Focusing für Pflegemütter und Pflegeväter oder:

Vom Abenteuer des achtsamen Sich – Selbst – Begegnens

von Esther Schmitt (Projektleitung Fort- und Weiterbildung)

23:30 Uhr. Erschöpft. Entmutigt. Kein Tag, der nach Wiederholung schreit. Leer gekämpft bin ich und leer gefühlt. Es ist der Abend, an dem ich Focusing „entdecke“: „Wenn Du Dich nicht an Deinem Leben freust, wer sonst?“[1] Dieser kleine Satz oder besser gesagt diese kleine Frage, markiert den Ausganspunkt einer persönlichen Reise ebenso wie den Beginn einer Entwicklung, deren Schritte sich seit 2017 in Fortbildungsangeboten für Pflegefamilien des St. Elisabeth-Vereins widerspiegeln. Daraus ist auch das Angebot Focusing für Pflegemütter und Pflegeväter entstanden.

11 Gründe, weiterzulesen: Was Focusing bewirken kann[2]

 Focusing kann Sie unterstützen …

  • innere Stimmigkeit zu erreichen: sich selbst zuhören und bei sich bleiben
  • zu entdecken, was Sie Tag für Tag brauchen und was Ihnen gut tut, damit sich Ihre Lebendigkeit entfalten kann.
  • im „Mich-Selbst-Annehmen“: sich selbst mehr und mehr verstehen und liebevoll annehmen
  • Theorie und Praxis des Veränderungswissens zu erwerben
  • angesichts herausfordernder zwischenmenschlicher Situationen die Fassung zu wahren und den Boden unter den Füßen zu behalten
  • zwischen eigenen und fremden Gefühlen zu unterscheiden: lebendig mit sich selbst und der Umwelt verbunden sein
  • über achtsames Wahrnehmen körperlichen Erlebens persönlich stimmige Lösungsschritte zu entfalten: Denk- und Heilungsschritte zugleich
  • Techniken der inneren Distanzierung, Beruhigung und Begleitung zu erlernen: die eigene Basisstation sein
  • schwierige und konfliktreiche zwischenmenschliche Situationen frischer, versöhnlicher und für beide Seiten zufriedenstellender zu gestalten
  • liebevoll mit „gefühltem Scheitern“ umzugehen und lebensbejahend zu bleiben
  • sich ohne großen Aufwand entspannter und ermutigter zu fühlen

Diese Aspekte verdeutlichen wie wichtig Focusing für Pflegemütter und Pflegeväter sein kann. Doch was ist Focusing eigentlich genau?

Was ist Focusing? – Der „Entdecker“:

Prof. Eugene Gendlin, geboren 1926 in Wien und seines Zeichens Philosoph, Psychologe und Psychotherapeut, war fasziniert von dem Sich-Einlassen auf das, was schon gespürt, aber noch nicht gewusst wird. Mit seinen Eltern floh er 1938 vor den Nationalsozialisten in die USA, studierte in Chicago Philosophie und wurde im Verlauf seiner Karriere zum Professor für Philosophie und Verhaltenswissenschaften der Universität Chicago berufen.

Für seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Psychotherapie erhielt er höchste Auszeichnungen. Sein erstes Buch FOCUSING (auf das weitere rund 500 Veröffentlichungen folgen sollten) erschien 1978 und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. In seiner Arbeit verbinden sich empirische Psychotherapieforschung, psychotherapeutische Praxis und Philosophie zu einem Ganzen. Er ist der Entdecker des „Felt Sense“, einer Erlebniskategorie, die heute das Herzstück des Focusing bildet.[3]

Die Praxis:

Focusing, das ist die gute Nachricht, die wir von Frau Dipl. Psychologin Charlotte Rutz (Referentin) erhalten, ist „für Jederfrau und Jedermann erlernbar“. Focusing für Pflegemütter und PflegeväterFrau/Mann kann sich Focusing als eine Art Werkzeugkoffer voller vieler kleiner, leichter, intuitiver Techniken, Konzepte, Landkarten und Übungsanleitungen vorstellen, die die/den Focusing-Praktiker/in grundsätzlich dabei unterstützen, sich in einer freundschaftlichen und annehmenden Beziehung zu sich selbst zu beheimaten.

Das freundliche Verstehen von sich selbst…

Dieses „freundliche Verstehen“, das uns häufig in Kontakt mit dem befreundeten oder geliebten Gegenüber selbstverständlich ist, sollte von wesentlicher Bedeutung sein auch für die innere Kommunikation mit uns selbst: „Genau wie in einer zwischenmenschlichen Beziehung eröffnet nur die Haltung des liebevollen, akzeptierenden Annehmens und Belassens, wie es gerade ist, den Raum für Veränderung, Wandlung und innere Kreativität. Nur so heilen innere Verwundungen und entsteht in uns überraschend Neues.“, sagt Klaus Renn, approbierter Psychotherapeut und einer der beiden Leiter des Deutschen Ausbildungsinstituts für Focusing und Focusing-Therapie (DAF).[4]

Den Kontakt mit sich selbst nicht zu verlieren, gerade in heiklen Situationen mit lieben Mitmenschen, ist die Voraussetzung dafür, dass auch schwierige Situationen für beide Seiten befriedigender und versöhnlicher gestaltet werden können.

Focusing für Pflegemütter und Pflegeväter einfach selbst ausprobieren…

„Es ist schwer“, so Frau Dipl. Psychologin Charlotte Rutz, „über Focusing zu schreiben. Ausprobieren ist die Devise!“ Zum Ausprobieren haben die Pflegefamilien des St. Elisabeth-Vereins zum zweiten Mal in diesem Jahr Gelegenheit:

Der zweite „Focusing-Schnuppertag“ findet am Samstag, 21.04.2018 in unseren Seminarräumen in Marburg statt. Begleitet werden die Teilnehmenden auch an diesem Tag von Frau Charlotte Rutz, die in den vergangenen Jahren vielfache Erfahrungen mit Focusing gesammelt hat: Sie selbst hat bei Klaus Renn am DAF als Teilnehmende verschiedene Ausbildungsabschnitte, bis hin zur Focusing-Therapeutin, absolviert. Heute arbeitet sie regelmäßig mit Focusing-Elementen und engagiert sich in der Focusing-Ausbildung.[5]

Basisstation für sich und andere: Focusing für Pflegemütter und Pflegeväter

Die Frage, die sich stellt…

Wie kann das gehen und welche enormen emotionalen Aufwendungen werden wohl betrieben, um als Pflegemütter und -väter auf oft „ schwerer See“ Tag für Tag Familie leben zu können?

Nach jedem persönlichen Gespräch, nach jeder Fortbildungsveranstaltung, jeder Regionalgruppe wird diese Frage in mir lauter … Die Konstellationen sind besonders – in vielerlei Hinsicht. Pflegekinder sind Kinder, die per definitionem, in schwierigem Gelände zurechtzukommen aufgefordert sind:

Zu allen altersgemäßen Entwicklungsanforderungen, die jedes Kind zu bewältigen hat, kommt – in jedem Fall- die eine ganz spezielle Anforderung hinzu: Als Kind nicht bei den leiblichen Eltern oder zumindest einem leiblichen Elternteil zu leben. Warum auch immer. Etwas ist geschehen. Was auch immer.

Spuren, die sich Bahn brechen…

Was geschehen ist, hinterlässt Spuren. Spuren, die sich in der „neuen“, der „anderen“ Familie Bahn brechen. Verbunden oft mit großen Anstrengungen aller jener, die diese Familie sind.

Wie umgehen, mit verzweifelten, aggressiven Wutanfällen der Kinder, mit ihren manchmal sehr originellen Gewohnheiten, mit Angstzuständen, emotionalem Rückzug, (teils) extremen, nicht eindeutig einzuordnenden Reaktionen auf Kontakte mit leiblichen Eltern, und, und, und … ??

Wie mit all dem umgehen und trotzdem in Beziehung bleiben, versöhnlich sein, Nähe anbieten, gelassen reagieren…? Pflegeeltern sind also auf enorme Weise gefordert: Tag für Tag. Es bleibt deshalb nicht aus und kann auch nicht ausbleiben, dass Kraftreserven geringer werden, negative Gefühle entstehen – dem Kind und sich selbst gegenüber, innere Not erlebt wird, Frau/Mann manchmal einfach nur aufgeben will, weil die Situation ausweglos erscheint.

Gute Rahmenbedingungen für Pflegefamilien…Focusing für Pflegemütter und Pflegeväter

Pflegefamilien brauchen deshalb Rahmenbedingungen, die sie in ihrer Aufgabe bestmöglich unterstützen. Neben regelmäßiger persönlicher Beratung sowie zusätzlicher Supervision, sind dies beim St. Elisabeth-Verein kostenfreie Fortbildungsangebote, die auf Pflegefamilien zugeschnitten sind. Auch Focusing für Pflegemütter und Pflegeväter kann da eine Antwort geben.

 

„Im Spielerischen liegt eine andere Möglichkeit des Lebendig – Seins:
eine Bereitschaft, sich auf die schwierigen Probleme mit einem Appetit auf
Leben, einer Fähigkeit, sich an gute Zeiten zu erinnern und einer Freude am
Leben einzulassen.“ Prof. Eugene Gendlin

Selbstfürsorge unterstützen: Focusing für Pflegemütter und Pflegeväter des St. Elisabeth-Vereins e.V. im Fortbildungsangebot 2018

Der Geschäftsbereich bietet in diesem Jahr erneut an, Focusing kennenzulernen und einzuüben: „Focusing-Schnuppertage“ (23.02.2018 oder 21.04.2018) und ab Herbst zusätzlich ein mehrtägiges Focusing-Seminar (Start am 26.10.2018) können hierzu genutzt werden. Mehr zu den Fortbildungen für unsere Pflegemütter und Pflegeväter finden Sie unter „Fortbildungen“.

Das sagen Teilnehmende des ersten „Focusing-Schnupperstages“: 

„In einer ruhigen und gelassenen Atmosphäre konnte mit verschiedenen Übungen/Methoden experimentiert werden – eine ganz andere Art und Weise ein Seminar zu erleben.“

Es war ein wunderbarer Tag ohne Leistungs-oder zumindest Erkenntnisdruck. In ruhiger und ausgesprochen wertschätzender Atmosphäre ist zwischen manchen Teilnehmenden ein sehr persönlicher und vertrauensvoller Austausch möglich gewesen.Kurze Meditationen (stehend, sitzend oder liegend – ganz nach der eigenen Vorliebe) haben zu einer angenehmen Entschleunigung beigetragen.    Ich mache weiter!   Annette Wüst

Wie kann ich eine Situation, ein Gefühl, ein Erlebnis welches  unangenehm und bedrückend mein Leben belastet, anschauen – und annehmen ?In einer von Frau Rutz vorgeschlagenen Partnerübung konnte ich mich in mein inneres Erleben begeben. Es liegt in meiner Verantwortung mich dem unangenehmen Befinden zu nähern, es genauer anzuschauen und zu akzeptieren. Ich  bin der Gestalter. Damit ist noch keine Lösung bewirkt.Durch die vertrauliche Atmosphäre aus Eigenwahrnehmung und Zuhören ist ein Freiraum entstanden, bei dem die Bedrückung durch das unangenehme Befinden an Gewicht verloren hat. Schwierig zu erklären – Einlassen und Ausprobieren…

Interessieren Sie sich für die Arbeit als Pflegefamilie oder möchten Sie einmal in unsere Fortbildungen reinschnuppern, wenden Sie sich bitte über unser Kontaktformular an uns!

[1] Ausgesprochen von einem Zenmeister auf einer Focusing- Sommerschule

[2] Bücher, die die Wirkungsmöglichkeiten von Focusing darstellen sowie Übungsanleitungen enthalten: Klaus Renn: Dein Körper sagt Dir, wer Du werden kannst (2017); Ebd: Magische Momente der Veränderung (2016)

[3] Wenn Sie mehr über die Hintergründe, Haltungen und Axiome von Focusing sowie den Einsatz von Focusing in der Therapie erfahren wollen, dann empfiehlt sich ebenfalls das Buch von Klaus Renn: Magische Momente der Veränderung. (2016)

[4] Vgl. Klaus Renn: Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst.(2017), S. 67f.

[5] Mehr über Focusing erfahren Sie auch auf der Internetseite des DAF

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