer Ulirch Kling-Böhm

Wieder war eine Etappe geschafft. Am Sonntagmorgen knüpften wir an unsere Jubiläumstagung aus 2018 an, bei der wir zum ersten Mal eine Andacht anboten.

Uli Kling-Böhm, seit Januar 2020 Vorstand vom St. Elisabeth-Verein, begrüßte unsere Familien mit einem sehr wertschätzenden Grußwort und hielt dann für uns alle eine Andacht. Zu den von ihm ausgewählten Musikstücken erzählte er jeweils eine persönliche Geschichte, so dass die Familien in gut kennenlernen konnten. Er sprach von Hoffnung und Gemeinschaft im Glauben und auch im St. Elisabeth-Verein.

Unser Resümee: ein gelungenes Experiment – virtuelle Tagung für Pflegeeltern – , das gut bei unseren Familien ankam und deutlich macht: Wir sind eine große Gemeinschaft, die sich für Kinder in Pflegefamilien einsetzt und damit einen echten gesellschaftlichen Beitrag leistet.

Wollen Sie auch einmal bei einer unserer Tagungen für Pflegeeltern dabei sein? Dann informieren Sie sich, wie Sie Pflegefamilie werden. Hier kommen Sie zu den beiden Kolleg:innen, die unsere Informationsgespräche führen.

Und plötzlich sind wir Pflegegroßeltern: Pflegekinder als Lebensaufgabe

Und plötzlich sind wir Pflegegroßeltern: Pflegekinder als Lebensaufgabe

Von Pamela Premm

Ok, ganz so plötzlich kam es nicht dazu. Dies ist schließlich keine Entscheidung, die man im Vorbeigehen fällt. Allerdings ist es schon beeindruckend, wenn man mit Sabine Lindenfeld* spricht. Die Familie nimmt Pflegekinder nun schon in zweiter Generation bei sich auf. Neben der Betreuung von vier Pflegekindern haben die heutigen Pflegegroßeltern drei leibliche Kinder großgezogen, die bereits eigene Familien haben. Die jüngste Tochter lebt zusammen mit ihrem Mann im gleichen Haus. Und hat das Abenteuer Pflegefamilie ebenfalls gewagt.

Das Zusammenleben mit Pflegekindern war und ist nicht immer einfach, weiß Sabine Lindenfeld: „Wir haben uns damals gezielt dazu entschlossen, behinderte Pflegekinder bei uns aufzunehmen. Mein Mann arbeitete zu diesem Zeitpunkt in einem Wohnheim für behinderte Erwachsene. Ich hatte eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert. Das waren beste Voraussetzungen für diesen Schritt. Allerdings war das für unsere älteste Tochter, die das Familienleben auch ohne Pflegekinder kannte, nicht immer ganz leicht.“

Positive Aspekte überwiegen

Lindenfeld sucht schließlich das Gespräch mit ihren Kindern. „Als unsere Kinder erwachsen waren, habe ich mich mit ihnen zusammengesetzt und die Kindheit noch einmal reflektiert“, erklärt sie. „Die Konstellation mit behinderten Pflegekindern ist schon eine besondere. Ich hatte häufig das Gefühl, meine Kinder zu überfordern. Es war gut von ihnen zu hören, dass die positiven Aspekte überwogen.“ Doch eines der drei Kinder geht noch einen Schritt weiter: Die jüngste Tochter kann sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls vorstellen, Pflegekinder bei sich aufzunehmen. Bis zur konkreten Entscheidung, vergehen allerdings noch einige Jahre. „Wir haben damals viele Gespräche geführt. Meine Tochter und ihr Mann wollten genau wissen, wie es bei uns war, als die Pflegekinder einzogen. Wie groß die Belastung wirklich ist. Ich war offen und ehrlich, habe nichts beschönigt. Dennoch wusste ich immer, dass sie der Aufgabe mit Pflegekindern zusammenzuleben, gewachsen sein werden.“

Nur einmischen, wenn gewünscht

Aus dem Umfeld kommen dagegen auch kritische Stimmen. Einige Freunde und Verwandte können den Entschluss nicht nachvollziehen. Erfahrungen, die Sabine Lindenfeld ihrer Tochter gerne erspart hätte. Doch diese lässt sich von ihrem Entschluss nicht abbringen. Heute leben die fünfjährige Anna und der dreijährige Jason in der Familie der Tochter. Auf die Frage, wie es nun als Pflegeoma sei, antwortet Lindenfeld mit einem typischen Oma-Problem: „Manchmal muss ich aufpassen, dass ich mich nicht allzu sehr reinhänge“, verrät die 55-Jährige. „Man kann die Kinder nicht vor allem bewahren. Meine Kinder müssen ihre Fehler selbst machen, um sich daran entwickeln zu können. Ich will dieser Entwicklung nicht im Weg stehen. Daher sage ich mir oft: Lass sie machen.“

Damit das Zusammenleben im Mehrgenerationen-Haushalt funktioniert, ist ein ehrliches Verhältnis Grundvoraussetzung. „Ich wünsche mir von meinen Kindern, dass sie es offen sagen, wenn ich es mit meinen Ratschlägen zu gut meine.“ In der Familie hat jeder seinen Rückzugsort und seinen Freiraum. Hinzu kommen einige Fixpunkte, wie gemeinsames Essen oder Spielenachmittage mit der ganzen Familie. „Wir akzeptieren die Privatsphäre des anderen“, sagt die sechsfache Oma, „Übergriffiges Verhalten gibt es bei uns nicht.“

Ich liebe alle Enkel gleich

Unterschiede zwischen den Enkeln macht Lindenfeld keine. „Ich liebe sie alle gleich“, sagt sie. Die klassische Oma ist sie trotzdem nicht. Dafür ist sie noch zu sehr in der Rolle der Pflegemutter verhaftet. Das jüngste eigene Pflegekind ist erst 13 Jahre alt. „Manchmal bin ich vielleicht zu konsequent, aber in bestimmten Situationen ist das einfach notwendig, um den Pflegekindern einen sicheren Orientierungsrahmen zu bieten.“ Wenn sich Lindenfeld allerdings mal die Enkel schnappt und mit ihnen etwas allein unternimmt, dann ist sie Oma mit allem, was dazugehört. „Dann werden meine Enkel nach Strich und Faden verwöhnt.“

Was sich Lindenfeld für Pflegegroßeltern wünscht? Dass es noch mehr Fortbildungsangebote speziell für Eltern von Pflegeeltern gibt. Ein Ort, an dem sich die Pflegegroßeltern austauschen können. An dem Pflegegroßeltern und Pflegeeltern miteinander ins Gespräch kommen. „Ich hatte ja nun schon den Bezug zu Pflegekindern. Aber häufig fehlt das Verständnis der Großeltern für die Besonderheiten im Zusammenleben mit Pflegekindern. Da wäre eine gezielte Aufklärung hilfreich.“ Die Rolle der Pflegegroßeltern ist nicht zu unterschätzen. Pflegeomas und -opas können erheblich dazu beitragen, dass sich ein Pflegekind von der Familie angenommen fühlt und sich gut entwickelt. Seminare unter fachlicher Anleitung könnten helfen, dass sich Pflegegroßeltern in die neue Situation besser einfinden und beide Seiten offen aufeinander zugehen.

Dass das funktionieren kann, zeigt Familie Lindenfeld. Auch die Pflegeurgroßeltern leben noch mit im Mehrgenerationenhaus. Sie genießen den täglichen Trubel der insgesamt zwölfköpfigen Großfamilie. „Die vielen Kinder um uns herum halten uns jung“, sagt das 80-jährige Paar. Für die Lindenfelds ist das Abenteuer Pflegefamilie eine Lebensaufgabe. Die Devise, nach der die Familie auch in turbulenten Zeiten lebt: „Wenn Du etwas tust, dann mit viel Herzblut.“ Und davon hat die Familie nicht zu knapp.

Interessieren Sie sich auch für das Pflegeeltern sein, dann nehmen Sie hier mit uns Kontakt auf. Oder wollen Sie vielleicht Pflegegroßeltern sein, dann sprechen Sie Ihre Kinder an.

*Namen von der Redaktion geändert