Weihnachtszeit mit Pflegekindern

Weihnachtszeit mit Pflegekindern

Nach Weihnachten ist bekanntlich vor Weihnachten. Deshalb möchten wir heute gerne etwas über eine Idee, die uns Frau Julia Seibert, eine Pflegemutter bei Pflegefamilien Hessen aufgeschrieben und geschickt hat. Sie hilft die Weihnachtszeit mit Pflegekindern vielleicht einmal anders zu gestallten. So haben Sie genug Zeit, diese Anregung für die nächste Weihnachtzeit umzusetzen.

Warme Dusche im Advent

Es ist der 30. November 2019. Ich bin in den letzten Zügen meiner Vorbereitungen für die Adventskalender meiner drei Töchter.

Dieses Jahr stand schon früh fest, dass es kein materieller Kalender sein würde, sondern ein „Warme Dusche“ – Kalender.

Inspiriert wurde ich dabei durch die Klassenlehrerin meiner ältesten Tochter. In regelmäßigen Abständen bekommen die Kinder in der Schule eine „warme Dusche“. Die Klasse setzt sich hierfür in einen Stuhlkreis. Ein Kind darf in die Mitte. Reihum sagt dann jedes Kind einen netten Satz zu dem Kind in der Mitte, macht ihm ein Kompliment. Meine Tochter liebt diese Momente!

Mir hat der Gedanke gut gefallen, dies in Form eines Adventskalenders für unsere Familie umzuwandeln. Mit Stift und Block bewaffnet bin ich von Familienmitglied zu Familienmitglied gegangen und habe notiert, was jedem so an schönen und wohltuenden Worten für die Schwestern, den Papa, die Mama, die Töchter alles eingefallen ist. Jeden Tag im Dezember wird nun ein Kompliment für jeden auf dem Frühstücksteller liegen.

Ich war berührt, wieviel dabei zusammen gekommen ist, toll!

Es hat mich sehr berührt, wieviel dabei zusammen gekommen ist und wie bewusst jeder seine Worte für den Anderen formuliert hat.

Nun sitze ich hier und habe mir alles noch einmal durchgelesen und durch meine eigenen wertschätzenden Gedanken für meine Töchter ergänzt.

Und wie ich das alles hier so vor Augen habe kommt mir folgendes in den Sinn: Erst letzten Monat wurde ich beim Erstgespräch für die Ergotherapie einer meiner Töchter gebeten die Stärken meines Kindes zu benennen.

Ich habe einiges aufgezählt und die Therapeutin war ganz begeistert. Sie meinte zu mir:

„Es kommt häufig vor, dass Eltern hier sitzen und lange nachdenken müssen bis ihnen etwas einfällt und manche sagen direkt, dass ihnen dazu nichts einfallen würde“.

Es macht mich sehr betroffen! Ich frage mich, was diese Kinder wohl für ein Bild von sich selbst haben werden.

Ich denke wieder an die Lehrerin meiner Tochter. Wie wunderbar, dass es solche Menschen gibt. Es gelingt ihr in jedem etwas Kostbares und Gutes zu entdecken und die anderen zu sensibilisieren, ebenfalls genau hin zuschauen. 

Dann reiht sich fast wie von selbst ein warmer Strahl an den anderen!

Und wenn man erst einmal mit der warmen Dusche angefangen hat, dann reiht sich oft ein warmer Strahl an den anderen.

„Was hast Du schöne Augen!“ „Wow, kannst Du toll singen!“ „Du rennst so schnell wie eine Rakete!“ „Deine Bilder sind so kreativ und die Farben die du ausgesucht hast machen mich richtig fröhlich!“ „Danke, für Deine Umarmung. Die hat mir sehr gut getan!“

Es ist ein wahres Vergnügen zu erleben wie sich ein Leuchten auf dem Gesicht des Gegenübers ausbreitet!

Und ich kann aus eigener Erfahrung sagen dass ich selbst zu Leuchten beginne wenn plötzlich der Wasserstrahl auf mich selbst gerichtet wird. „Mama, du duftest so gut wie eine Blume!“ 

Für uns war die Adventszeit eine echte Warme Duschen Zeit und hat uns sehr bereichert. Vielleicht bekommt der eine oder andere ja Lust die warme Dusche auch in seiner Familie auf seine Art umzusetzen. A

Herzlichen Dank an Julia Seibert vom Team Pflegefamilien Hessen.

Noch ein Hinweis in eigener Sache: Wir haben im März 2019 einen Förderverein zur Unterstützung für Pflegekinder Deutschland e.V. gegründet. Wenn auch Sie Fördermitglied werden wollen, dann finden Sie weitere Informationen unter Förderverein Pflegekinder Deutschland.

Ich selbst war als Pflegemutter auch Gründungsmitglied, weil wir immer häufiger erleben, das Pflegekinder neben der öffentlichen Unterstützung auch weitere Hilfen, vor allem auch in finanzieller Weise benötigen.

Förderverein für Pflegekinder
Pflegekinder werden zur Kasse gebeten

Pflegekinder werden zur Kasse gebeten

von Jana Bamberger, Master Studierende im Bereich „Soziologie und Sozialforschung“ an der Universität Marburg

Jeden Tag zur Arbeit gehen und trotzdem nichts in der Tasche haben – für zahlreiche Pflege- und Heimkinder ist dies bittere Realität. Während andere Jugendliche jobben gehen, um sich Geld für den Führerschein, Kinobesuche oder ein neues Handy zusammenzusparen, müssen sie 75% ihres Einkommens an das Jugendamt abgeben. Oftmals bleibt dann nur ein umgerechneter Stundenlohn von 2,75 € übrig.

„Ich sehe auf dem Konto die ganze Zeit null, null, null“

Grund für die Abgaben ist, dass Pflegeeltern, welche Pflegekinder in ihre Familie aufnehmen, finanzielle Unterstützung in Form von Pflegegeld durch das Jugendamt erhalten. Je nach Alter des Pflegekindes liegt dieser Betrag zwischen 508,00 € und 676,00 € monatlich. Hinzu kommt ein Erziehungsbeitrag von weiteren 237,00 € pro Monat. Bei Pflegekindern, die Geld verdienen, möchte sich der Staat dieses Geld zurückholen und langt ordentlich zu. So müssen nahezu alle Kinder, die in Deutschland in einer Pflegeeinrichtung oder Pflegefamilie leben, 75% ihres Einkommens abgeben – unabhängig davon, ob sie arbeiten, einen Nebenjob haben, eine Ausbildung machen oder einen Bundesfreiwilligendienst oder ein FSJ absolvieren.

Gesetzliche Grundlage ist gegeben

Im achten Sozialgesetzbuch in Paragraf 94 wird hierzu geregelt, „dass junge Menschen und Leistungsberechtigte bei ‚vollstationären Leistungen‘ insgesamt ‚75% ihres Einkommens als Kostenbeitrag einzusetzen‘ haben.“ (Ustorf 2018) Von dieser Regelung sind in Deutschland derzeit etwa 142.000 Heimkinder und 90.000 Pflegekinder betroffen.

Wenn diese jugendlichen Pflegekinder also in einem Café jobben, Zeitungen austragen oder im Supermarkt Konserven in Regale räumen, um ihr Taschengeld aufzubessern oder für den Führerschein zu sparen, gehen drei Viertel ihres Einkommens direkt an das Jugendamt. Auch bei einer Ausbildung müssen sie 75% ihres Gehaltes abgeben, wenn sie noch bei ihren Pflegeeltern wohnen. Pflegekinder werden zur Kasse gebeten.

„Ja, was haben wir denn getan, dass wir 75 Prozent abgeben müssen? Ich verstehe es nicht. Ich sehe einfach auf dem Konto die ganze Zeit null, null, null. Klar, bisschen kommt ja, ich will nicht sagen, dass da nichts kommt, aber dann geht die Motivation weg.“

(Serkan in Grüter 2019)

„Was kann ich denn dafür, dass ich ein Pflegekind bin?“

Die 75%-Klausel wird von den Kindern und Jugendlichen als ungerecht empfunden und kann darüber hinaus das Gefühl „nicht-richtig-zur-Familie- dazuzugehören“ enorm verstärken. Zudem bremst die Regelung Jugendliche in ihrem Weg in die Selbstständigkeit aus und erschwert die Vermittlung, dass sich harte Arbeit lohnt. Pflegekinder werden zur Kasse gebeten, wer soll ihnen diese Praxis erklären?

Die folgenden Zitate drücken das ganze Unverständnis der Betroffenen aus

„Alle meine Freunde jobben, um sich was dazuzuverdienen. Keiner von ihnen muss seinen Eltern etwas abgeben. Aber ich soll jetzt beim Amt für meine eigenen Kosten aufkommen. Was kann ich denn dafür, dass ich ein Pflegekind bin?“

(Felix Warnke in Ustorf 2018)

„Es ist doch ein Zeichen von Reife und Verantwortungsbewusstsein, wenn sich ein Kind einen Job sucht, um eigene Bedürfnisse selbst erfüllen zu können. Stattdessen muss Felix nun dafür haften, dass seine leiblichen Eltern nicht in der Lage sind, sich um ihn zu kümmern. Damit ist er doppelt benachteiligt, auch gegenüber seinen Geschwisterkindern.“

(Andrea Wagner (Felix Pflegemutter) in Ustorf 2018)

Viele Pflegekinder können auf diese Weise kaum Motivation aufbringen eine Arbeit zu suchen oder brechen ihren Job wieder ab, wenn sie erfahren: Pflegekinder werden zur Kasse gebeten und das gleich mit 75%.

„Man gibt den jungen Menschen das Gefühl, dass es sich nicht lohnt zu arbeiten. So erzieht man weitere Sozialhilfeempfänger.“

(Kirsten Willruth in Seitler 2018)

Einige Kinder gehen sogar in ihre Herkunftsfamilien zurück, nur um ihr Gehalt vollständig behalten zu können.

„Neulich ist ein junger Mann zurück zu seiner alkoholkranken Mutter gezogen, damit er sein Ausbildungsgehalt vollständig behalten darf.“

(Carmen Regglin in Ustorf 2018)

Eine große Problematik der 75%-Klausel ist zudem, dass Careleaver für ihre ersten eigenen vier Wände nur selten finanzielle Rücklagen bilden können, wodurch ihnen der Übergang in das Erwachsenenalter stark erschwert wird. Damit wird auch das Engagement der Pflegefamilien indirekt in Frage gestellt. Pflegekinder werden zu Kasse gebeten, es macht einfach keinen wirklichen Sinn.

Antrag auf Befreiung der Kostenheranziehung

Eine Möglichkeit, um sich von der Kostenheranziehung teilweise oder sogar ganz befreien zu lassen, besteht darin einen Antrag beim Jugendamt einzureichen, in welchem ein ausführlich begründeter Widerspruch eingelegt wird. Ein derartiger Antrag kann erfolgreich sein, wenn die Tätigkeit dem Ziel der persönlichen Weiterentwicklung und somit dem „Zweck der Jugendhilfe“ (Ustorf 2018) dient.

Hierunter fällt beispielsweise das Sparen für einen Führerschein. Darüber hinaus kann eine Befreiung erfolgen, wenn bei der ausgeübten Tätigkeit  das soziale oder kulturelle Engagement im Vordergrund steht, wie beispielsweise bei einem FSJ oder dem Bundesfreiwilligendienst.

Beratung suchen

Grundsätzlich ist es jedoch die Entscheidung der zuständigen Jugendamtsfachkraft, ob und inwieweit auf die Anrechnung des Einkommens verzichtet wird. Es empfiehlt sich daher die Pflegefamilienberatung zur Hilfe heranzuziehen, da sich diese mit Einzelheiten der gesetzlichen Bestimmung auskennt und bei der inhaltlichen Begründung des Antrags helfen kann. Ebenfalls gibt es in einigen Bundesländern Ombudsstellen.

Obwohl ein derartiger Antrag das gute Recht jedes Pflegekindes ist, müssen viele Pflegekinder dazu ermutigt werden, einen Antrag zu stellen, da ihr Selbstwertgefühl oftmals angeschlagen und die Angst vor einer Zurückweisung groß ist. Zudem ist die Möglichkeit eine Befreiung/Reduzierung der Kostenheranziehung zu beantragen, vielen Jugendlichen und auch einigen pädagogischen Fachkräften oftmals gar nicht bekannt.

Visionen

Seit Jahren wird im deutschen Bundestag über eine Verbesserung der Gesetzeslage debattiert. Während sich einige Parteien für eine komplette Abschaffung der Kostenbeteiligung einsetzen, halten andere an der Kostenheranziehung fest.

Im Jahr 2017 erließ der Bundestag im Kinder- und Jugendstärkungsgesetz eine Regelung, laut welcher Pflegekinder nur noch maximal die Hälfte ihres Einkommens abgeben müssen. Diese Regelung erfuhr vom Bundesrat bisher jedoch keine Zustimmung und wird vermutlich auch in naher Zukunft nicht durchgesetzt werden.

Für die Zukunft besteht demnach noch ein großer Handlungsbedarf im Bereich der Rechtslage. Es müssen Maßnahmen erschaffen werden, die der enormen Einkommensabgabe von Pflegekindern entgegenwirken, da diese ein Zugehörigkeitsgefühl  nahezu unmöglich macht. Durch Abgaben von 75% des Verdienstes wird die Motivation von Pflegekindern in höchstem Maße gehemmt und eine positive Entwicklung der Kinder und Jugendlichen eher beeinträchtigt statt gefördert.

Quellen

Grüter, Susanne (2019): Heim- und Pflegekinder. Ein Euro für mich, drei fürs Jugendamt. URL: https://www.deutschlandfunk.de/heim-und-pflegekinder-ein-euro-fuer-mich-drei-fuers.724.de.html?dram:article_id=455499, Abruf am 19.09.2019.

Land Hessen (2019): Pflegekinder und Pflegeeltern. URL: http://www.familienatlas.de/eltern-erziehung/pflegschaft-adoption/pflegekinder-und-pflegeeltern, Abruf am 19.09.2019.

Schnieder, Milan (2018): Pflegekinder müssen zahlen. Eigenes Einkommen wird angerechnet. URL: https://www.zdf.de/politik/frontal-21/pflegekinder-muessen-zahlen-100.html, Abruf am 11.09.2019.

Seitler, Pia (2018): Der Staat langt zu. Einkommen von Pflegekindern. URL: https://www.spiegel.de/panorama/pflegekinder-muessen-75-prozent-ihres-einkommens-dem-jugendamt-zurueckgeben-a-1232584.html, Abruf am 11.09.2019.

Ustorf, Anne-Ev (2018): 2,75€ Stundenlohn – und der Rest fürs Jugendamt. URL: https://www.sueddeutsche.de/karriere/pflegekinder-gehalt-steuern-1.4241789, Abruf am 11.09.2019.

Werner, Christine (2014): Pflege- und Heimkinder müssen zahlen. URL: https://www.swr.de/swraktuell/jugendamt-pflege-und-heimkinder-muessen-zahlen/-/id=396/did=13661362/nid=396/1xbqfbw/index.html, Abruf am 19.09.2019.

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Pflegekinder in Regenbogenfamilien

Pflegekinder in Regenbogenfamilien

von Jana Bamberger, Master Studierende im Bereich „Soziologie und Sozialforschung“ an der Universität Marburg

Pflegekinder in Regenbogenfamilien ist nach wie vor noch ein kontroverses Thema. Der folgende Beitrag von Jana Bamberger will dazu beitragen Vorurteile zu relativieren und beschreibt vor dem Hintergrund der aktuellen Forschung die Chancen für Regenbogenfamilien und Pflegekinder in anschaulicher und differenzierter Weise. Herzlichen Dank dafür.

„Lesben und Schwule müssen bei der Vermittlung von Pflegekindern gleich behandelt werden, denn sie können genau so gute Eltern sein wie heterosexuelle Menschen. Leider zeigt die Erfahrung vieler Homosexueller, dass ‚klassische‘ Familienverhältnisse oft für stabiler gehalten werden als die lesbischer oder schwuler Paare. Das ist haltlos und diskriminierend.“ (Mielchen 2016)

„‚Ehe für alle‘ heißt nicht ‚Elternschaft für alle‘“

Trotz zahlreicher Reformen und Maßnahmen zur Gleichberechtigung von homosexuellen Personen haben gleichgeschlechtliche Paare noch immer mit zahlreichen Hindernissen im Bereich der Familienplanung und dem Familienalltag zu kämpfen. Denn obwohl die allgemeine Toleranz gegenüber schwulen Männern und lesbischen Frauen in den letzten Jahrzehnten spürbar gestiegen ist, wird der gleichgeschlechtlichen Elternschaft weiterhin eher kritisch und ablehnend gegenübergestanden.

Das Konzept der gleichgeschlechtlichen Elternschaft scheint für viele heterosexuelle Personen nur schwer mit bestehenden traditionellen Vorstellungen von Familie vereinbar zu sein. Darüber hinaus sehen sich homosexuelle Paare oftmals mit zahlreichen Vorurteilen und Klischees gegenüber ihrer Familienform konfrontiert, welche ihnen u.a. eine angemessene Erziehungsfähigkeit absprechen. So war bei einer Umfrage im Jahr 2017 beispielsweise jede/r fünfte Befragte der Überzeugung, dass homosexuelle Paare Kinder schlechter erziehen als heterosexuelle Paare.

Doch nicht nur seitens der Gesellschaft lassen sich Stigmatisierungen und Diskriminierungen homosexueller Personen feststellen, auch im Rahmen der deutschen Rechtsgrundlage bestehen trotz zahlreicher Reformen noch immer Ungleichbehandlungen homosexueller gegenüber heterosexuellen Paaren.

Was ist überhaupt eine Regenbogenfamilie?

In der heutigen Gesellschaft wird das traditionelle Familienbild „Mutter, Vater, Kind“ von immer mehr unkonventionellen Modellen abgelöst. Neben mittlerweile weit verbreiteten Modellen wie Stieffamilien, Patchworkfamilien, und Alleinerziehenden existieren sogenannte „Regenbogenfamilien“, welche ebenfalls eine eigene Familienform darstellen.

Hierbei gibt es jedoch verschiedene Möglichkeiten in einer derartigen Familienform zusammenzuleben, wodurch auch unterschiedliche Definitionen des Begriffes existieren. Grundsätzlich wird unter einer Regenbogenfamilie eine Familie verstanden, welche sich aus zwei gleichgeschlechtlichen Elternteilen zusammensetzt, die mit mindestens einem Kind zusammenleben und dieses gemeinsam großziehen.

Regenbogenfamilien können hierbei die Form einer Adoptiv- oder Pflegefamilie annehmen oder eine Familie sein, bei welcher Kinder aus einer vorangegangen heterosexuellen Partnerschaft oder einer Leihmutterschaft stammen oder mittels einer künstlichen Befruchtung in eine aktuelle lesbische Beziehung hineingeboren wurden.

In Debatten um gleichgeschlechtliche Elternschaft wird sich hierbei, sowohl politisch als auch medial, sehr oft ausschließlich auf Adoptionen fokussiert, während Pflegekinderverhältnisse außer Acht gelassen werden. An dieser Lücke gilt es dringend anzuknüpfen.

Pflegekinder in Regenbogenfamilien

Adoptivkind oder Pflegekind?

Sowohl bei lesbischen, als auch bei schwulen Paaren, die über Kinder verfügen, stammen die meisten dieser Kinder aus vorhergehenden heterosexuellen Beziehungen oder wurden direkt in die gleichgeschlechtliche Familie hineingeboren. Nur etwa 6% der Kinder aus Regenbogenfamilien wurden als Pflegekind übernommen und lediglich knapp 2% kamen durch eine Adoption – zumeist eine Auslandsadoption – in ihre Familie. Daran wird deutlich, dass die Übernahme von Pflege- und Adoptivkindern für homosexuelle Paare noch immer mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist.

Der wesentliche Unterschied zwischen Pflegekindern und Adoptivkindern besteht darin, dass ein Adoptivkind formal und gesetzlich alleiniges Kind der neuen Eltern wird, während ein Pflegekind formal und gesetzlich das alleinige Kind der leiblichen Eltern bleibt. Zudem haben Pflegekinder in ihren Herkunftsfamilien oftmals belastende und teilweise sogar traumatisierende Erfahrungen gemacht, bei deren Bewältigung die Pflegeeltern Unterstützung bieten müssen.

Die Herkunft des Kindes hat meist einen festen Platz in dessen Leben, wodurch der Kontakt zu leiblichen Eltern oder anderen Mitgliedern der Herkunftsfamilie aufrechterhalten wird und das Kind lernt mit zwei Familien aufzuwachsen – seiner Ursprungs- und seiner Pflegefamilie. Das Pflegeverhältnis kann hierbei zeitlich begrenzt sein, wenn eine Rückkehr des Kindes in seine Ursprungsfamilie sinnvoll erscheint. Insgesamt stellen Dauerpflegen, d.h. Pflegschaften bis zur Verselbstständigung mit 18 Jahren und meist darüber hinaus, jedoch eine weit verbreitet Praxis dar, wodurch viele Pflegekinder letztendlich bei ihren Pflegeeltern groß werden können.

Diese nehmen das Kind gemeinsam auf, wodurch keine biologischen und rechtlichen Ungleichgewichtungen auftreten und die Pflegschaft zum emotionalen Projekt beider wird. Des Weiteren werden Pflegeeltern durch den Pflegekinderdienst betreut und unterstützt und erhalten darüber hinaus auch finanzielle Unterstützungsleistungen in Form von Pflegegeld.

Vorurteile und Diskriminierungen

Gegner von Regenbogenfamilien argumentieren jedoch oft, dass homosexuelle Paare keine Kinder großziehen sollten, da diesen das gegengeschlechtliche Elternteil fehle. Dies wirke sich negativ auf verschiedene Entwicklungsprozesse, wie die allgemeine Identitätsbildung oder die zu entwickelnde Geschlechtsidentität aus. So wird u.a. behauptet, dass Kindern, welche bei zwei Vätern aufwachsen, die Fürsorge, Sicherheit und Pflege fehle, welche nur eine Mutter bereitstellen könne. Zudem wird angenommen, dass Töchter, die in Regenbogenfamilien aufwachsen, aufgrund ‚falscher‘ oder fehlender Rollenmodelle zu männlich und Söhne zu weiblich werden. Es wird argumentiert, dass Jungen einen Vater bräuchten, um eine angemessene männliche Identität zu entwickeln und ein Vater auch für Mädchen unabdingbar sei, damit diese eine „heterosexuelle Feminität entwickeln und heteronormative Erwartungen an zukünftige Paarbeziehungen zu Männern bilden könnten.“ (Scholz 2017: 22)

Ein weiteres Vorurteil gegenüber Regenbogenfamilien besteht darin, dass die Kinder von schwulen und lesbischen Paaren selbst homosexuell werden würden. Zudem wird angenommen, dass Kinder aus Regenbogenfamilien verstärkt diskriminiert werden, da die Gesellschaft noch nicht reif für derartige Familienformen sei. Aus diesem Grund würden sich Kinder von homosexuellen Eltern häufig von Gleichaltrigen zurückziehen und sich sozial isolieren. Verstärkte Diskriminierungserfahrungen und Hänseleien zögen wiederum eine Beeinträchtigung in der Entwicklung der Kinder mit sich.

Sind homosexuelle Paare Eltern zweiter Klasse?

Stimmen diese Vorurteile tatsächlich und lassen sich homosexuelle Paare als Eltern zweiter Klasse abstempeln und sind Pflegekinder in Regenbogenfamilien ausgeschlossen?

Nein. Zahlreiche Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Lesben und Schwule Kinder ebenso „gut“ erziehen können wie heterosexuelle Mütter und Väter. Ein Großteil der Untersuchungen ergab, dass schwule Väter und lesbische Mütter über eine angemessene Erziehungsfähigkeit verfügen und ihre Kinder eine gelungene emotionale, soziale und sexuelle Entwicklung vollziehen. Zwar unterscheiden sich homosexuelle Eltern in einigen Aspekten des Erziehungsverhaltens durchaus von heterosexuellen, die Unterschiede scheinen dem Wohlbefinden der Kinder jedoch in keiner Weise zu schaden. Es konnte ermittelt werden, dass die Prozesse innerhalb einer Familie, wie beispielsweise die Qualität der Beziehungen, einen deutlich größeren Einfluss auf die kindliche Entwicklung haben als die Struktur der Familie.

Ein wesentlicher Unterschied im Familienalltag zeigt sich lediglich darin, dass anfallende Erziehungs- und Versorgungsaufgaben in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oftmals egalitärer und flexibler geteilt werden als in heterosexuellen Beziehungen. Durch eine egalitäre Verteilung von Aufgaben steigt zumeist auch die Partnerschaftszufriedenheit, was sich wiederum positiv auf die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Kinder auswirkt.

Zudem konnte festgestellt werden, dass sowohl lesbische, als auch schwule Paare grundsätzlich einen großen Wert darauf legen, dass ihre Kinder regelmäßigen Kontakt zu Personen des anderen Geschlechts haben. Dies erscheint insofern wichtig, da Kinder zum Aufbau eines adäquaten geschlechtstypischen Rollenverhaltes Modelle beider Geschlechter in ihrem Lebensumfeld benötigen – dies müssen aber nicht zwingend Mutter und Vater sein.

Bezüglich der sozialen und emotionalen Entwicklung der Kinder existieren unterschiedliche Ergebnisse. Manche Studien konnten keinerlei Unterschiede zwischen Kindern homosexueller Paare und Kindern heterosexueller Paare feststellen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder aus homosexuellen Familienkonstellationen genauso gut sozial integriert sind wie Kinder heterosexueller Eltern und einen ebenso hohen Selbstwert aufweisen. Hierbei konnte festgestellt werden, dass Kinder umso weniger diskriminiert werden, je offener sie, ihre Eltern, Freund/innen und andere Familienmitglieder mit der Lebensform ihrer Familie umgehen.

Obwohl zahlreiche Studien zu dem Ergebnis kommen, dass sich Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern ebenso „gut“ entwickeln wie Kinder aus Familien mit gegengeschlechtlichen Eltern, existieren noch immer einige Bedenken und Einwände bezüglich homosexueller Elternschaft, welche es dringend zu überwinden gilt. Wir wollen als Fachbereich Pflegefamilien weiterhin mit dazubeitragen, dass Pflegekinder in Regenbogenfamilien auch einen Lebensort finden können.

Warum Pflegekinder in Regenbogenfamilien besonders gut aufgehoben sind?

Insgesamt gibt es einige Argumente, die für die Aufnahme von Pflegekindern in Regenbogenfamilien sprechen. So weisen gleichgeschlechtliche Elternpaare grundsätzlich eine besonders hohe Motivation und große Entschiedenheit für ein Leben mit Kindern auf. Denn viel wichtiger als die Frage der Leiblichkeit, ist ihnen Elternschaft und Familie gemeinsam leben zu können. Sie entscheiden sich ganz bewusst für Pflegekinder, wodurch diese keine Kinder „zweiter Wahl“ sind.

Darüber hinaus verfügen homosexuelle Personen über eine große Erfahrung in der Bewältigung ungewöhnlicher Lebenssituationen und sind dadurch in besonderem Maße dazu fähig, sich in ein Kind einzufühlen, das anders leben muss als andere Kinder. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen können sie mit Abweichungen besonders sensibel umgehen.

Pflegefamilien in Regenbogenfamilien

In der Abweichung von „normalen“ Familienmodellen können Pflegekinder in Regenbogenfamilien zudem ein Vorbild sehen, ihr eigenes Leben selbstbestimmt und zufrieden zu gestalten – trotz ungewöhnlicher Familienbiographie.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass besondere Familien besondere Chancen und Ressourcen bieten. Indem unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Familienmodellen angeworben werden, können die Chancen auf mögliche Passungen für Pflegekinder erhöht werden, wodurch die Pflegekinderhilfe von der Hinzunahme unkonventioneller Familienmodelle profitieren kann. Wir denken es ist deutlich geworden, dass Pflegekinder in Regenbogenfamilien einen wertvollen Ort für ihre Entwicklung finden können.

Möchten Sie als Regenbogenfamilie mit Pflegekindern leben?

Dann nehmen Sie bitte mit uns Kontakt auf. Wir freuen uns auf Sie? Hier der Link!

Quellen

Berger, Walter/ Reisbeck, Günter/ Schwer, Petra (2000): Lesben – Schwule – Kinder. Eine Analyse zum Forschungsstand. Düsseldorf: Allbro.

Carapacchio, Ina (2008): Kinder in Regenbogenfamilien. Eine Studie zur Diskriminierung von Kindern Homosexueller und zum Vergleich von Regenbogenfamilien mit heterosexuellen Familien. Diss. München 2009. München: o.V.

Copur, Eylem (2008): Gleichgeschlechtliche Partnerschaft und Kindeswohl. Bern: Stämpfli.

Fthenakis, Wassilios E. (2000): Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und kindliche Entwicklung. In: Jürgen Basedow/ Klaus J. Hopt/ Hein Kötz/ Peter Dopffel (Hg.): Die Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Tübingen: Mohr Siebeck, S. 351-390.

Jansen, Elke/ Steffens, Melanie Caroline (2006): Lesbische Mütter, schwule Väter und ihre Kinder im Spiegel psychosozialer Forschung. In: Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis 38, H. 3, S. 642-653.

LSVD (Hg.) (2014): Regenbogenfamilien – alltäglich und doch anders. Beratungsführer für lesbische Mütter, schwule Väter und familienbezogene Fachkräfte. 2. Auflage. Köln.

Scholz, Katrin (2017): Vorurteil und soziale Identität. Einstellungen zu homosexueller Partner-  und Elternschaft. Diss. Köln 2018. Köln: o.V.

Internetquellen

Greib, Angela (2019): Die Vermittlung von Pflegekindern an gleichgeschlechtliche Paare. URL: https://www.lsvd.de/en/lebensformen/lsvd-familienseiten/vortraege-und-veranstaltungen/5-lsvd-familienseminar-2007/9-ein-leben-mit-kindern-der-weg-zum-pflegekind-c1.html, Abruf am 16.09.2019.

Inhoffen, Lisa (2017): Homo-Ehe. Mehrheit der Deutschen für gleichgeschlechtliche Heirat. URL: https://yougov.de/news/2017/06/23/homo-ehe-mehrheit-der-deutschen-fur-gleichgeschlec/, Abruf am 16.09.2019.

MDR (2018): „Ehe für alle“ heißt nicht „Elternschaft für alle“. URL: https://www.mdr.de/nachrichten/ratgeber/bgh-urteil-adoption-verheiratete-homosexuelle-100.html, Abruf am 16.09.2019.

Mielchen, Stefan (2016): Aufruf zum CSD. Hamburg sucht gezielt schwule und lesbische Pflegeeltern. URL: https://www.queer.de/detail.php?article_id=26749, Abruf am 16.09.2019.

Wir möchten, dass Du bei uns bleibst – Pubertät bei Pflegekindern

Wir möchten, dass Du bei uns bleibst – Pubertät bei Pflegekindern

Die Pubertät bei Pflegekindern kann sich intensiv auf das gesamte Familienleben auswirken. Das wissen auch die Pflegeeltern Claudia und Georg Beer, die mit ihrem Pflegesohn in Hessen leben.  Von Pamela Premm

Als Claudia und Georg Beer ihren Pflegesohn zum ersten Mal sehen, wollen sie ihn am liebsten sofort mitnehmen. Sein gewinnendes Wesen, seine herzliche und kommunikative Art bezaubert alle Familienmitglieder. Selbst die leibliche Tochter, die zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt ist, zeigt sich entzückt vom Dreieinhalbjährigen. Sie entscheiden sich, Colin bei sich aufzunehmen. Doch bald merkt die Familie, dass alles anders kommen wird als geplant.

Colin nimmt Raum ein

Schon die Übergangsfamilie hatte angedeutet, dass Colin kein einfaches Wesen hat. Oft wird er aggressiv. Die Familie will sich allerdings erst einmal selbst ein Bild von ihm machen. „Er kann sich gut verkaufen und hat uns sofort für sich eingenommen“, sagt die gelernte Kinderkrankenschwester über ihren Pflegesohn. „Über Nacht haben wir uns für Colin entschieden.“ Die zukünftige Pflegefamilie schickt ihm ein Buch mit Fotos von seinem neuen Zuhause. Die Tochter freut sich auf ihren kleinen Bruder. Doch schon in der Anfangszeit zeigt sich das wahre Päckchen, das Colin mit sich herumschleppt. „Kaum bei uns eingezogen, nahm er viel Raum ein. Er benötigte unglaublich viel Zuwendung und wollte immer und überall dabei sein“, sagt Pflegevater Georg heute. Für Tochter Lisa keine einfache Zeit. „Sie fühlte sich zurückgedrängt.“ Die Pflegeeltern versuchen ihm den Raum zu geben, sprechen viel mit der Tochter und erklären ihr die Gründe für sein Verhalten.

Mit der Aufgabe wachsen

Zu diesem Zeitpunkt wusste die Familie noch nicht, welch steiniger Weg vor ihr liegen würde. „Wir haben ihm den Raum gegeben, wir wussten, dass er großen Nachholbedarf hatte. Aber es kostete viel Zeit, bis er seinen Platz in der Familie gefunden hatte“, erklärt der Pflegevater. Fortbildungen und Superversionen helfen der Familie, sich der neuen Aufgabe zu stellen und die Hintergründe besser zu verstehen. „Im Vorfeld haben wir viele Gespräche mit dem St. Elisabeth-Verein geführt und uns Gedanken gemacht, wie es mit einem Pflegekind sein wird. Allerdings fühlt es sich in der konkreten Situation anders an. Die persönliche Bindung verändert die Perspektive. Emotionen kommen hinzu. Letztendlich kann man nur in die Aufgabe hineinwachsen“, sagt der gelernte Erzieher.

Mit der Pubertät gerät das Familienleben ins Wanken

Mit Beginn der Pubertät intensivieren sich Colins Verhaltensweisen. Es beginnt ein Wechselbad der Gefühle. Wie häufig in der Pubertät bei Pflegekindern wechseln sich gute Entwicklungsfortschritte mit schwierigen Momenten ab. In der Schule wird Colin auffällig. Absprachen kann er nicht einhalten, Regeln nicht akzeptieren. Schon als kleines Kind handelt er oft selbst bestimmt. Doch jetzt überschreitet er zunehmend Grenzen. „Zu Hause gab es ständig Zoff, wir fühlten uns überfordert“, sagt die Pflegemutter. Typische Konfliktfelder tun sich auf: der Medienkonsum, das Annehmen von Regeln für ein gemeinschaftliches Zusammenleben. Nur, dass mit Colin alles viel extremer ist.

„Wir wussten nicht, ob wir ihm vertrauen können. Lügt er, sagt er die Wahrheit? Irgendwann ging es nicht mehr weiter“, erklären die Pflegeeltern. Colin ist nicht mehr beschulbar. Gemeinsam mit Schule, Vormund und Tageseinrichtung beschließen die Pflegeeltern, dass Colin in eine Klinik geht. „Wir brauchten eine Diagnose, irgendeinen Ansatzpunkt“, sagt Claudia. „Wir wollten wissen, wie wir ihn besser unterstützen können.“

Sich bewusst füreinander entscheiden!

ADHS und Bindungsstörung lautet die Diagnose. Eine Wohngruppe ist eine Option. Doch dann kommt es zu einem Wendepunkt in Colins Leben. „Während der viermonatigen Therapie hatte ich viel Zeit zu reflektieren“, sagt der heute 16-jährige. „Mir wurde klar, dass ich doch eigentlich gar nicht weg wollte von meinen Pflegeeltern.“ Für die Pflegeeltern ein wichtiges Signal. „Uns hat das viel bedeutet. Wir sagten ihm, dass wir auch möchten, dass er bei uns bleibt.“ Colin und seine Pflegeltern entscheiden sich füreinander, für ein gemeinsames Familienleben. Es ist eine Entscheidung, die beide Seiten bewusst treffen. Dieser Entschluss verändert das Familienleben. Colin kommt zurück und es läuft besser als zuvor. Er wird medikamentös behandelt. Die Pflegemutter geht frühzeitig in Rente. Dadurch lässt auch das Gefühl der ständigen Überforderung nach.

Wir wünschen uns, dass er ein eigenständiges Leben führen kann

Die Zeichen für Colins Zukunft stehen gut: Colin ist zunehmend in der Lage, seine kommunikativen Qualitäten einzusetzen. Auf Freizeiten für Pflegekinder hat er einen guten Draht zu den Teamern, durch sein offenes Wesen und soziales Engagement wird er zum Schulsprecher, absolviert seinen qualifizierten Hauptschulabschluss. Auf einer Berufsfachschule will er nun seine mittlere Reife machen. Einen Beruf mit sozialer Ausrichtung könnte er sich vorstellen. Vielleicht Erzieher oder Polizist. Letztendlich wünschen sich die Eltern, dass Colin irgendwann ein selbstständiges, gutes Leben führen kann.

Die eigenen Wurzeln finden…

Pflegeeltern sind Optimisten

Die Frage nach seinen Wurzeln beschäftigt den Jugendlichen wie viele Pflegekinder in der Pubertät. Zu seinen leiblichen Eltern hat Colin keinen Kontakt. Seine Mutter ist vor einigen Jahren verstorben, der Vater außer Landes. Die Pflegeeltern wollen versuchen, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Zu seiner Halbschwester, die ebenfalls in einer Pflegefamilie aufwächst, besteht ein enges Verhältnis. Die Pflegschaft abzubrechen, kam für die Familie nie wirklich infrage. „Wir haben oft übergelegt, was wir tun würden, wenn dies unser leibliches Kind wäre. Dann hätten wir es auch nicht aufgegeben“, sagt Georg. Die Pubertät bei Pflegekindern kann Familien in die Krise stürzen. Wichtig sei, dass man sich Unterstützung holt. Es braucht Menschen an der Seite der Pflegeeltern, die Verständnis aufbringen. Die Familie empfiehlt, eine Organisation einzubinden. „Man glaubt vorher nicht, welche Dynamik das Verhalten eines Pflegekindes aufnehmen kann.“

Viel Verständnis hat Colin auch heute noch nicht für die Entscheidungen seiner Eltern – nicht untypisch für einen Jugendlichen in seinem Alter. „Es sind immer wieder Kleinigkeiten, über die sich meine Pflegeltern aufregen.“ Die Entscheidungen der Eltern sind nicht immer im Sinne der Kinder. Handynutzung, der Wunsch nach einem Motorradführerschein und der Vergleich mit anderen Jugendlichen liefern Zündstoff für Diskussionen. Die Pflegeltern akzeptieren das. Das Zusammenleben mit Colin hat auch neue Sichtweisen eröffnet.

„Wir können unsere Kinder nicht nach unserem Willen formen. Wir können sie nur begleiten und ihnen Wege aufzeigen“, sagen die Pflegeltern. „In erster Linie geht es darum, sein Pflegekind mit all seinen Stärken und Schwächen zu akzeptieren. Wer glaubt einen Menschen grundlegend verändern zu können, gibt sich einer Illusion hin.“

Sie haben Interesse, Pflegekindern eine Perspektive zu schenken und neue Wege aufzuzeigen? Dann melden Sie sich gerne bei uns.

Pflegeväter gemeinsam unterwegs

Pflegeväter gemeinsam unterwegs

Vom Zündeln zum Kräuterzaubertrank

Der Fachbereich Pflegefamilien vom St. Elisabeth-Verein e.V. lud seine Pflegeväter zum dreizehnten Väterwochenende ein. 28 Männer fanden den Weg nach Oberorke in der Nähe vom Edersee. Über die Jahre hat sich diese gute Tradition etabliert und so gibt es einen Kern von Wiederholungstätern, die sich jedes Jahr über neue Gesichter freuen können. So ist über die Jahre die Teilnehmendenzahl kontinuierlich gestiegen.

Mit diesem Wochenende sagen wir als Träger „Danke“ für das Engagement für unsere Kinder und Jugendlichen in den Pflegefamilien.

Kräuterwanderung und Feuerworkshop

Diesmal organisierte Steffen Henkel (Fachberatung) das Rahmenprogramm. Zuerst begleitete Frau Annette Schneider die Väter auf einer informativen Kräuterwanderung entlang der Orke. So konnten wir allerlei über Kräuter und die verborgenen Schätze der Natur erfahren. Zum Beispiel sammelten wir wilden Rettich und stellten daraus einen Rettichfrischkäse her. Außerdem wurde ein Kräuterzaubertrank aus gepflückten Wiesenkräutern hergestellt, der den Männern die Schuhe auszog. Doch Bitterstoffe sollen ja bekanntlich gut sein.

Später lernten wir dann, wie Feuermachen ohne Streichhölzer geht. Dazu hatte der Erlebnispädagoge Jochen Steitz verschiedene Stationen aufgebaut an denen sich alle ausprobieren konnten. Und in der Tat arbeiteten alle gut zusammen, so dass es am Ende mehrere Feuer gab. So konnten Brot und Würstchen auf selbst gemachtem Feuer gebacken bzw. gebraten werden. Die Zeit verging wir im Flug und alle waren vom dem Tag begeistert.

Pflegeväter gemeinsam unterwegs

Intensive Gespräche inklusive

Zwischendurch, bei den Mahlzeiten und an den Abenden gab es vielfältige und oft auch tiefgründige Gespräche über das Leben als Pflegefamilie. Alle würden sich wieder für diese Aufgabe entscheiden.

In der Abschlussrunde am Sonntag gab es nur positive Rückmeldungen – vor allem zu der guten Gemeinschaft zwischen den Pflegevätern. Und Detlef Wirth (Pflegevater) ließ uns in einem speziellen Beitrag an seiner Pilgerreise teilhaben. Dabei begeisterten ihn vor allem die am Wegesrand aufgeschichteten „Steinmännchen“, die den Pilgern den Weg weisen. Und er schenkte allen Pflegevätern ihr ganz persönliches „Steinmännchen“ als Wegweiser für ihr Leben als Pflegevater.

So freuen wir uns alle auf das nächste Väterwochenende.

Möchten auch Sie Teil dieser wundervollen Gemeinschaft werden, können Sie sich unter www.pflegefamilien-hessen.de informieren oder hier direkt Kontakt mit uns aufnehmen.

Was Pflegekinder brauchen

Was Pflegekinder brauchen

Was Pflegekinder brauchen? Liebe und das Gefühl, dazuzugehören

Von Pamela Premm

Fünf Kinder in einer Familie – zwei leibliche und drei Pflegekinder: Mit dieser Unterscheidung kann Hannah Schumann* nicht viel anfangen. Ebenso wie mit der Differenzierung zwischen Kernfamilie und Pflegekinder. „Wir behandeln unsere fünf Kinder alle gleich. Wie müssten sich unsere Pflegekinder fühlen, wenn sie nicht so richtig zu unserer Familie gehören würden? Das könnte ich ihnen niemals antun.“ Im Gespräch mit Pflegefamilien-Hessen erzählt die 35-jährige, was Pflegekinder brauchen und warum sie ihre Pflegekinder wie ihre eigenen Kinder behandelt.

Unsere Pflegekinder haben keine Sonderrolle

Die Pflegekinder der Familie Schumann wachsen ganz normal auf – mit Geschwistern, Oma, Opa und Freunden. In der Familie nehmen sie keine Sonderrolle ein. Sie haben keinen Integrationsplatz im Kindergarten und Therapien werden nur behutsam eingesetzt. „Sicher muss man die Entwicklung des Kindes im Blick behalten, aber man sollte es auch nicht übertreiben. Wir möchten nicht, dass unsere Pflegekinder per se stigmatisiert werden, daher lassen wir sie so natürlich wie möglich aufwachsen.“ Damit das gelingt, hat die Familie auch beim Alter der Pflegekinder auf die übliche Reihenfolge geachtet. „Als wir uns für Pflegekinder entschieden haben, hatten wir bereits zwei Kinder im Alter von drei und vier Jahren. Uns war es wichtig, dass die natürliche Reihenfolge beibehalten wird und haben uns daher um ein Pflegekind im Babyalter beworben.“ Aus dem Wunsch, ein Pflegekind aufzunehmen, wurden am Ende zwei Mädchen und ein Junge. Dabei stand lange Zeit gar nicht fest, ob die Familie überhaupt ein Pflegekind aufnehmen wird.

Könnten wir ein Pflegekind lieben?

„Für mich stand schon früh fest, dass ich einmal Pflegekinder haben werde“, sagt Schumann.  „Mein Mann war sich da nicht sicher.“ Immer wieder zweifelte der gelernte Krankenpfleger daran, ob er je ein Pflegekind so lieben könnte wie sein eigenes.Was Pflegekinder brauchen „Für uns beide war das aber Bedingung.“ Die Unsicherheit hielt lange Zeit an, bis es zu einem besonderen Erlebnis kommt. „Mein Mann hat zu der Zeit auf der Kinderkrebsstation gearbeitet. Dort lernte er ein kleines Mädchen kennen, das in Obhut gegeben werden sollte. Als er das Kind sah, war es um ihn geschehen.“ Das Mädchen wurde zwar anderweitig vermittelt, aber der Entschluss, ein Pflegekind aufzunehmen, war gefallen.

Die Familie hatte Vorbehalte

Habt ihr euch das auch wirklich gut überlegt? Und was ist später in der Pubertät? Welchen Einfluss wird das auf eure leiblichen Kinder haben? Die Familie reagierte erst einmal skeptisch. „Wir haben uns darüber gar keine großen Gedanken gemacht. Unsere Kinder haben so positiv reagiert und sich auf ihr Geschwisterchen gefreut. Wenn man ein Baby bekommt, denkt man ja auch nicht an die Pubertät.“ All die Skepsis löste sich in Wohlgefallen auf. Der selbstverständliche Umgang der Kinder mit den Pflegekindern machte es einfach. „Ich glaube, Vieles ist Kopfsache. Erwachsene sind dabei oft komplizierter als Kinder.“

Du wirst so geliebt, wie Du bist

Eine Unterscheidung zwischen der Kernfamilie und den Pflegekindern sieht Familie Schumann kritisch. „Wenn ich ein Kind aufnehme, weiß ich doch, dass es eine grausame Vorgeschichte hat und viele schlimme Dinge erlebt hat.“ Pflegekinder, die in einem engen Familiensystem leben, sollten sich angenommen und geliebt fühlen. Damit das Seelische nicht auf der Strecke bleibt, bedarf es mehr als nur eine Grundversorgung. „Ganz viel Liebe ist das, was Pflegekinder brauchen, sich angenommen fühlen, selbst wenn es mal anstrengend wird. Auch die leiblichen Kinder sind mitunter anstrengend und zeigen manchmal Wesenszüge, von denen wir nicht wissen, wo sie herkommen. Trotzdem würde man sie ja nicht ausgrenzen. Ausgrenzung ist das schlimmste, was Pflegekindern widerfahren kann.“ Bei Familie Schumann ist die Familienplanung erst einmal abgeschlossen. „Wir wollen unsere Kinder auf ihren Wegen begleiten und sie auf das Leben vorbereiten. Wir können ihnen nur die Dinge mitgeben, die sie brauchen, um im Leben klar zu kommen. Was sie daraus machen, liegt ganz bei ihnen.“ 

Für manche Pflegekinder ist Familie schwierig

Während sich die Pflegekinder der Familie Schumann rundum geliebt fühlen, kann es für manche auch zu viel werden. „Es gibt Ausnahmesituationen, da sind Pflegekinder in einer Heimeinrichtung besser aufgehoben“, räumt die ausgebildete Erzieherin ein, die jahrelang selbst in der Jugendhilfe tätig war. Vor allem ältere, stark traumatisierte Pflegekinder können Familie oft nicht aushalten und wissen nicht, wie sie in bestimmten Situationen reagieren sollen. „In einer Pflegekindereinrichtung sind die Rollen klar verteilt. Das kann Pflegekindern helfen, ihre Position zu finden.“

Wenn ein Pflegekind mit traumatischen Erlebnissen erst spät in die Familie kommt, ganze Strukturen sprengt und es beiden Seiten nicht gut dabei geht, sollte man über eine vorübergehende Unterbringung im Heim oder in einer therapeutischen Einrichtung nachdenken, bis sich die Situation entspannt hat und das Kind im besten Fall zurückkehren kann. „Das bringt Entlastung für die Familien.“ Sind die Kinder allerdings schon im Kleinkindalter in die Pflegefamilie eingezogen, sollte es keinen Rückzug seitens der Pflegeeltern geben. „Ein Kind kann doch gar nicht verstehen, was mit ihm geschieht. Es sollte seinen Platz in der Familie sicher wissen.“

Mehr Klarheit für Pflegefamilien

Wie viele andere Pflegefamilien wünschen sich auch die Schumanns mehr Klarheit über den Verbleib eines Pflegekindes und das zu einem möglichst frühen Zeitpunkt. „Bis in Deutschland ein Kind aus einer Familie genommen wird, müssen viele schlimme Dinge passiert sein. Die Eltern sind oft krank oder haben selbst keine gute Kindheit gehabt. Die wenigsten können ihr Leben dauerhaft so in den Griff bekommen, dass ein Kind bei ihnen leben könnte.“

Hier wünscht sich die Familie, dass ein dauerhafter Verbleib in der Pflegefamilie schneller durchgesetzt wird.  Die oftmals unbegründete Angst, das geliebte Pflegekind wieder abgeben zu müssen, sorgt für Unruhe und schwingt über Jahre in den Familien mit. „Das ist völlig unnötig.“ Doch auch die leiblichen Eltern haben Ängste, sorgen sich um ihre Kinder. „Das sollte man nie vergessen“, sagt Schumann. „Der leibliche Vater unserer großen Pflegetochter konnte uns erst vertrauen, als er merkte, dass Elisa ganz zu unserer Familie gehört. Seine größte Angst war, dass sie als Pflegekind aufwachsen würde.“

Möchten Sie auch Pflegefamilie werden, dann melden Sie sich über unser Kontaktformular. Auch Sie können lernen was Pflegekinder brauchen.

*Namen von der Redaktion geändert

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