Die Pubertät bei Pflegekindern kann sich intensiv auf das gesamte Familienleben auswirken. Das wissen auch die Pflegeeltern Claudia und Georg Beer, die mit ihrem Pflegesohn in Hessen leben.  Von Pamela Premm

Als Claudia und Georg Beer ihren Pflegesohn zum ersten Mal sehen, wollen sie ihn am liebsten sofort mitnehmen. Sein gewinnendes Wesen, seine herzliche und kommunikative Art bezaubert alle Familienmitglieder. Selbst die leibliche Tochter, die zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt ist, zeigt sich entzückt vom Dreieinhalbjährigen. Sie entscheiden sich, Colin bei sich aufzunehmen. Doch bald merkt die Familie, dass alles anders kommen wird als geplant.

Colin nimmt Raum ein

Schon die Übergangsfamilie hatte angedeutet, dass Colin kein einfaches Wesen hat. Oft wird er aggressiv. Die Familie will sich allerdings erst einmal selbst ein Bild von ihm machen. „Er kann sich gut verkaufen und hat uns sofort für sich eingenommen“, sagt die gelernte Kinderkrankenschwester über ihren Pflegesohn. „Über Nacht haben wir uns für Colin entschieden.“ Die zukünftige Pflegefamilie schickt ihm ein Buch mit Fotos von seinem neuen Zuhause. Die Tochter freut sich auf ihren kleinen Bruder. Doch schon in der Anfangszeit zeigt sich das wahre Päckchen, das Colin mit sich herumschleppt. „Kaum bei uns eingezogen, nahm er viel Raum ein. Er benötigte unglaublich viel Zuwendung und wollte immer und überall dabei sein“, sagt Pflegevater Georg heute. Für Tochter Lisa keine einfache Zeit. „Sie fühlte sich zurückgedrängt.“ Die Pflegeeltern versuchen ihm den Raum zu geben, sprechen viel mit der Tochter und erklären ihr die Gründe für sein Verhalten.

Mit der Aufgabe wachsen

Zu diesem Zeitpunkt wusste die Familie noch nicht, welch steiniger Weg vor ihr liegen würde. „Wir haben ihm den Raum gegeben, wir wussten, dass er großen Nachholbedarf hatte. Aber es kostete viel Zeit, bis er seinen Platz in der Familie gefunden hatte“, erklärt der Pflegevater. Fortbildungen und Superversionen helfen der Familie, sich der neuen Aufgabe zu stellen und die Hintergründe besser zu verstehen. „Im Vorfeld haben wir viele Gespräche mit dem St. Elisabeth-Verein geführt und uns Gedanken gemacht, wie es mit einem Pflegekind sein wird. Allerdings fühlt es sich in der konkreten Situation anders an. Die persönliche Bindung verändert die Perspektive. Emotionen kommen hinzu. Letztendlich kann man nur in die Aufgabe hineinwachsen“, sagt der gelernte Erzieher.

Mit der Pubertät gerät das Familienleben ins Wanken

Mit Beginn der Pubertät intensivieren sich Colins Verhaltensweisen. Es beginnt ein Wechselbad der Gefühle. Wie häufig in der Pubertät bei Pflegekindern wechseln sich gute Entwicklungsfortschritte mit schwierigen Momenten ab. In der Schule wird Colin auffällig. Absprachen kann er nicht einhalten, Regeln nicht akzeptieren. Schon als kleines Kind handelt er oft selbst bestimmt. Doch jetzt überschreitet er zunehmend Grenzen. „Zu Hause gab es ständig Zoff, wir fühlten uns überfordert“, sagt die Pflegemutter. Typische Konfliktfelder tun sich auf: der Medienkonsum, das Annehmen von Regeln für ein gemeinschaftliches Zusammenleben. Nur, dass mit Colin alles viel extremer ist.

„Wir wussten nicht, ob wir ihm vertrauen können. Lügt er, sagt er die Wahrheit? Irgendwann ging es nicht mehr weiter“, erklären die Pflegeeltern. Colin ist nicht mehr beschulbar. Gemeinsam mit Schule, Vormund und Tageseinrichtung beschließen die Pflegeeltern, dass Colin in eine Klinik geht. „Wir brauchten eine Diagnose, irgendeinen Ansatzpunkt“, sagt Claudia. „Wir wollten wissen, wie wir ihn besser unterstützen können.“

Sich bewusst füreinander entscheiden!

ADHS und Bindungsstörung lautet die Diagnose. Eine Wohngruppe ist eine Option. Doch dann kommt es zu einem Wendepunkt in Colins Leben. „Während der viermonatigen Therapie hatte ich viel Zeit zu reflektieren“, sagt der heute 16-jährige. „Mir wurde klar, dass ich doch eigentlich gar nicht weg wollte von meinen Pflegeeltern.“ Für die Pflegeeltern ein wichtiges Signal. „Uns hat das viel bedeutet. Wir sagten ihm, dass wir auch möchten, dass er bei uns bleibt.“ Colin und seine Pflegeltern entscheiden sich füreinander, für ein gemeinsames Familienleben. Es ist eine Entscheidung, die beide Seiten bewusst treffen. Dieser Entschluss verändert das Familienleben. Colin kommt zurück und es läuft besser als zuvor. Er wird medikamentös behandelt. Die Pflegemutter geht frühzeitig in Rente. Dadurch lässt auch das Gefühl der ständigen Überforderung nach.

Wir wünschen uns, dass er ein eigenständiges Leben führen kann

Die Zeichen für Colins Zukunft stehen gut: Colin ist zunehmend in der Lage, seine kommunikativen Qualitäten einzusetzen. Auf Freizeiten für Pflegekinder hat er einen guten Draht zu den Teamern, durch sein offenes Wesen und soziales Engagement wird er zum Schulsprecher, absolviert seinen qualifizierten Hauptschulabschluss. Auf einer Berufsfachschule will er nun seine mittlere Reife machen. Einen Beruf mit sozialer Ausrichtung könnte er sich vorstellen. Vielleicht Erzieher oder Polizist. Letztendlich wünschen sich die Eltern, dass Colin irgendwann ein selbstständiges, gutes Leben führen kann.

Die eigenen Wurzeln finden…

Pflegeeltern sind Optimisten

Die Frage nach seinen Wurzeln beschäftigt den Jugendlichen wie viele Pflegekinder in der Pubertät. Zu seinen leiblichen Eltern hat Colin keinen Kontakt. Seine Mutter ist vor einigen Jahren verstorben, der Vater außer Landes. Die Pflegeeltern wollen versuchen, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Zu seiner Halbschwester, die ebenfalls in einer Pflegefamilie aufwächst, besteht ein enges Verhältnis. Die Pflegschaft abzubrechen, kam für die Familie nie wirklich infrage. „Wir haben oft übergelegt, was wir tun würden, wenn dies unser leibliches Kind wäre. Dann hätten wir es auch nicht aufgegeben“, sagt Georg. Die Pubertät bei Pflegekindern kann Familien in die Krise stürzen. Wichtig sei, dass man sich Unterstützung holt. Es braucht Menschen an der Seite der Pflegeeltern, die Verständnis aufbringen. Die Familie empfiehlt, eine Organisation einzubinden. „Man glaubt vorher nicht, welche Dynamik das Verhalten eines Pflegekindes aufnehmen kann.“

Viel Verständnis hat Colin auch heute noch nicht für die Entscheidungen seiner Eltern – nicht untypisch für einen Jugendlichen in seinem Alter. „Es sind immer wieder Kleinigkeiten, über die sich meine Pflegeltern aufregen.“ Die Entscheidungen der Eltern sind nicht immer im Sinne der Kinder. Handynutzung, der Wunsch nach einem Motorradführerschein und der Vergleich mit anderen Jugendlichen liefern Zündstoff für Diskussionen. Die Pflegeltern akzeptieren das. Das Zusammenleben mit Colin hat auch neue Sichtweisen eröffnet.

„Wir können unsere Kinder nicht nach unserem Willen formen. Wir können sie nur begleiten und ihnen Wege aufzeigen“, sagen die Pflegeltern. „In erster Linie geht es darum, sein Pflegekind mit all seinen Stärken und Schwächen zu akzeptieren. Wer glaubt einen Menschen grundlegend verändern zu können, gibt sich einer Illusion hin.“

Sie haben Interesse, Pflegekindern eine Perspektive zu schenken und neue Wege aufzuzeigen? Dann melden Sie sich gerne bei uns.

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